Tierschutz

02. Juli 2014 15:38; Akt: 02.07.2014 15:38 Print

«Ringelschwanz-Prämie ist ein Armutszeugnis»

von J. Büchi - Deutsche Züchter sollen für Schweine mit intaktem Schwänzchen eine Prämie bekommen. Für Tierschützer zeigt dies, aus welch desolater Haltung das Fleisch stammt, das auch in die Schweiz gelangt.

storybild

Schweine in einem Walliser Stall im Jahr 2009 mit intaktem Ringelschwänzchen. (Bild: Keystone/Jean-christophe Bott)

Zum Thema
Fehler gesehen?

In der Werbung gehört das Ringelschwänzchen zum Schwein wie der Stall zum Bauernhof. Die Realität sieht aber oft anders aus: Entweder beissen sich gestresste Tiere die Schwänze gegenseitig ab. Oder die Züchter kürzen sie vorsorglich, um ebensolche Verletzungen zu verhindern. Kupieren heisst der Vorgang in der Fachsprache. Beides ist für die Tiere mit grossen Schmerzen verbunden.

Umfrage
Würden Sie es begrüssen, wenn in der Schweiz nur noch Fleisch von nicht-kupierten Schweinen verkauft würde?
89 %
5 %
5 %
1 %
Insgesamt 2254 Teilnehmer

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) will deshalb handeln: Für jedes Schwein, das mit unbeschädigtem Ringelschwanz auf dem Schlachthof ankommt, will er den Bauern künftig bis zu 18 Euro extra bezahlen. «Die Ringelschwanz-Prämie wird bundesweit eine Premiere sein», lässt sich der Politiker auf der Website seines Ministeriums zitieren.

«Armutszeugnis»

Eine Botschaft, die Tierschützer freut – könnte man meinen. Doch das Gegenteil ist der Fall. «Das ist ein Armutszeugnis», sagt Hans-Ulrich Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes. Dies zeige, wie schlecht die Schweine in Deutschland gehalten würden. Denn in der EU ist die Massnahme nur in Ausnahmefällen erlaubt. Wenn man deutsche Züchter nun dafür belohne, wenn sie sich daran hielten, sei das, «wie wenn Autofahrer jedes Mal eine Zehnernote bekämen, wenn sie die Geschwindigkeit nicht überschreiten», ärgert er sich.

In der Schweiz wird das Verbot zwar seit 2008 konsequent umgesetzt. Auch hierzulande landet aber Fleisch von kupierten Schweinen auf den Tellern. «10 Prozent des in der Schweiz konsumierten Schweinefleischs, vor allem Wurst und Aufschnitt, stammt aus dem Ausland», so Huber. Noch nicht enthalten in dem Wert sind Fleischprodukte, die Einkaufstouristen aus dem nahen Ausland einführen.

«Finger weg von Quälfleisch»

Die aktuelle Diskussion zeigt laut Huber, unter welchen Bedingungen dieses Fleisch produziert wird.
Die Gegner der Ringelschwanz-Prämie argumentieren gemäss «Welt», Schweine mit unbeschnittenem Ringelschwänzchen seien aggressiv und würden sich gegenseitig kannibalisieren. Nur wenn Fütterung, Stallausstattung und Klima genau stimmten, könnten die Tiere davon abgehalten werden, sich zu beissen.

Dies sei absolut entlarvend, so Huber: «Man probiert nicht, die Ställe den Tieren und ihren Bedürfnissen anzupassen, sondern umgekehrt, die Tiere durch Kupieren auf die Ställe zuzuschneiden.» Seine Empfehlung an die Schweizer Konsumenten ist deshalb klar: «Hände weg von Quälfleisch aus dem Ausland.» Nur wer Schweinefleisch aus der Schweiz – am besten aus Labelproduktion – kaufe, könne davon ausgehen, dass das Tier unverstümmelt durchs Leben gegangen sei.

Grüne wollen Ringelschwanz-Pflicht

Felix Grob, Geschäftsführer des Verbands Suisseporcs, bestätigt: «Bei guter Haltung und gutem Management kommt es kaum vor, dass sich die Schweine die Schwänze blutig beissen.» Bei den Schweizer Produzenten seien Beschäftigungsmöglichkeiten, Stallklima und Fütterung auf die Bedürfnisse der Tiere abgestimmt. Zudem würden aggressive oder verletzte Schweine von der Gruppe isoliert.

Ein Volksbegehren der Grünen könnte nun sogar dafür sorgen, dass künftig kein Fleisch aus problematischer Haltung mehr in Schweizer Läden kommt. Die Ende Mai lancierte Fair-Food-Initiative verlangt, dass alle importierten Produkte Schweizer Standards entsprechen. Fleisch von kupierten Tieren wäre damit hierzulande tabu. «Mit tierschutzwidriger Importware aus quälerischer Haltung muss definitiv Schluss sein», bekräftigt Maya Graf, Co-Präsidentin des Initiativkomitees.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Susan am 02.07.2014 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich !!

    Bei meinem Vater gab es früher einmal die Woche Fleisch (wenn überhaupt). Meine Grosseltern waren so richtige Arbeiter (also Unterschicht) und es war einfach normal, dass man sich gewisse Dinge nur gelegentlich bis gar nicht leisten konnte (dafür hatten sie ganz viel Liebe im Herzen=)). Heute meint jeder, egal wie klein sein Einkommen ist, er könne trotzdem alles haben und wenns halt gar nicht geht, dann rennt man zur Kreditanstalt. Die Gesellschaft hat das Wort Verzicht vergessen und gewisse gar nie kennengelernt. Irgendwann mit fatalen Folgen für alle.

    einklappen einklappen
  • Fleischesser am 02.07.2014 18:16 Report Diesen Beitrag melden

    Deutsches Fleisch

    Darum kauft und isst man auch kein Deutsches/EU-Fleisch. Viele Einkaufs-Touristen scheinen das Gewissen beim samstäglichen D-Trip in der Schweiz zu lassen und kommen mit Geiz-ist-Geil-Schweinefleisch zurück. Wieso genau das Fleisch so spottbillig ist, fragen sich erstaunlich wenige Leute. Ich bezahle lieber mehr (direkt ab Bio-Hof) dafür brauche ich nicht schon zum Frühstück Wurst und Schinken. Und auch nicht täglich Fleisch.

    einklappen einklappen
  • Peter2 am 02.07.2014 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    Preis des Wohlstands

    Einfach kein Fleisch essen, dann gibt es dieses Problem nicht. Wer glaubt denn tatsächlich, dass man in einem Land mit 80 Mio. Einwohnern Qualitätskontrollen durchführen kann? Deutschland erkauft sich seinen wirtschaftlichen Erfolg mit einem hohen Preis. Und ich sage das nicht mit Häme, denn ich bin selbst Deutscher und finde manche Zustände unerträglich.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hamlet am 03.07.2014 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    Kant!

    Die deutschen haben wohl ihren grossen Philosophen vergessen. Heute handelt man ja nur noch wenn man davon profitiert. Moral, Anstand und Ethik sind auch bei uns immer mehr unerwünscht. Der Staat macht es ja auch noch vor. Rechte und Pflichten passen auch schon lange nicht mehr zusammen. Die psychischen Kranken sind ein Symptom einer kaputten Gesellschaft, aber anstatt die Ursache anzupacken wurstelt man an den Symptomen rum. Anständige Bänker/Tierhaltung soll belohnt werden, DAS SOLLTE DOCH NORMAL SEIN!!!

  • Quiek am 03.07.2014 11:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur wegen Geld

    bringt doch genau nichts! die bauern lassen so die schwänze nur wegen des geldes dran. wenn die prämie wieder gestrichen wird, kommen sie wieder weg.

  • Umg Ekehr am 03.07.2014 10:14 Report Diesen Beitrag melden

    Strafe statt Busse

    Einfachere Lösung; für jedes Schwein ohne Ringelschwanz 20 Euro weniger entrichten....

  • Beni C. am 03.07.2014 09:44 Report Diesen Beitrag melden

    billig billig billig = erbärmlich

    Aber auch unsere Einkaufstouristen wollen doch nur billiges Fleisch... Sie wollen für alles so wenig bezahlen wie möglich! IMMER auf Kosten anderer. Leider ist unser Land immer mehr überschwemmt mit genau solchen Personen die diese Zustände an Tier oder auch Mensch fördern und MIT UNTERSTÜTZEN!

  • j.d. am 03.07.2014 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    siehe

    schein=zeugnis für die gewissenlose und gierige turbo wirtschaft/gesellschaft, diese tiere werden im nullkomma nichts hochgezogen weggebolzt und aus allem wird alles mögliche produziert.. das schwein macht den zinsnehmenden kapitalisten glücklich.. wieso ist es wohl den juden christen und muslimen verboten? .. sicherlich auch weil man keinen herzinfarkt in einnem schweinestall bekommen sollte.. da ist man schneller verdaut als einem liebt ist.. *offtopic* jeder sollte sich größtmögliche mühe machen zu schauen woher und wie sein fleisch kommt!