Ernst Mühlemann

13. September 2009 16:24; Akt: 13.09.2009 22:25 Print

«Schattenaussenminister» ist gestorben

Der 79-jährige Thurgauer Alt-Nationalrat Ernst Mühlemann ist in seinem Büro im Sessel für immer eingeschlafen. Sein Tod kam unerwartet. Der «Schattenaussenminister» erreichte, dass Russland in den Europarat aufgenommen wurde.

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Mühlemann ist am Freitag in seinem Heim in Ermatingen TG verstorben. Der 79- jährige Doyen der FDP schlief am Nachmittag in seinem Büro im Sessel ein. Dies teilte seine Familie am Sonntag mit.

Der unerwartete Tod habe ihn aus seinem bis zuletzt aktiven Alltag gerissen und seine Teilnahme am politischen Geschehen der Schweiz als Beobachter und Kommentator beendet, schreibt die Familie.

Treffen mit Medwedew geplant

Am kommenden Mittwoch hätte Mühlemann auf Tele Züri die Bundesratswahlen live aus Bern kommentieren sollen. Ein weiteres grosses Ereignis darf der «Schattenaussenminister» nicht mehr miterleben. Am 21./22. September ist Russlands Präsident Medwedew für zwei Tage in der Schweiz. Ein Treffen zwischen Mühlemann und dem Staatspräsidenten war geplant, wie 20 Minuten Online aus sicherer Quelle erfahren hat.

Ernst Mühlemann erlangte nationale Bekanntheit als Mitglied der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrates und vor allem mit seinem Einsatz für die Aufnahme von Russland in den Europarat.

Ost-West-Vermittler

Bis zuletzt war der Thurgauer aktiv in seiner Vermittlertätigkeit zwischen Ost und West und im Einsatz für den grenzübergreifenden Bodenseeraum. Er hinterlässt eine Frau, drei Töchter und drei Enkeltöchter.

Geboren als Bauernsohn am 17. Juni 1930 in Wigoltingen, hatte Mühlemann in Zürich, Paris und Florenz studiert. Von 1956 bis 1960 war er Sekundarlehrer in Weinfelden, dann wechselte er als Lehrer, Internatsleiter und Verwalter ins Seminar Kreuzlingen.

«Zweites, geschenktes Leben»

Nachdem er im Februar 1972 den Absturz eines Militärhelikopters überlebte, nahm er für sein «zweites, geschenktes Leben», eine neue Herausforderung an. Er wurde Direktor der Schweizerischen Bankgesellschaft (heutige UBS), für die er das Ausbildungszentrum Wolfsberg in Ermatingen aufbaute und 20 Jahre führte.

Er brachte national und international bekannte Persönlichkeiten auf den Wolfsberg. Nach seiner Pensionierung bei der Bank im Jahr 1992 zog er mit seiner Frau zusammen nach Ermatingen und übernahm Beraterfunktionen im Unternehmerforum Lilienberg, die er bis zu seinem Tod ausübte. Letztes Jahr konnte er noch Michail Gorbatschow dorthin einladen.

Armeekarriere

In der Schweizer Armee war Mühlemann als Brigadier Stabschef des Feldarmeekorps 4, Kommandant der Grenzbrigade 7 und Chef der Gruppe Strategie im Armeestab.

1983 wurde er für die FDP des Kantons Thurgau in den Nationalrat gewählt, wo er sich neben der Wirtschafts- und Aussenpolitik auch für Wissenschaft, Forschung, Bildung, Kultur und Medienfragen interessierte. Von 1992 bis 1999 war er Mitglied des Europarats.

«Schattenaussenminister»

Wegen seiner Reisen nach Russland, Tschetschenien, Estland und in den Nahen Osten erhielt Ernst Mühlemann den Spitznamen des «Schattenaussenministers».

Nach seinem Rücktritt als Nationalrat 1999 widmete er sich weiter seiner Tätigkeit im Europarat und kommentierte in verschiedenen Medien das politische Geschehen.

Intelligent und direkt

Er schrieb zwei Bücher über seine Begegnungen und Erkenntnisse: «Augenschein» und «Blick ins Bundeshaus».

Ernst Mühlemann sei «direkt, intelligent und sehr unterhaltsam» gewesen, sagte Franz Steinegger, ehemaliger FDP-Präsident und Nationalrat, in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens vom Sonntagabend. «Es war immer sehr lustig, mit ihm zusammen zu sein.»

(jeb/sda)