Annemarie Huber-Hotz

25. April 2015 14:07; Akt: 25.04.2015 14:10 Print

«Schweiz kann 80'000 Flüchtlinge aufnehmen»

Die Schweiz müsse angesichts der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer viel mehr tun. Das fordert Annemarie Huber-Hotz, die Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes.

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219'000 Menschen flohen laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35'000. Dabei kamen im laufenden Jahr bereits 1600 Menschen ums Leben. Die Flüchtlingsdramen im Mittelmeer sind kaum zu ertragen. Im Bild: Mit letzter Kraft - und der Hilfe von Anwohnern - bringen sich Menschen am 20. April 2015 auf der griechischen Insel Rhodos in Sicherheit. Selbst professionelle Rettungskräfte kommen in solchen Situationen an ihre Grenzen. «Wir sind erschöpft, wir sind mit einem wahren Ansturm konfrontiert und am Ende unserer Kräfte», sagte der Kommandant der italienischen Hafenbehörden, Admiral Felicio Angrisano (nicht im Bild). Täglich sind 2000 Italiener auf See und am Festland im Einsatz, um die Flüchtlinge zu versorgen. Viele der Helfenden sind Anwohner oder Seeleute. Auch für sie ist die Lage fast nicht auszuhalten. Viele Reeder verlieren Seeleute, die nicht mehr auf dem Mittelmeer arbeiten wollen. «Unsere Besatzungen sehen die Menschen sterben, sie ertrinken vor ihren Augen», sagte etwa der Hamburger Reeder Christopher E. O. Opielok (Symbolbild). «Wir sind mit einem biblischen Exodus konfrontiert», sagte Admiral Felicio Angrisano, Kommandant der italienischen Hafenbehörden, im Gespräch mit der römischen Tageszeitung «La Repubblica». Selbst Menschen, die nur indirekt mit dem Elend der Flüchtlinge konfrontiert sind, leiden unter den Tragödien. «Die Vorstellung, dass es im Moment für mich nicht eine Lösung gibt, ist unerträglich, fast nicht zum Aushalten», sagte etwa Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

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Die Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes, Annemarie Huber-Hotz, fordert im Interview mit der «Schweizer Illustrierten» die vorläufige Aufnahme von 80'000 Flüchtlingen. Das ist viel mehr als der Bundesrat vorgesehen hat.

80'000 anerkannte und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge lebten derzeit in der Schweiz, sagt die ehemalige Bundeskanzlerin. Das entspreche zwei Prozent der ausländischen Bevölkerung. «Eine verschwindend kleine Zahl!», sagt Huber-Hotz.

Schweiz müsse viel mehr machen

1871 habe die Schweiz innerhalb von drei Tagen 80'000 Soldaten der französischen Bourbaki-Armee aufgenommen. «Das muss man heute erneut machen: Wir haben Platz für weitere 80'000 Flüchtlinge», sagt Huber-Hotz.

Der Bundesrat hatte 2013 im Rahmen eines Pilotprojektes ein Kontingent von 500 Flüchtlingen aus Syrien bewilligt. Dieses Jahr hat er beschlossen, weitere 3000 Personen aufzunehmen. Huber-Hotz sagt jedoch, die Schweiz müsse viel mehr machen.

«90 Prozent der vorläufig Aufgenommenen gingen wieder zurück»

Dazu müsse der im Asylgesetz vorgesehene Sonderstatus der vorläufigen Aufnahme wieder in Kraft gesetzt werden. Dies mit dem klaren Ziel, dass die Leute wieder zurückgehen, wenn der Krieg in Syrien vorbei sei. «Im Balkankonflikt war die Schweiz damit erfolgreich. 90 Prozent der vorläufig Aufgenommenen gingen wieder zurück», sagt sie.

(sda)