Imbissbesitzer sucht Ausländer

02. August 2019 04:59; Akt: 02.08.2019 04:59 Print

Sind Schweizer fürs Krampfen zu bequem?

Ein SVP-Richter vermietet sein Gastrolokal nur an Ausländer. Vielen Schweizern fehle es an Ehrgeiz, sagt er. Hat er Recht?

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Arbeiten Ausländer fleissiger und sind sie ehrgeiziger als Schweizer? Ein aktueller Fall befeuert die Debatte. Der Auslöser: Max Hirzel ist ehemaliger SVP-Richter und vermietet in Dietikon ZH eine Imbissbar. Bewerben können sich dafür nur Ausländer. «Schweizer oder Bürger mit Schweizer Pass werden nicht berücksichtigt», heisst es im Inserat, in dem Hirzel seine Immobilie anpries. «Viele Ausländer, die aus ärmeren Verhältnissen kommen, haben den Willen, sozial aufzusteigen und dafür hart zu arbeiten», sagt Hirzel zu 20 Minuten. «Sie sehen den eigenen Betrieb als Chance, die sie unbedingt nutzen wollen.» Bei gleichaltrigen Schweizern sei das nicht immer der Fall. «Auch unter ihnen gibt es viele, die leistungsbereit sind. Aber ein relativ grosser Teil wählt lieber einen bequemen Weg», so Hirzel. Für viele Ausländer böten Branchen wie Transport, Handwerksarbeiten und Gastronomie die Möglichkeit, den sozialen Aufstieg zu schaffen, sagt Hirzel. Zahlen des Bundesamt für Statistik zeigen: Tatsächlich arbeiten Schweizer immer weniger. Letztes Jahr arbeitete ein im Arbeitsmarkt stehender Schweizer durchschnittlich während 1409 Stunden. Die Brüder Murti, Hüseyin und Ali Ayverdi sind ein Musterbeispiel für Max Hirzels Theorie. Sie führen drei Kebab-Restaurants in Zürich. «Das ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit», so Ali. 2002 eröffneten sie das erste Lokal. «Wir machten wenig Umsatz, lebten fünf Jahre zu dritt in einer 1.5-Zimmer-Wohnung, arbeiteten täglich 12 Stunden oder mehr und hatten über viele Jahre nicht einen Ferientag.»

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Max Hirzel ist ehemaliger SVP-Richter und vermietet in Dietikon ZH eine Imbissbar. Bewerben können sich dafür nur Ausländer. «Schweizer oder Bürger mit Schweizer Pass werden nicht berücksichtigt», heisst es im Inserat, in dem Hirzel seine Immobilie anpries. Er habe bereits 40 Bewerbungen erhalten, sagt Hirzel dem «Tages-Anzeiger».

«Viele Ausländer, die aus ärmeren Verhältnissen kommen, haben den Willen, sozial aufzusteigen und dafür hart zu arbeiten», sagt Hirzel zu 20 Minuten. «Sie sehen den eigenen Betrieb als Chance, die sie unbedingt nutzen wollen.» Bei gleichaltrigen Schweizern sei das nicht immer der Fall. «Auch unter ihnen gibt es viele, die leistungsbereit sind. Aber ein relativ grosser Teil wählt lieber einen bequemen Weg. Sie wählen nicht die Ausbildung, die ihnen am besten entspricht, sondern jene, die zu einem gut bezahlten Job führt. Später arbeiten sie Teilzeit.»

«Für Wirtschaft schädlich»

Das sei eine Erscheinung des Wohlstands, sagt Hirzel. «Diese Entwicklung macht mir grosse Sorgen.» Die Lohnschere zwischen handwerklichen Berufen und solchen, die ein Studium erforderten, gehe auseinander. «Viele Schweizer Eltern drängen ihre Kinder ans Gymi, obwohl ihre Talente in einem Lehrberuf besser zur Geltung kommen würden. Das führt dazu, dass die Qualität der Lehrlinge abnimmt und dass es in wichtigen Branchen zu wenig Nachwuchs gibt.» Für die Schweizer Wirtschaft sei das auf Dauer schädlich.

Für viele Ausländer böten Branchen wie Transport, Handwerksarbeiten und Gastronomie die Möglichkeit, den sozialen Aufstieg zu schaffen. «Wer es in einer solchen Branche schaffen will, muss hart und viel arbeiten. Das ist vielen Schweizern zu unbequem.»

Schweizer arbeiten weniger

Zahlen des Bundesamt für Statistik zeigen: Tatsächlich arbeiten Schweizer immer weniger. Letztes Jahr arbeitete ein im Arbeitsmarkt stehender Schweizer durchschnittlich während 1409 Stunden. Innert fünf Jahren sank die Arbeitszeit damit um 38 Stunden. Während erwerbstätige Ausländer vor fünf Jahren noch durchschnittlich 153 Stunden mehr pro Jahr arbeiteten als Schweizer, waren es letztes Jahr 163 Stunden mehr.

Seit Jahren arbeiten immer weniger Schweizer als Selbstständigerwerbende. Ganz anders bei den Ausländern: Alleine in den letzten fünf Jahren stieg die Zahl der Stunden, die sie als Selbständigerwerbende leisten, um zehn Prozent. Doch Ausländer wagen nicht nur häufiger den Schritt in die Selbständigkeit, sie übernehmen auch die Berufslehre. Während das Arbeitsvolumen, das ausländische Lehrlinge letztes Jahr leisteten, so hoch war wie noch nie, war jenes der Schweizer Lehrlinge auf einem Rekordtief.

«Schweizer verdienen mehr»

Eine Verschiebung zeigt sich auch in den Sektoren. Schweizer zieht es immer häufiger in den Dienstleistungssektor. Das Arbeitsvolumen, das Schweizer Arbeitskräfte im sekundären Sektor leisteten, war letztes Jahr so tief wie seit Beginn der Statistik im Jahr 1991 nie zuvor. Die Ausländer werden für die Industrie und das Baugewerbe immer wichtiger, letztes Jahr erbrachten sie schon 40 Prozent des Arbeitsvolumen in diesem Sektor.

Der Wirtschaftswissenschaftler Sandro Favre von der Universität Zürich sagt, die jährliche Arbeitsleistung der Schweizer Männer sinke seit Jahren. Das habe mehrere Gründe. «Eine Rolle spielt, dass Schweizer tendenziell immer besser ausgebildet sind. Sie verdienen damit mehr und können und wollen sich einen Teilzeit-Job eher leisten.» Schweizer würden zudem immer häufiger im Dienstleistungssektor Arbeit finden. «Dort ist die Arbeitszeit tiefer.»

Frauen arbeiten mehr

Der wichtigere Grund sei aber, dass die Arbeitsleistung der Frauen steige. «In einem Paarhaushalt führt das dazu, dass der Mann weniger arbeitet als in einem Haushalt, in dem er Alleinverdiener ist.» So sinke der Anteil der Männer, die Vollzeit arbeiten.

Immer noch seien mehr Schweizer selbständig erwerbend als Ausländer. «Häufig haben sie den Betrieb geerbt. Bei Ausländern spielt das weniger eine Rolle.» Die Quote der Selbständigerwerbenden unter den Schweizern sinke aber im Gegensatz zu jener der Ausländer. Das dürfte dazu führen, dass die Schere bei der Arbeitszeit weiter auseinander geht. «Wer selbständig ist, arbeitet im Schnitt deutlich mehr als ein Arbeitnehmer», sagt Favre.

(ehs/wed)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andreas Aeschlimann am 02.08.2019 06:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umgekehrt

    Schweizer oder Bürger mit Schweizer Pass werden nicht berücksichtigt»....wo ist den jetzt der grosse Aufschrei. Man stelle sich vor, er würde es umgekehrt machen!

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  • Thomas am 02.08.2019 06:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verallgemeinern finde ich nicht gut, auch das ist

    Kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe von meinen Schweizer Kollegen noch viel hinzulernen können was Sorgfalt und Gründlichkeit betrifft. Ausserdem gehen sie ihrer Arbeit mit Ruhe, aber sehr Bedacht an. Ich finde diese Aussage allgemein sehr rassistisch, den schweizer Bürgern gegenüber!!!

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  • Rohni7 am 02.08.2019 08:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einkommen

    Ich habe einen bauhandwerklichen Beruf gelernt welcher mir sehr gefallen hat. Bin mit dem Einkommen und im Verhältnis zu den zu leistenden Arbeitsstunden auf keinen grünen Zweig gekommen. Weiterbildungen und Umschulungen haben dann ein Einkommen gebracht, wo man in der teuren Schweiz ohne über die Stränge zu Schlagen, vernünftig Leben kann. Es will nicht jeder mit seinem ganzen Familienclan in einer 3 Zimmerwohnung leben. Diese Zeiten sind in unserer Kultur schon lange vorbei.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fredi König am 03.08.2019 12:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Man sollte schon die Zusammenhänge erkennen

    Wer lernt schon gerne eine Beruf der schlecht bezahlt ist und zu dem auch noch von der Gesellschaft als minderwertige Arbeit angesehen wird? Mein Beruf Maschinenschlosser hat man samt Maschinenindustrie exportiert! Wer treibt Mieten und Krankenkassenprämien in die Höhe? Damit diese bezahlt werden kann benötigt es entsprechende Löhne.

  • Lea am 02.08.2019 22:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Wunder!

    Kein Wunder! Wir schweizer können uns das nicht leisten! Mit den Steuern, Krankenkassen und andere Ausgaben würde dieser Lohn niemals reichen! Den Ausländern wird etwas direkt vom Lohn abgezogen. Aber niemals soviel wie uns Schweizern.

  • Sahra am 02.08.2019 22:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bei uns auch

    Ich Arbeite auch in einem Inbiss. Mein Chef stellt keine Schweizer mehr an. Entweder sind sie immer krank, oder sie jammern immer wenn sie mal ein bischen länger bleiben müssen. Wir sind zu 90% Ausländer die dort Arbeiten und unterstüzen einander, was man von den Schweizer Kollegen nicht sagen kann. Sie denken sie sind etwas besseres als wir.

  • Mimzl am 02.08.2019 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hmm

    Bürger mit schweizer Pass auch nicht. Sind die eingebürgerten zu schweizerisch oder was?

  • E. W. am 02.08.2019 22:26 Report Diesen Beitrag melden

    Vielleicht?

    Ich bin selber Schweizerin und habe eine Lehre absolviert. Bis zu meinem 35 Altersjahr habe ich immer gearbeitet. Seit dort arbeite ich nur noch in Teilzeit. Ganz ehrlich, ich könnte mir einen 100% Job nicht mehr vorstellen? Ja vielleicht sind wir zu faul. Wer weiss?