Politik im Fussball

16. Oktober 2019 04:53; Akt: 16.10.2019 14:21 Print

So sehen Türken in der Schweiz den Militärgruss

Übers Salutieren der türkischen Nationalmannschaft wird auch hierzulande rege diskutiert. Einige Türken vermuten Zwang hinter der Geste, andere freuen sich darüber.

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Um Solidarität gegenüber den türkischen Truppen zu zeigen, die eine militärische Operation in Kurdengebieten in Syrien durchführen, salutierten mehrere Spieler der türkischen Nationalmannschaft am Montagabend während des Matchs gegen Frankreich. Bereits beim Spiel gegen Albanien erhoben sie die Hand zur Geste. Nun wurden die Spieler international für ihr Verhalten kritisiert. Einige fordern gar den Ausschluss der Türkei aus der EM-Quali – eine entsprechende Forderung an die Uefa wurde bereits gestellt.

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Auch in der Schweiz lebende Türken stehen dem militärischen Gruss mit gemischten Gefühlen gegenüber. Die Zürcher Verkäuferin G. T.* sagt etwa: «Ich fand es lieb gemeint, dass die Spieler salutiert haben. Wenn sie deswegen ausgeschlossen werden würden, fände ich das sehr schade.» Die 36-Jährige unterstützt die militärische Offensive in Syrien. «Als die Syrer in unser Land kamen, haben sie es zerstört. Nun machen wir dasselbe und mein Mitleid hält sich in Grenzen», so T.

Ähnlich sieht es auch der 18-jährige Onur Ilhan aus Dietikon: «Ich finde es gut, dass die Spieler salutiert haben. Die Welt soll sehen, dass sie sich für ihr Land einsetzen und die Soldaten unterstützen.» Laut ihm ist die Offensive Erdogans eine Kampfansage gegen «Terrorismus und die Kurdische Arbeiterpartei PKK». «Die Geste ist ein positives Zeichen, aber die Medien machen daraus etwas Negatives», findet der Detailhandel-Lehrling. In seinen Augen sei es daher falsch, wenn man die Türkei von der EM ausschliessen würde. Eine Geldstrafe sei aber angemessen. Dennoch glaubt der 18-Jährige: «Die Spieler werden trotzdem in den folgenden Matches weiter salutieren.»

«Ein Ausschluss wäre noch fast zu milde»

Vor allem die Kurden verurteilen die Ereignisse auf dem Spielfeld scharf: «Das ist total unangebracht. Politik gehört zu den Politikern ins Parlament und nicht auf den Sportplatz», sagt etwa der Unternehmer C. Y.* Der 36-Jährige hofft, dass das Verhalten der Nati-Spieler eine Strafe nach sich zieht. «Aus meiner Sicht ist ein Ausschluss fast noch zu milde», so Y. Zudem frage er sich, was die türkische Nationalmannschaft überhaupt an einer Europameisterschaft zu suchen habe.

«An dem Angriff nach Syrien gibt es überhaupt nichts Lobenswertes. Stattdessen sterben unzählige Unschuldige», sagt ein Mann, der anonym bleiben möchte. Er vermutet, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan mit der Militäraktion verlorene Wählerstimmen zurückholen will. Aufgrund der aktuellen politischen Lage in der Türkei findet er, dass die Spieler nicht bestraft werden sollten: «Erdogan hat sehr viel Macht. Würden die Fussballer das Salutieren verweigern, würde er ihnen das Spielen verbieten.»



«Heimat, Ausland, Klubs: Die Spieler stehen von allen Seiten unter Druck»

Herr Ramm*, der wiederholte Militärgruss der türkischen Fussballer stösst auf heftige Kritik. Wie schätzen Sie die Geste ein?
Ich halte es generell für problematisch, wenn Nationalismus auf den Sport übergreift und aktiv zur Schau gestellt wird – er hat dort nichts zu suchen. Die politische Geste der Spieler gründet auf der aufgeheizten Stimmung in der Türkei: Ich sehe den Militärgruss aber nicht nicht in jedem Fall als Kriegspropaganda, sondern eher als Loyalitätsbekundung.

Sie haben Verständnis für das Verhalten der Spieler?
Zumindest lässt es sich erklären. Die Spieler stehen von mehreren Seiten unter Druck. Die Türkei steht isoliert da, diverse Länder verurteilen den Militäreinsatz in Nordsyrien. Der Grossteil der türkischen Bevölkerung steht jedoch dahinter, und der Nationalismus vereint sie. Das fördert eine imaginäre kollektive Identität, daraus ergibt sich eine «Wir gegen alle»-Haltung. Dazu kommt wohl ein Gruppendruck innerhalb der Mannschaft, sich öffentlich für das Vorgehen des Heimatlands stark zu machen.

Und dazu kommt der Druck aus der Heimat. Wurden die Spieler auch von der Regierung angehalten, sich öffentlich zu bekunden?
Das glaube ich nicht. Aber es ist ein massiver gesellschaftlicher und sozialer Druck, der auf die Spieler einwirkt. Die Bevölkerung erwartet von ihnen, dass sie sich einreihen und den Militäreinsatz unterstützen. Dazu muss man wissen, dass das Militär in der Türkei höchst angesehen ist – es ist jene Institution, der ein Grossteil der Bevölkerung am meisten vertraut.

Druck kommt auch von den Arbeitgebern der Spieler. Cenk Sahin wurde vom FC St.Pauli ausgeschlossen, die Düsseldorfer Spieler Kaan Ayhan und Kenan Karaman verweigerten beim Spiel gegen Frankreich den Militärgruss …
Das macht die Situation noch komplizierter für die Spieler. Sie wollen sich weder gegen ihre Geldgeber noch ihre Heimatbevölkerung stellen. Ich denke, viele wollen sich gar nicht politisch positionieren, sondern am liebsten einfach Fussball spielen.

Was hat die öffentliche Bekundung der Fussballstars für Folgen?
Wenn sich Aushängeschilder der beliebten Sportart so exponieren, fühlen sich die Anhänger des Militäreinsatzes noch mehr bestärkt. Die Konsequenz für die Gegner ist, dass sie kaum mehr gehört werden im Land – und sich nicht mehr an die Öffentlichkeit wagen. Einigen Oppositionellen, die ihre Stimmen gegen den Militäreinsatz erhoben haben, drohen in der Türkei bereits Strafen.

Christoph Ramm ist Türkei-Experte und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamwissenschaft der Universität Bern.


(juu/tha/rol)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kendrik Lehmar am 15.10.2019 11:25 Report Diesen Beitrag melden

    Das ist kein Sport - ausschliessen

    Bin auch der Meinung, dass dies nicht zum Fussball gehört. Der Verein sollte definitiv von der FIFA ausgeschlossen werden vom Wettbewerb.

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  • Fussballbegeisteter am 15.10.2019 20:21 Report Diesen Beitrag melden

    Typisch Türkisch

    Hier liegt es am Schirri und den Anwesenden FIFA Verantwortlichen zu handeln, Abbruch des Spiels, Ausschluss aus dem Fussballzirkus, WM, EM, UEFA-Cup und Championsleague. Schade das der Sport immer mehr Politisch wird :-(

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  • Peter am 15.10.2019 16:15 Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Das Bestätigt wieder einmal mehr meine Meinung über den Fussball. Die Spieler sind halt nicht die Hellsten Kerzen auf der Torte. Egal von welchen Ländern.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Schweizer am 17.10.2019 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    Unverständnis

    1. Im Artikel wird geschrieben, dass ein türkischer Spieler in DE aufgewachsen ist und auch bei Düsseldorf spielt, diese Geste aber nicht erwidert. Warum spielt der junge Herr dann nicht für die deutsche Nationalmannschaft? 2. Die Schweizer "Passanten", welche hier interviewt wurden, scheinen sich sehr für die Geschehnisse im nahen Osten zu begeistern. Warum steht ihr dann nicht an der Front, um euer "Heimatland" zu schützen?! Alle Vorteile der mitteleuropäischen Gesellschaft geniessen aber mit grossem Mundwerk für die "Heimat" plädieren...

  • MTO am 17.10.2019 13:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Missverständnis im Sport

    Ganz einfach, Sport hat nichts mit Politik zu tun. Es muss ein hartes Zeichen gesetzt werden, sonnst eskaliert es in der Zukunft. Wenn man das einfach toleriert, werden in Zukunft keine Spiele mehr ausgetragen, sondern Kriege im Stadion. Erdogan provoziert an allen Ecken und wir reden und reden, statt zu handeln. Die Wirtschaft steht über allem, auch über Armut, Krieg und Unterdrückung, Hauptsache die Profitgier der Reichen funktioniert.

  • Moni am 17.10.2019 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    YB SPEZIAL STRIP

    Als ich das durchschnittsalter dieser Herren pflegte, konnte ich mich der teilweise auch nicht mehr, wie derweil Medienmittarbeiter schon selbst für ein auftreten haben und sich mit Grossnamentlichen Sponsoren oder Prominenten aus einer etweilig anderen Szene zum Shooting bitten lassen. Unsere Young Boys mussten dann noch die Haare gelb färben dass sie von Ihren Nuttlis und Mummlis dann auf der Zeitung vier Tage später auch mit Lesebrille immer noch nicht erkannt wurden. Ausschliessen von der UEFA werden jetzt sicher alle die schreien welche sich bisher sowieso noch nie dafür interessierten.

  • Kurtli am 17.10.2019 12:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer sich für sein Land einsetzt

    der lebt auch in "seinem" Land. Wenn "sein" Land ja so grossartig ist, warum lebt er dann nicht selber in diesem grossartigen Land?

  • Eidgenoss am 17.10.2019 09:24 Report Diesen Beitrag melden

    Und wenn es "Zwang" war

    dann gehört von den 7 löblichen Damen und Herren, die sich Regierung nennen, ein klares Statement. Das geht sowenig wie die selbstherrlichkeit gewisser türkischer Vertreter hier die Pässe konfizieren. Mir kommt das alles so vor wie die Geschichten aus den 40iger Jahren des 20 Jahrhunderts.