Lesbischer Aufschrei

28. Oktober 2016 15:45; Akt: 28.10.2016 17:45 Print

«Schwule reden abfällig über weibliche Genitalien»

Sexismus finde auch innerhalb der homosexuellen Community statt, sagen Lesben. Sie fühlen sich von schwulen Männern diskriminiert.

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Der #SchweizerAufschrei geht in die nächste Runde. Lesben erheben schwere Vorwürfe gegen Schwule. Die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) schreibt in einer Mitteilung: «Wir haben genug von Schwulen, die sich in Anwesenheit von Frauen vulgär ausdrücken und abfällige Kommentare zu weiblichen Genitalien machen.» Schwule stünden in der Community tatsächlich oft im Vordergrund, sagt Mehdi Künzle, Vorstand vom Verein Pro Aequalitate, der sich für LGBTQI-Rechte im Rahmen von Volksabstimmungen einsetzt. Auch heterosexuelle Männer äussern sich zur Diskussion um den «Schweizer Aufschrei». Handwerker Florian Steimer (27): «Da versuchen Politiker, sich zu profilieren, anstatt endlich eine sachliche Diskussion zu führen.» Die Zeit sei gekommen, um sexistische Männer in die Schranken zu weisen, sagt der junge Gymnasiast Alessandro Chioccarello (16) aus dem bernischen Köniz. Er habe schon oft mitangehört, wie sich Altersgenossen abwertend über Frauen geäussert hätten. Lastwagenfahrer Marco Scherer (24) aus dem aargauischen Untertal hält #Schweizer Aufschrei für eine Überreaktion. Frauen sollten sich über Komplimente und Aufmerksamkeit freuen. «Mir wurde an der Street-Parade und im Ausgang an den Hintern gefasst und ich fühlte mich geschmeichelt!» Laut Tobias Berchtold (22), Kaufmann und angehender Maturand aus Reinach im Baselbiet, werden Männer ebenfalls häufig Opfer von Sexismus: «Wenn ein Mann nicht mit einer wildfremden Frau ins Bett gehen will, dann wird ihm doch gleich seine Maskulinität abgesprochen.»

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Der #SchweizerAufschrei geht in die nächste Runde. Nachdem sich in den letzten zwei Wochen vor allem heterosexuelle Frauen über ihre sexistischen Erfahrungen mit Männern geäussert haben, wird klar: Auch Lesben fühlen sich diskriminiert von Männern – von schwulen Männern. «Wir haben genug von Schwulen, die sich in Anwesenheit von Frauen vulgär ausdrücken und abfällige Kommentare zu weiblichen Genitalien machen», schreibt die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) in einer Mitteilung.

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Die Vorwürfe sind happig: Schwule würden Frauen anfassen und diesen Mangel an Respekt vor der körperlichen Integrität dann mit der Tatsache relativieren und legitimieren, dass sie schwul seien. Die Kritik der LOS richtet sich auch an die Medien. Diese würden vorwiegend über Schwule berichten, auch wenn eigentlich die ganze LGBTQI-Community gemeint sei. Insbesondere im Hinblick auf Sexismus sei es ihnen jedoch wichtig, eine eigene Stimme zu haben, sagt Co-Präsidentin Lovis Cassaris.

Mehr Geld für Werbung

Nur weil sie alle homosexuell seien, hätten Lesben und Schwule noch lange nicht zu allen gesellschaftspolitischen Themen die gleiche Haltung, sagte Cordula Niklaus, Vizepräsidentin von Wybernet, dem Berufsnetzwerk für lesbische Frauen, zur «Aargauer Zeitung». Für homosexuelle Frauen sei es wichtig, ihren Anliegen Gehör zu verschaffen.

Oftmals würden jedoch schwule Männer die Agenda bei gemeinsamen Projekten bestimmen. So beispielsweise beim Zurich Pride Festival, wo Schwule den Schwerpunkt beim Kommerz legen und lesbische Frauen eher Politik in den Vordergrund stellen würden. Schwulenorganisationen hätten zudem meist mehr Geld zur Verfügung und könnten somit mehr in Werbung investieren, was auch zu mehr Aufmerksamkeit führe, so Niklaus zur Zeitung.

Auch Cassaris spricht von patriarchalen Machtmechanismen in der Schwulen-Szene: «Es gibt Schwule, die, um in den Genuss gesellschaftlicher Vorteile zu kommen, andere Männer als ‹Tunten› beleidigen und versuchen, einem stereotypen Rollenbild zu entsprechen, statt Vielfalt zu zeigen.» Sie hoffe nun, dass es zu einer breiten Diskussion rund um Sexismus und Ausgrenzung innerhalb der Community komme.

«Weisse Schwule müssen sich für andere einsetzen»

Mehdi Künzle, Vorstand vom Verein Pro Aequalitate, der sich für LGBTQI-Rechte im Rahmen von Volksabstimmungen einsetzt, ist von den Aussagen der Lesbenorganisation nicht überrascht. Es sei ein Fakt, dass lesbische Frauen weniger sichtbar seien, sagte er zur «Aargauer Zeitung».

Männer stünden in der Community oft im Vordergrund. Darunter litten nicht nur Lesben, sondern auch Transsexuelle, Farbige oder Menschen mit Behinderung. Er nimmt vor allem weisse schwule Männer in die Pflicht: «Sie müssen sich ihrer Stellung bewusst sein und diese auch für weniger privilegierte Gruppen einsetzen.»

(tab)