Sexueller Missbrauch in Biel

03. April 2019 11:10; Akt: 03.04.2019 11:10 Print

«Richterin rollt dem Täter den roten Teppich aus»

Ein Lehrmeister wird boykottiert, weil er Lehrtöchter sexuell missbraucht hat. Dass er weiterhin Lehrlinge ausbilden darf, beschäftigt auch die Politik.

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In Biel sorgt das Urteil gegen einen Bäcker für rote Köpfe: Der Lehrmeister erhielt eine bedingte Gefängnisstrafe von 20 Monaten. Die Richterin des Regionalgerichts Berner Jura-Seeland verzichtete im Missbrauchsfall aber darauf, ihm die Lehrlingsbetreuung zu entziehen – obwohl das Gesetz dies erlaubt hätte. Man wolle ihm eine Chance geben, da er seit fünf Jahren nicht rückfällig geworden sei. Man werde ihm aber auf die Finger schauen.

Das Urteil bewegt nicht nur die Bieler Bevölkerung, sondern gibt auch in der Politik zu reden. BDP-Nationalrat Bernhard Guhl sagt etwa: «Wir werden im Parlament fast gezwungen, Mindeststrafen einzuführen und den Handlungsspielraum der Richter zu beschneiden.» In einem solchen Fall müsse in erster Linie verhindert werden, dass es neue Opfer gebe. «Indem er weiter Lehrlinge ausbilden darf, rollt man ihm den roten Teppich aus.» Dabei gebe es immer ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Chef und den Lernenden. Es sei blauäugig, wenn ein Gericht hier die Wiedereingliederung des Täters so hoch gewichte.

«Ich verstehe, dass die Leute wütend sind»

Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan sagt in Bezug auf die Boykott-Aufrufe gegen die Bäckerei: «Ich verstehe, dass die Leute wütend sind.» Der Lehrmeister habe aber eine Strafe gemäss Strafgesetz bekommen – dank der mutigen Frauen, die die Kraft gehabt hätten, gegen ihn zu prozessieren.

Die Richterin zu kritisieren, sei nicht ihre Aufgabe als Politikerin. Bereue jemand seine Tat, solle er grundsätzlich eine zweite Chance erhalten. In diesem Fall sollte der Mann aber keine Lernenden mehr ausbilden dürfen. Der Lehrmeister hat aufgrund des Protests mitgeteilt, sich aus dem operativen Geschäft zurückziehen zu wollen.

Kritik auch an den Behörden

Unter Beschuss steht auch das Berufsbildungsamt des Kantons Bern. Dieses wird in einem Kommentar des «Bieler Tagblatts» angegriffen: Es hatte sich schon im Dezember 2014 nach einer Meldung durch eine Lernende eingeschaltet. Doch nach einer Verwarnung seien keine weiteren überzeugenden Massnahmen ergriffen worden, um die Lehrlinge zu schützen. So habe man den Lehrmeister auch nicht bis zum Prozess mit einer Betreuungs-Pause belegt.

Gegen die Kritik wehrt sich Amtsvorsteher Theo Ninck. Man habe nur von einem einzigen Fall Kenntnis gehabt. Die Lernende habe sich im Oktober 2014 an die Ausbildungsberatung gewandt, weil sie sich im Betrieb nicht mehr wohl gefühlt habe. «Wir haben sofort mit der betreffenden Person ein Gespräch geführt und den Lehrbetrieb damit konfrontiert. Der Lehrbetrieb hat die Vorwürfe nicht abgestritten und es wurde eine Verwarnung ausgesprochen. Da dies die einzige Meldung gewesen ist und wir keine weiteren Beanstandungen hatten, wurden auch keine weiteren Massnahmen in Betracht gezogen.»

Im Sommer 2016 sei die Ausbildungsberatung von der Staatsanwaltschaft gebeten worden, alle Unterlagen bezüglich dieses Lehrbetriebs zur Verfügung zu stellen: «Wir konnten erst damals realisieren, dass möglicherweise weitere Vorfälle zur Diskussion stehen.» Aufgrund des Schreibens der Staatsanwaltschaft sei der Lehrbetrieb aufgefordert worden, die Ausbildungsverantwortung an andere im Lehrbetrieb angestellte Berufsbildner zu übertragen. «Dies ist auch umgehend geschehen und wir haben dies kontrolliert», erklärt Ninck. «Der Lehrbetrieb ist bei uns besonders gekennzeichnet.»

(daw)