Verletzter am Bahnhof

27. September 2018 13:56; Akt: 27.09.2018 13:59 Print

«Schon ein Notruf ist eindeutig Zivilcourage»

von J. Käser/D. Krähenbühl - In Dietikon haben Passanten ein Foto von einem verletzten Mann gemacht, ihm aber nicht geholfen. Eine Expertin erklärt mögliche Gründe.

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Ein Mann lag blutüberströmt am Boden. Ein Passant ging an ihm vorbei, schoss ein Foto, half dem Verletzten aber nicht. Zu 20 Minuten sagt er, er habe nicht in eine Auseinandersetzung verwickelt werden wollen und sowieso keine Zeit gehabt. Sind das die typischen Gründe dafür, dass jemand wegsieht?
Nein, eigentlich nicht. Menschen helfen hilfsbedürftigen oder verletzten Personen häufig deshalb nicht, weil sie schlicht nicht wissen, wie man sich richtig verhält – sie fragen sich: Was kann ich tun? Oft spielt auch die Angst eine Rolle, die Situation für das Opfer nur noch schlimmer zu machen oder selbst zum Ziel eines Übergriffs zu werden. Und selbst wenn jemand genau wüsste, wie er sich in einer solchen Situation korrekt verhalten kann, ist es oft sehr schwer, dieses Wissen in derartigen Stresssituationen in die Tat umzusetzen. Wir verlieren unter diesem Stress den klaren Kopf.

Können Sie ein Beispiel geben?

Wird eine Person gefragt, wie die stabile Seitenlage bei einem bewusstlosen Menschen herzustellen ist, können das die allermeisten Menschen, die einen Nothelferkurs besucht haben, korrekt beschreiben. Kommen diese Leute dann jedoch an einen Unfallort, können sie vor lauter Aufregung nicht auf dieses Wissen zugreifen. Auch löst beispielsweise die Angst, mit Blut in Kontakt zu kommen, bei vielen Menschen eine ganz natürliche Abwehrreaktion aus.

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Das bedeutet also, dass wir schon helfen möchten, aber aus Überforderung oder Angst einfach nicht können?
In häufigen Fällen ist das so, aber nicht immer. Ferner ist es entscheidend, worin man die Ursache für die Notsituation des Opfers sieht. Hält man das Opfer für selbst verantwortlich und denkt sich etwa, dass diese Person selbst schuld sei, da sie alkoholisiert ist, dann entsteht bei den potentiellen Helfern weniger Mitleid und eine geringere Hilfsbereitschaft. Sie sagen sich, dass das Opfer die Notsituation eigentlich hätte verhindern können, hätte es nicht getrunken. Glauben die Leute andererseits, dass das Opfer unverschuldet in eine Notlage geraten ist, empfinden sie Mitleid, aus dem wiederum Hilfsbereitschaft resultiert.

Ist es eine generelle Eigenschaft unserer Gesellschaft, dass wir uns immer weniger füreinander interessieren und deshalb auch nicht einschreiten, wenn jemand Unbekanntes in eine Notlage gerät?
Es gibt zwar empirische Hinweise, dass in grossen Städten, in denen Anonymität herrscht, die Hilfsbereitschaft geringer ausgeprägt ist als in kleineren, überschaubaren Regionen. Ich persönlich würde der häufig geäusserten pessimistischen Einschätzung, dass wir uns immer weniger füreinander interessieren, aber nicht zustimmen. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie Menschen sich ehrenamtlich für andere Menschen engagieren, etwa in der Pfadi, beim Roten Kreuz und in vielen anderen Organisationen.

Das heisst, dass wir uns trotz der zunehmenden Individualisierung nicht weniger für andere Leute einsetzen und ihnen helfen?
Es gibt keine belastbaren empirischen Befunde, die einen Zeitvergleich erlauben würden. Es hat immer Beispiele von herausragendem Mut und Einsatz für andere gegeben. Dabei denke ich etwa an die Menschen im Nationalsozialismus, die ihr Leben riskiert und verloren haben im Kampf gegen Unrecht und Terror. Aber auch gibt es Menschen, die sich heute für geflüchtete Menschen engagieren.

Sehr viele unserer Leser behaupteten, sie hätten natürlich ganz anders reagiert, wenn sie in die Situation in Dietikon geraten wären. Heisst das, dass wir doch grösstenteils sehr couragiert sind?
Viele Menschen teilen Werte wie Solidarität, Hilfsbereitschaft, Mut und viele weitere. Doch wie bereits erwähnt, hapert es manchmal mit der Umsetzung dieser Werte in Handeln – man hört dann sehr oft: «Ich weiss, ich hätte eingreifen und helfen sollen, aber …»

Kann man lernen, sich couragiert zu verhalten, oder ist das ein Charaktermerkmal?
Ja, das können wir lernen. Es gibt Zivilcourage-Trainings, in denen Wissen zu den psychologischen Prozessen in kritischen Situationen vermittelt wird. Weiter wird dieses Wissen mittels Rollenspielen und mentalen Simulationsübungen angewendet.

Diverse Leser haben geschrieben: «Um die Polizei anzurufen, braucht es keine Zivilcourage, das ist doch normal.» Könnten Sie das kommentieren?
Das ist der grosse Irrtum. Einen Notruf abzusetzen, statt einfach wegzuschauen, ist ein klares Zeichen von Zivilcourage im Sinne von «Ich übernehme Verantwortung!» Es herrscht manchmal ein grosses Missverständnis zum Begriff der Zivilcourage: Kleine Schritte statt Heldentaten – das ist das Motto, das uns leiten muss. Es gilt, sich selbst nie in Gefahr zu bringen, aber nicht tatenlos zu bleiben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dr.Tell am 27.09.2018 14:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Wunder

    Die Zeitungen/Medien unterstützen das Verhalten auch noch, indem sie Geld als Belohnung für solche Fotos geben. Wundert mich nicht, dass es dann einige gibt, welche lieber Fotos schiessen als zu helfen...traurig...

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  • Super Nova am 27.09.2018 14:26 Report Diesen Beitrag melden

    man macht es einfach

    hilfe rufen ist sicher das mindeste. allerdings geht es ja dann noch weiter mit allfälliger reanimation und zeugenaussagen etc. ich habe vor 2 monaten geholfen und dann musste ich 3 stunden dort bleiben. ich würde es immer wieder tun aber es ist halt nicht nur schnell ein hilferuf absetzen.

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  • Becka am 27.09.2018 14:48 Report Diesen Beitrag melden

    Überfordert

    Es ist natürlich immer einfach, aus der Ferne zu behaupten, man hätte geholfen, das sei doch normal, blabla. Habe ich auch immer gedacht. Bis ich mal an einer Tankstelle an einen Unfall herangelaufen kam, bei dem ganz offensichtlich ein Knöchelbruch vorlag. Ich war so überfordert von der Situation, weil der verdrehte Knöchel so schlimm aussah (für mich) dass mir nicht mal mehr die Tel.Nr. vom Krankenwagen einfiel. Ich musste jemanden holen, der anrufen konnte. Hinterher habe ich mich so geschämt deswegen. Seither ist die Nummer auf meinem Handy gespeichert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sternenkind-Mama am 27.09.2018 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wäre nicht jeder froh um Hilfe?

    Ich war mal mit meiner 2järigen Tochter und im 8ten Monat schwanger in einem sehr gut besetzten Bus unterwegs, als eine junge Frau von einem wildfremden, offensichtlich verwirrten Mann angegriffen wurde. Als der Bus hielt, sprang der Mann raus und die Frau brach weinend zusammen. Keiner reagierte. So habe ich meine Tochter auf den Arm genommen und der jungen Frau aufgeholfen. Hab sie gehalten und beruhigt... und denn Mann , der nochmals auf den Bus loswollte, weg schreien müssen... Es ist für mich äusserst befremdlich, wenn keiner hilft und alle vor sich hinstarren, wenn jemand in Not ist...

  • Fredy Manser am 27.09.2018 20:15 Report Diesen Beitrag melden

    Das Normalste!

    Och der Quatsch: Hilfe anzufordern ist doch das Normalste, was die Mitmenschlichkeit GEBIETET!

  • Ephraim Lercher am 27.09.2018 20:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    faek noos

    Stimmt überhaupt nicht. Es ist ein altbekanntes Phänomen, dass sich die Leute nicht helfen, wenn auch noch andere Leute vor Ort sind. In der Sozialpsychologie ist das ein seit den 60er Jahren diskutiertes Problem.

  • Rocho am 27.09.2018 19:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unsicherheit

    Viele Menschen sind in der Tat im ersten Augenblick überfordert mit der Situation. Wollen eigentlich helfen, können aber nicht, da der Druck, alles richtig machen zu wollen, zu hoch ist. Dabei vergessen viele das ein Notruf schon mal der erste richtig Schritt wäre. Aus meiner Sicht nicht immer schlimm, jedoch würde ich gerne allen ans Herz legen, sich einen Ruck zu geben und beim nächsten Unfallort sich einen Ruck zu geben, und den Notruf abzusetzen. Dabei kann man sich auch anleiten lassen zur Hilfestellung

  • thi007 am 27.09.2018 19:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zivilcourage

    ... da gibt es nur einen kommentar. no comment.