Trotz Moderne

04. Juli 2012 09:20; Akt: 04.07.2012 12:08 Print

«Religion wirds auch in 100 Jahren geben»

von Simon Hehli - Glaubens-Experte Christoph Bochinger weiss, warum Debatten über Religion hitzig sind, obwohl immer weniger Leute glauben – und wie aus «Albanern» «Muslime» wurden.

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Die Hände zum Gebet gefaltet - ein Bild, das auch in der Schweiz nicht so schnell verschwinden wird. (Bild: Keystone/AP/Thomas Lohnes)

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Herr Bochinger, die Debatte um Kreuze auf Berggipfeln und in Schulzimmern wirft in Leserforen und Leserbriefspalten hohe Wellen. Religion ist offenbar ein kontroverses Thema.
Ja, das hat auch unser Forschungsprojekt gezeigt. Gipfelkreuze sind in weiten Kreisen als kulturelles Symbol akzeptiert. Bei den Kreuzen in Schulzimmern sieht es schon anders aus, weil sie eindeutiger eine religiöse Botschaft haben. Selbst viele Leute, die Kirchenmitglieder sind, haben mit Kreuzen in öffentlichen Gebäuden Mühe. Andererseits pochen viele Personen darauf, dass die Schweiz christliche Wurzeln hat. Solche Konstellationen führen zu heftigen Debatten.

Umfrage
Welche Rolle wird die Religion in der Schweiz künftig spielen?
21 %
9 %
45 %
25 %
Insgesamt 1043 Teilnehmer

Sie schreiben von einer «überzeichneten Form», in der religiöse Themen in der Öffentlichkeit an Bedeutung gewinnen. Was ist damit gemeint?
Die Medien berichten selten über rein religiöse Themen – etwa darüber, was es bedeutet, den Ramadan zu praktizieren. Viel häufiger kommt Religion im Huckepack mit politischen und gesellschaftlichen Themen: Wenn irgendwo eine Bombe hochgeht. Oder wenn die Muslime in Schweizer Gefängnissen überproportional vertreten sind.

Soll man darüber nicht berichten?
Es geht um eine verzerrte Wahrnehmung. Es ist nicht so, dass der Islam seine Anhänger kriminell macht, wie das suggeriert wird. Relativ viele der muslimischen Immigranten sind männlich, jung, unverheiratet, ohne Abschluss und arbeitslos. In jeder Gruppe, auf welche diese Merkmale zutreffen, ist die Kriminalitätsrate erhöht. Bei Lateinamerikanern würde es wohl nicht anders aussehen – aber sie fallen als Katholiken in der Statistik nicht auf.

Sie warnen davor, dass Religion immer mehr als ein Mittel der Ausgrenzung dient.
Ja. Das lässt sich schon auf dem Schulhof beobachten. Die albanischen Kinder sind nicht mehr Albaner – sondern eben Muslime. Das ist eine bedenkliche Entwicklung. Denn wenn sich die Mehrheitsgesellschaft als exklusiv christlich definiert, kann sich ein muslimischer Immigrant nicht mit seiner neuen Heimat identifizieren, auch wenn er es gerne will. Er kann ja nicht gleichzeitig Muslim und Christ sein. Egal, ob ein Bosnier religiös ist oder nicht – er kommt in die Schublade «Muslim».

Hat diese Entwicklung mehr mit der Zuwanderung von Muslimen, etwa aus der Türkei oder vom Balkan, zu tun – oder mit den Kriegen des «Westens» gegen islamische Länder nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001?
Eher mit Letzteren. Eine unserer Studien zeigt, dass die Reduzierung der Immigranten auf ihre Religion erst mit den Anschlägen in Madrid und London in den Jahren 2004 und 2005 begonnen hat, als der islamistische Terror geografisch näher rückte. Andere Studien sagen, dass die Entwicklung bereits in den 90er-Jahren begonnen hat. Es ist auf jeden Fall ein Phänomen, das den ganzen Westen betrifft: Nach dem Ende des Kalten Krieges brauchte es ein neues Feindbild, das den Kommunismus ersetzen konnte.

Und so bewerten selbst säkulare Schweizer das Christentum positiver als den Islam – obwohl auch in der katholischen Kirche die Frauen unterdrückt werden und evangelikale Fundamentalisten wissenschaftsfeindlich sind?
Ja. Es ist die logische Konsequenz: Wenn «die Anderen» Muslime sind – was sind dann wir? Eben nicht nur Schweizer, sondern auch Christen. Diese Entwicklung darf man aber nicht missverstehen. Die Leute benutzen das Label «Christ» zur Abgrenzung, ohne dass sie dabei religiöser werden. Im Gegenteil.

Das ist das Paradoxon, das Sie festgestellt haben: In der öffentlichen Debatte gewinnt die Religion an Bedeutung, doch für den Einzelnen wird sie je länger je unwichtiger.
Das trifft zumindest auf die institutionalisierte Form der Mitgliedschaft in grossen Gemeinschaften zu. Eine klare Mehrheit der Schweizer wird immer weniger religiös, und wenn, dann sucht sie eine Form von Religion, die sich im Privaten abspielt. Die öffentlich ausgelebte Frömmigkeit verschwindet. Wenn Religion in der Öffentlichkeit als Thema präsent ist, dann hat das wenig mit der Religiosität der Menschen zu tun.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung?
Die sind sehr vielfältig. Es gibt einerseits die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, dass die Bindekräfte grosser Institutionen nachlassen: Auch Gewerkschaften und Parteien verlieren Mitglieder. Jede Person sucht sich einen individuellen Weg durchs Leben – so auch in der Religion. Es gibt zudem in den Dörfern keinen gesellschaftlichen Druck mehr, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen oder jemanden mit derselben Konfession zu heiraten. Andererseits gibt es auch religionsspezifische Gründe. In jeder Buchhandlung gibt es Ratgeber aus jeder beliebigen Religionstradition. So wenden sich viele Leute zwar noch an die Kirche, wenn es um Taufen oder Hochzeiten geht – aber in einer Lebenskrise vertrauen sie auf alternative spirituelle Angebote oder den Psychotherapeuten.

Wir sind also immer noch religiöse Wesen – nur befriedigen wir unsere spirituellen Bedürfnisse einfach ausserhalb der Kirchen?
Nur für jeden zehnten Schweizer ist nach den Ergebnissen unserer Forschungen Religion überhaupt kein Thema mehr. Die grösste Gruppe sind mit 64 Prozent jene, die wir die Distanzierten nennen. Sie haben bestimmte Vorstellungen von einer höheren Macht, aber ein distanziertes Verhältnis zu den Kirchen. Sie billigen diesen zwar zu, dass sie wichtige Aufgaben erfüllen, etwa für sozial Benachteiligte. Aber für ihr eigenes Seelenheil brauchen sie die Kirche nicht. Neben den 17 Prozent, die weiterhin in Kirchen oder Freikirchen stark aktiv sind, gibt es noch die 9 Prozent Alternativen. Sie greifen auf alternative spirituelle Angebote zurück, etwa aus dem Bereich der Esoterik. Aber es ist nicht so, dass diese Gruppe massiv wächst.

Für viele Religionskritiker ist die fortschreitende Säkularisierung eine zwangsläufige Folge von Aufklärung und Moderne. Wenn immer mehr Leute den Kirchen immer gleichgültiger gegenüberstehen – wird die Religion dann nicht irgendwann ganz verschwinden?
Ich wage die Prognose, dass es die Religion in hundert Jahren noch geben wird. Aber als selbstverständlicher Faktor in Staat und Gesellschaft verschwindet sie immer mehr. Es gibt stark wachsende Freikirchen, doch das ist nur eine kleine Nische von zirka 2 Prozent der Schweizer Bevölkerung. Anderseits gibt es westliche Länder, wo die Religiosität ungebrochen stark ist oder sogar noch wächst, wie die USA oder Polen. Das könnte einen Einfluss auf die Religiösen in der Schweiz haben.

Dann wäre sogar eine «Rückkehr der Religion» möglich, wie sie manche Religionswissenschaftler propagieren – etwa in Zeiten grösserer Krisen?
Nein, das dann doch nicht. Diese These kommt aus den USA, doch bei uns ist keinerlei Trendumkehr zu beobachten. Bei den Mitgliederzahlen der Kirchen gibt es derzeit nur eine Richtung: nach unten.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Vorsicht, viel wichtiger ist es, dass jeder nicht Jesus, sondern einen Glauben per se annimmt. Auch der Islam, der Buddhismus und viele weitere Glaubensrichtungen postulieren die gleichen Prinzipien wie das Christentum. Sofern man sich an den Glauben selbst, nicht aber an die Religion oder Kirche hält, hat jeder Glaube die gute Wirkung auf die Menschheit. In dem Moment, in dem sich eine Religion über die anderen stellen will, fängt die Misere an. – Hans Mayer

In Europa werden wir aber eines Anderen belehrt. Es gibt beunruhigende Strömungen, die sehr schnell wachsen. Die Salafisten. Sie stellen den Koran über alle weltlichen Gesetze: Sie sind eine islamistische Strömung, die sich streng an der Frühzeit des Islam orientiert. Sie verteufeln die Sitten der Ungläubigen und der unfrommen Muslime. Genau diese Ideologie hat in den letzten Wochen sämtliche Zeitungen in Deutschland mit Schlagzeilen gefüllt. Dabei wurden 70 Razzien durchgeführt + Verbote ausgesprochen. Man soll jetzt ehrlich über die Zustände berichten, und zwar bevor viele radikalisiert sind – Peter Keller

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simu Spinu am 04.07.2012 14:31 Report Diesen Beitrag melden

    leiche an der wand

    ich frage mich, wie man eine leiche die am kreuz hängt anbeten kann? was wäre denn wenn der liebe herr jesus erhängt wurde? würde in jeder kirche einen strick hängen?

    einklappen einklappen
  • Schweizmann am 05.07.2012 09:52 Report Diesen Beitrag melden

    erfreulicher Trend

    Wenn ich hier die Kommentare durchlese, freut es mich zu sehen, dass je länger je mehr die Leute verstehen, dass Gott/Götter eine Erfindung sind um den Menschen einen Sinn zum Leben geben (und sie zu kontrollieren). Zum Glück gibt es heute genügend andere Möglichkeiten sich zu beschäftigen und man muss nicht mehr an solchen Humbug glauben. Heutzutage steht Wissen im Vordergrund, nicht Glauben (annehmen, spekulieren, fantasieren, etc.). Den Spruch "Hühner glauben", gibt es nicht umsonst.

  • Kevin am 04.07.2012 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Religion

    Meine Religion ist Super Mario und Nintendo und die tun niemandem was zu leide

Die neusten Leser-Kommentare

  • Phil. am 07.07.2012 18:24 Report Diesen Beitrag melden

    Gegen die Logik

    Eigenartig ist es schon, dass Atheisten gegen etwas ankämpfen, von dem sie behaupten, dass es gar nicht existiert. Ist das logisch? Jede Negation setzt ein Materialobjekt voraus, hier fehlt es gänzlich, also ist der Widerstand ein Kampf in die Leere!

  • pesche am 05.07.2012 23:46 Report Diesen Beitrag melden

    Religion

    Religion ja aber nur noch eine

  • Schweizmann am 05.07.2012 09:52 Report Diesen Beitrag melden

    erfreulicher Trend

    Wenn ich hier die Kommentare durchlese, freut es mich zu sehen, dass je länger je mehr die Leute verstehen, dass Gott/Götter eine Erfindung sind um den Menschen einen Sinn zum Leben geben (und sie zu kontrollieren). Zum Glück gibt es heute genügend andere Möglichkeiten sich zu beschäftigen und man muss nicht mehr an solchen Humbug glauben. Heutzutage steht Wissen im Vordergrund, nicht Glauben (annehmen, spekulieren, fantasieren, etc.). Den Spruch "Hühner glauben", gibt es nicht umsonst.

  • Roman Bachmair am 05.07.2012 09:02 Report Diesen Beitrag melden

    Man kann ja glauben, an was man will

    Seit ich Atheist bin, habe ich genau gleich viel (oder wenig) Geld in der Tasche, auch bin ich immer noch Gesund (was ja das wichtigste ist). Das einzige, was ich glaube: "Ich glaube, heute gibt es ein Feierabendbier"...

  • Emini Abel am 04.07.2012 20:35 Report Diesen Beitrag melden

    Albanertum

    Die Identität der Albaner basiert nicht auf einer Religion. Sowieso sind wir sehr multireligiös. Alle Albaner egal welche Religion sie angehören fühlen und leben als Albaner.