Bildungsexperte

24. Oktober 2015 11:38; Akt: 24.10.2015 15:14 Print

«Schulgelder sind ein falsches Signal»

von Nikolai Thelitz - In der Innerschweiz wollen Politiker Gymischüler stärker an den Kosten ihrer Ausbildung beteiligen. Bildungsexperte Urs Moser erklärt, was er davon hält.

storybild

Konzentriert im Unterricht: Zwischen den Kantonen herrscht Ungleichheit an den Gymis. (Symbolbild) (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Moser, in manchen Schweizer Kantonen müssen Gymischüler für den Unterricht bis zu 700 Franken im Jahr bezahlen, in vielen anderen gar nichts. Ist das fair?
Nein, das ist nicht fair. Es gibt aber andere kantonale Unterschiede, die wesentlich mehr zur Unfairness beitragen, beispielsweise dass sich die Anforderungen der Gymnasien zwischen den Kantonen zum Teil deutlich unterscheiden. Der Entscheid, die Kosten für das Gymnasium zu erhöhen, ist ein finanzpolitischer Entscheid. Man versucht überall wo möglich, noch etwas herauszuholen.

Also ein rein finanzpolitischer Entscheid?
Absolut. Ich nehme an, dass es kein Bildungsdirektor toll findet, wenn er Sparmassnahmen ankündigen muss, die sich direkt auf die Schülerinnen und Schüler auswirken. Man muss aber auch wissen, dass das Gymi in anderen Kantonen nicht einfach gratis ist. Es entstehen Kosten für Schulmaterial, Exkursionen, Kopiergeld und anderes mehr. Diese Kosten liegen schnell einmal bei 700 Franken.

Bringen die paar Hundert Franken Schulgeld überhaupt etwas?
Gemessen an den Gesamtausgaben pro Schüler von etwa gut 20'000 Franken ist der Betrag nicht sonderlich gross. Am einfachsten kann man sparen, indem man die Klassen vergrössert oder die Pensen der Lehrpersonen erhöht.

Benachteiligt ein Schulgeld Kinder aus schlechter gestellten Familien?
Es ist natürlich schon jetzt so, dass Kinder aus wohlhabenden Familien am Gymi übervertreten sind. Für sie wird ein Ansteigen des Schulgeldes von 500 auf 700 Franken nicht schmerzhaft sein. Man denke nur daran, wie viel Geld in private Gymivorbereitungskurse gesteckt wird. Selbstverständlich gibt es aber Familien, für die 700 zusätzliche Franken pro Jahr ein Problem darstellen. Es besteht zudem die Gefahr, dass solche Botschaften das Entscheidungsverhalten von einkommensschwachen Eltern beeinflusst und sie ihren Kindern sagen: «Das Gymi kostet viel und dauert auch noch lang, mach doch besser eine Lehre.» Zudem darf es natürlich nicht sein, dass jemand eine Ausbildung nicht antreten kann, weil er die finanziellen Möglichkeiten nicht hat.


Es gibt Stimmen, die sagen, dass die Gebühr die Ungleichheit sogar vermindere, da meist Kinder von wohlhabenderen Familien ins Gymi gehen. Heute würden einfache Arbeiterfamilien deren Ausbildung über die Steuern subventionieren. Was sagen sie dazu?
Diese Theorie ist nachvollziehbar. Die öffentlichen Ausgaben für das Gymnasium sind höher als jene für die berufliche Bildung. Schulgelder fürs Gymnasium erhöhen jedoch die Chance für begabte Jugendliche aus bildungsfernen Verhältnissen kaum, ein Gymnasium zu besuchen.

Wie steht es grundsätzlich um die Chancengleichheit in der Schweiz?
Vergleichsweise gut, da wir ein sehr durchlässiges System haben. Egal welchen Weg man einschlägt, man verbaut sich selten Chancen und kann auch nach dem Berufseinstieg eine Matur nachholen und studieren.

Was kann man gegen die Ungleichheit tun?
Patentrezepte gibt es nicht. Auch heute noch gelten die Frühförderung und Tagesschulen als zwei wichtige Massnahmen zur Erhöhung der Chancengleichheit. Zudem gibt es immer wieder wirksame Förderprogramme, die Kinder und Jugendliche aus eher bildungsfernen Familien ansprechen. Wichtig ist auch die Information über all die vielen Möglichkeiten, damit man die Chancen packen kann, die unser Bildungssystem bietet.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • andi am 24.10.2015 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso nur...

    Wieso schauen wir eigentlich tatenlos zu, wie Bund und Kantone die Bildungsmittel Jahr für Jahr beschneiden, währenddem immer mehr Beamte unverschämte Gehälter beziehen und in vielen Ämtern und Departementen das Geld aus Überfluss verschleudert werden muss? Sollte das Volk hier nicht mal ein Machtwort sprechen? Also Bildung ist für mich noch die sinnvollste Art, unsere Steuergelder zu investieren.

    einklappen einklappen
  • Ronny am 24.10.2015 12:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sparen an der falschen Stelle.

    Dann wird der Fachlräftemangel noch grösser und es können noch mehr aus dem Ausland kommen. Wer an der Bildung spart, spart an der Zukunft.

    einklappen einklappen
  • Rolf am 24.10.2015 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    UNVERSCHÄMTEN REGIERUNGS-LÖHNE KÜRZEN

    Die Steuergelder müssen am richtigem Ort eingesetzt werden, und nicht an Regierungs-Abzocker.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Lili am 25.10.2015 23:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bei der Bildung sparen?

    Und am Schluss können sich nur noch Reiche eine Ausbildung leisten.... Bravo!!!!

  • Strolchi am 25.10.2015 13:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @ döme

    Sie haben keine Ahnung, wovon Sie reden! In den USA kostet die öffentliche Highschool nichts und jeder - ausser denjenigen, die die Schule abbrechen - geht 12 Jahre zur Schule! Erst bei den Universitäten geht's ans Bezahlen!

  • Susi Sorglos am 25.10.2015 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Abschreckung

    Wir zahlen in Lausanne 720 zzgl. Steuer Schulgeld + Bücher und sonstiges Material! Trotzdem tummeln sich viel zu viele im Gymnasium! So abschreckend kann das also nicht sein!

  • Alex Vorburger am 25.10.2015 11:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo das Geld liegt

    In den USA tragen die 10% Reichsten 35% MEHR zum Steueraufkommen bei, in der Schweiz 10% WENIGER. In der Schweiz verfügen die 10% der Reichsten über 25,5% des Schweizer Gesamteinkommens, ihr Steueranteil: 20,9%; in den USA sind es 45,1% (NZZ-Artikel "Wie viel die Reichen zahlen", Nov.2011). 2015 besitzen laut Crédit Suisse die 10% Reichsten 71% des gesamten privaten Vermögens. Die FIFA zahlte 2006 für 303 Mio Fr. Gewinn 1,06 Mio Franken Steuern - also 0,3%. Wer in Zürich 90'000Fr. verdient, zahlt 33mal mehr: 11%. Das sind verschiedene Kässeli? War das bei der UBS-Rettung ein Problem?

  • Pal Mueller am 25.10.2015 10:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mein Iphone kostet mehr!

    700 Franken ein Problem? Das brauchen viele dieser armen Schweizer für drei Monate Handy, Fernsehen und Internet. Jeder, der eine Lehre macht und später eine Fachhochschule besucht, zahlt ein Mehrfaches aus eigener Tasche.