Esoterische Generation

13. April 2016 20:40; Akt: 13.04.2016 21:07 Print

«Schamanismus ist wieder extrem trendy»

von T. Bircher - Junge Schweizer sind auf dem Esoterik-Trip. Sie interessieren sich für geistige Heilung, Tierkommunikation und Wahrsagerei.

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Dass sich die Organisation Ayahuasca International in der Romandie niedergelassen hat und nun öffentlich für Drogenrituale wirbt, alarmiert Suchtexperten. Doch nicht nur die Amazonas-Droge fasziniert die Schweizer. Die Hinwendung zur Spiritualität allgemein erlebt hierzulande ein Revival – vor allem bei den Jungen.

Der Trend funktioniert aber anders als früher, wie Sektenexperte und Religionswissenschaftler Georg Otto Schmid sagt: «Sie interessieren sich im Gegensatz zu den 80er- und 90er-Jahren weniger für die Ideologie oder die Theorie dahinter, sondern greifen nur punktuell auf gewisse Angebote der Esoterik zurück.» Besonders beliebt seien Themen wie Heilung, Alternativmedizin, Wahrsagerei, Tierkommunikation und Jenseitskontakte.

«Esoterik wird heute einfach mit allem verbunden»

Lucius Werthmüller ist Präsident des Basler Psi-Vereins, der Seminare rund um das Thema Spiritualität organisiert. Er sieht an seinen Veranstaltungen immer mehr junge Leute: «Viele finden in den etablierten Religionen keine Antwort mehr auf ihre Fragen und suchen nun woanders.»

Schmid sieht noch einen anderen Ansatz: «Es geht den jungen Erwachsenen hauptsächlich darum, auf effektive Weise konkrete Probleme zu lösen», sagt auch Schmid. Dabei könne man säkular, atheistisch, buddhistisch oder auch gemässigt religiös sein. «Esoterik wird heute einfach mit allem verbunden», so Schmid. Man bediene sich aller möglichen Optionen, bis man etwas gefunden habe, das Wirkung zeige.

Viel mehr Anfragen von 20- bis 30-Jährigen

«Macht der Hund Probleme, geht man zum Tierarzt. Hilft eine medizinische Behandlung nicht, schaut man sich weiter um. Wenn man dann jemanden findet, der einem sagt, er könne Botschaften zwischen dem Tier und der Besitzer übermitteln, dann kann das attraktiv wirken», so Schmid. Ähnlich gingen Junge beispielsweise auch mit ihrer Trauer um. «Bringt der Besuch beim Psychologen nichts, geht man zu einem Medium, um Kontakt mit dem Verstorbenen aufzunehmen», sagt Werthmüller.

Ein weiterer Boom unter der jüngeren Generation erlebt derzeit auch der Schamanismus oder Neo-Schamanismus. Dies bestätigen sowohl Schmid und Werthmüller als auch mehrere Schamanen auf Anfrage. Teo Timoteo, Schamane, Heiler und Medizinmann, sagt beispielsweise: «In den letzten Jahren bekomme ich viel häufiger als früher Anfragen von 20- bis 30-Jährigen.» Ihre Probleme drehten sich meist um Liebe, Job und Gesundheit. Vor allem Letzteres sei seit Kurzem ein wichtiges Thema, das die Jungen zu beschäftigen scheine.

Schamanentrommel, Trance und geistige Welten

Auch Schmid sagt, der ganze Gesundheitswahn spiele der Esoterik und dem Schamanismus in die Hände. «Die heutige Jugend legt grossen Wert auf gesunde Ernährung, Sport und Ausgeglichenheit.» Was ein gesünderes Leben verspricht, wird gerne getestet. Das Thema spirituelle Heilung laufe deshalb bei den Jungen mit Abstand am besten, so auch Wertmüller.

Schamanismus ist laut Schmid aber auch deshalb «extrem trendy, weil viele junge Menschen sich wieder mit der Natur in Verbindung setzen wollen». Seit 2000 sei dies sehr viel populärer geworden. Etliche Anbieter hätten sogar von der Esoterik auf Schamanismus umgesattelt.«Es hat etwas Traditionelles, Frisches und Unverbrauchtes und es wird mit Naturvölkern assoziiert», so Schmid.

«Verloren in der Unendlichkeit der Möglichkeiten»

Der globalisierte, urbane Mensch sehne sich nach der Natur und den eigenen Wurzeln. «Sich zurückzuziehen ins eigene Zimmer, auf seiner Schamanentrommel zu spielen, bis man in Trance gerät, und dann durch geistige Welten zu reisen, ist gerade für junge Menschen eine reizvolle Vorstellung.» Werthmüller stimmt zu: «Sie wollen zurück zu ihren Ursprüngen.»

Werthmüller glaubt, dass die Entwicklung hin zum Schamanismus zudem mit einer Sinnsuche zu tun habe: «Viele verlieren sich in der Unendlichkeit der heutigen Möglichkeiten.» Alte Traditionen hätten etwas Tröstliches.

Von Naturdrogen die Finger lassen

Weiter begeistere auch der amerikanische Trend, der sich rund um die Themen Erfolg und Potenzial-Entfaltung drehe, die Jungen. «Am Schluss geht es ihnen um Selbstverwirklichung.» Jeder stelle sich seine eigene Philosophie zusammen. «Eine Prise indische Kultur, ein bisschen Yoga, ein wenig amerikanische Erfolgsstrategie und am liebsten noch ein Stückchen Buddhismus. Der ist auch äusserst populär derzeit.»

Gefährlich werde dieser Trend einzig für Menschen, die sich zuvor nicht richtig über den Anbieter informierten. Diese riskierten, abgezockt zu werden, sagt Schmid. «Viele unseriöse Anbieter nutzen das derzeitige Interesse an der Esoterik aus.» Und sobald Drogen ins Spiel kämen– beispielsweise, um ausserkörperliche Erfahrungen zu machen – werde es heikel. Vor allem Naturdrogen seien riskant. «Davon sollte man schlicht die Finger lassen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jandra am 13.04.2016 21:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Back to the nature

    Schamanismus ist weder ein Hype noch trendy, sondern eine alte Weisheit, mit der wir leider nicht wirklich mithalten können. Anstatt es als "Mode" zu deklarieren würde man besser mehr in der Natur verweilen, respektvoller mit Mensch, Tier und Pflanzen umgehen und in sich gehen. Freitags zum Schamanen und das Wochenende an der Party, bringt kaum etwas...ausser ev die Coolness sich dafür zu intetessieren.

  • Andreas Basel am 13.04.2016 21:00 Report Diesen Beitrag melden

    Wissen schaft und Esoterik vereinbar?

    Das finde ich eine gute Sache. Denn nicht alles zwischen Himmel und Erde lässt sich mit Wissenschaft erklären. Zudem nähern sich Wissenschaft und Esoterik sogar langsam wider an. Wenn man die Quantenphysik und die String Theorie etwas genauer an schaut merkt man immer mehr das alles eins ist. Alles ist verbunden. Und das widerrum errinnert mich stark an das was Esoteriker glauben. Villeicht ist Wissenschaft und Esoterik gar nicht so verschieden.

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  • Josef am 13.04.2016 21:43 Report Diesen Beitrag melden

    Frage der Zeit

    Ich nehme sowieso an, dass die heutigen grossen Weltreligionen, wenn sie so weiter machen wie jetzt, auf längere Zeit, keine Überlebenschance haben.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Scaevola am 14.04.2016 12:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zeremonienmeister

    Mit trendigem Schamanismus ist vermutlich eher der Neopaganismus gemeint, der sich seit der Renaissance verbreitet. Schamanismus in einem weltweit einheitlichen Sinn gibt es gar nicht. Ich persönlich bevorzuge allerdings den Jediismus und bin Anhänger des FSM (Flying Spaghetti Monster). Suum cuique.

  • Karlsson am 14.04.2016 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jesus liebt Uch dich!

    Den Mensch sucht immer nach etwas das doch eigentlich schon lange hier ist, Jesus Christus. Hört auf zu suchen und lest die Bibel.

  • Nostalgiker am 14.04.2016 09:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billige Kopien der wahren Religion

    Okkultismus ist zwar so alt wie der Sündenfall aber "trendy" ist ein guter Ausdruck für den Zeitgeist. Eine sekuläre Gesellschaft muss damit leben können, dass die reine Religion durch allerlei Kopien Satans ersetzt wird.

  • E. K. am 14.04.2016 08:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die einzige ablolute Wahrheit

    Die Kommentare hier zu lesen ist einfach köstlich. Jeder ist im Besitze der einzigen absoluten Wahrheit. Ich auch...

    • Peter P. am 14.04.2016 09:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @E. K.

      Natülich besitzt jeder die absolute Wahrheit, sie steckt im Portemonnaie und heisst Geld ;)

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  • Lukas am 14.04.2016 08:39 Report Diesen Beitrag melden

    Die Geisterwelt ist real

    Die jungen Menschen suchen meist nur Inhalt in einer immer schneller lebenden und von ewigen Werten getrennten rein materialistisch geprägten Welt. Esoterik und Okkultismus ist seit dem Sündenfall die Kehrseite des reinen Gottesglaubens. Schade einfach, dass es immer weniger glaubhafte Christen gibt, die den guten Weg aufzeigen könnten. Denn wer sich mit der Geisterwelt einlässt, der wird zwar erfahren, dass es diese gibt, aber man öffnet sich damit zerstörerischen Kräften.

    • eva am 14.04.2016 09:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Lukas

      ja, da stimme ich dir zu. Und es gilt dann oft: "die Geister die ich rief, werd ich nun nicht mehr los".

    • ein schelm am 14.04.2016 11:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Lukas

      da spricht ein wahrhaftig ehrfürchtiger christ. ich respektiere das. aber es gibt durchaus die möglichkeit sich vor negativen kräften zu schützen. wer wahllos, ohne vorbereitung und vorallem ohne erfahrung vorprescht kann danach wohl wahr "doe geister die ich rief, werd ich nicht mehr los" sagen. aber das trifft ja nicht auf alle zu

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