Metrosexuellen-Welle

09. Mai 2014 10:21; Akt: 09.05.2014 10:35 Print

«Schwule sind Vorreiter für Schönheitspflege»

von C. Bernet - Das Selbstbild von Hetero-Männern wandelt sich. Soziologe Otto Penz spricht über den Zwang zur Schönheitspflege, die Aneignung weiblicher Fähigkeiten und die Rolle der Schwulen.

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Das eigene Aussehen werde für heterosexuelle Männer immer wichtiger, sagt Soziologe Otto Penz. Schwule hätten hier eine Vorreiterrolle gespielt. (Bild: colourbox.de (Symbolbild))

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«Männer in Führungspositionen tun sehr viel für ihr Aussehen», sagt der österreichische Soziologe Otto Penz von der Universität Wien. Das Ergebnis seiner empirischen Studie zu diesem Thema sei erstaunlich: «Männer in gehobener beruflicher Stellung verbringen mehr Zeit als früher im Badezimmer, im Fitnessstudio und achten verstärkt auf ihr Aussehen und ihre Gesundheit.»

Penz, der sich in seiner Forschung mit Fragen des Körpers, der Schönheit und arbeitssoziologischen Themen auseinandersetzt, sieht verschiedene Gründe für das «männliche Schönheitshandeln». Einerseits habe Attraktivität in der Berufswelt mit der zunehmenden Verlagerung der Arbeitsplätze vom Industrie- in den Dienstleistungsbereich an Bedeutung gewonnen.

Dort seien sogenannte Soft Skills oder Persönlichkeitsmerkmale von grosser Bedeutung. Darunter versteht man typischerweise als weiblich angesehene Fähigkeiten wie Sozialkompetenz oder Einfühlungsvermögen, aber auch körperliche Vorzüge. Männer würden sich diese Fähigkeiten aneignen, so Penz. Während diese Fähigkeiten und eine vorteilhafte äussere Erscheinung bei Frauen als «natürliche Gabe» angesehen würden, würden sie bei Männern als Leistung, als berufliche Kompetenz angesehen: «Das ist eine seltsame Umdeutung von Fähigkeiten.»

«Männer werden zum Objekt weiblicher Begierde»

Auch die Veränderungen in Familie und Partnerschaft tragen laut Penz zu einem veränderten Selbstverständnis der Männer bei. Ein dritter Grund für das «Schönheitshandeln» von Männern sieht Penz in der emotionalen Bindung von Männern an Produkte aus der Mode- und Kosmetikindustrie, die mithilfe der Werbung erreicht worden sei.

Diese setze auf eine zunehmend sexualisierte Darstellung des Männerkörpers. Mit der Werbung verändere sich auch die Wahrnehmung von Männern: «In der traditionellen Blickkultur sind Männer die Betrachter weiblicher Objekte.» Heute würden Männer in der Werbung zunehmend zum sexualisierten Objekt weiblicher Begierde. Trotzdem bleiben Unterschiede bestehen: Weibliche Models würden oft in passiver, verführerischer, Verfügbarkeit signalisierender Haltung dargestellt: «Das sieht man beispielsweise am halboffenen Mund der Modells auf vielen Plakaten.» Männliche Models hingegen seien häufig in aktiver Haltung, mit angespannten Muskeln zu sehen.

Heteros vom «Gay Lifestyle» beeinflusst

Die gestiegene Bedeutung des Aussehens von Männern führt laut Penz dazu, dass viele Heterosexuelle heute vom «Gay Lifestyle» beeinflusst werden: «Schwule Männer spielen schon länger eine Vorreiterrolle für die Schönheitspflege.» Insbesondere in den Bereichen Mode, Kosmetik und Körperpflege, aber auch beim körperlichen Selbstverständnis im Allgemeinen habe die schwule Minderheit die «Mehrheitsgesellschaft der heterosexuellen Männer» massgeblich beeinflusst.

Eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung spielte die so genannte Metrosexuellen-Welle. «Die Metrosexualität war die erste mächtige Bewegung, die einen konsum- und schönheitsbetonten Lebensstil für Heterosexuelle propagierte.» Dieser wurde zwar aus der Schwulenkultur übernommen, wurde aber für die heterosexuelle Mehrheitskultur angerichtet und so «von seinem schwulen Kontext gereinigt».

«Niemand gibt gern Macht ab»

Trotz dieser Entwicklungen sieht Penz keine Auflösung der Geschlechterverhältnisse aufkommen. Auch wenn Männer in Dienstleistungsberufen sich weiblich konnotierte Eigenschaften vermehrt zunutze machten, bleibe der Macht- und Einkommensunterschied bestehen. Das liege am Festhalten der Männer an bewährten Pfaden: «Niemand gibt gern Macht ab.» Da typisch männliche Berufe immer noch einflussreicher und besser bezahlt seien als typisch weibliche, fehle den Männern der Anreiz, sich in neue Berufsfelder vorzuwagen.

Dennoch habe sich auch in der Arbeitswelt etwas verändert, sagt Penz. «Die Führungsstile haben sich in den letzten Jahrzehnten insgesamt stark verändert, von männlich autoritär hin zu quasi-partnerschaftlich motivierend und unterstützend.» Damit seien sie vielleicht ein wenig «weiblicher» geworden.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Ich bin auch schwul und bin neben vier anderen Heten in meiner WG derjenige, der am wenigsten Zeit im Bad braucht... Nur weil es eine schwule Subkultur gibt, die einen feminineren Style pflegt, trifft das längst nicht auf alle zu. – Alex

Ich war jahrelang Opfer des Schönheitskults und habe viel Lebenszeit und Energie darauf verschwendet, "schön" zu sein. Ich habe auf Leute herabgeschaut, die sich meiner Meinung nach gehen lassen. Dann wurde ich krank (Schilddrüsenwrkrankunk) und habe bemerkt, wie sinnentleert meine bisherigen Werte waren. Leute, es ist nett, zu den "Schönen" zu gehören und sein Ego zu pflegen, kein Zweifel. Wir sind alle ein bisschen eitel. Aber wir werden alle älter, und der Körperkult verliert seinen Reiz. Wer den Körperkult zur Ersatzreligion erhebt, kommt eines Tages böse auf die Welt. Es gibt Wichtigeres, auch wenn euch die Medien anderes suggerieren. Kriegt die Kurve! – Mr. B

Ich als "Homo" würde gerne mal was hierzu sagen, ja. Ich bin Südländer und bei mir spriessen mehr Haare als gesetzlich erlaubt sein sollte. Ich steh nicht auf Sport und ich verachte dieses Feng Shui Essen aufs Äusserste. Lieber mit meinem Partner, der übrigens mit 5' im Bad (ohne duschen) auskommt auf dem Sofa kuscheln, Bier trinken, Pizza essen und schauen wie Bruce Willis die Welt rettet. Diese glatrassierten neu Homos sind mir ein Graus. Wir sind Männer, die auf Männer stehen. Wieso also verwandeln sich immer mehr Männer die auch auf Männer stehen in Frauen. Mein Schatz und ich raffens net – Ibrahim Diaz

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • LuziusLuz am 09.05.2014 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kurze Frage

    Bin ich der einzige 23 jährige Mann der denkt, das es langsam reicht mit denn versuchen denn Mann zu "verweiblichen"? Ich mein ok, ich dusche pro tag einmal und einmal in der Woche rasiere ich mich. Aber Cremen, Augenbrauen zupfen, Beine rasieren etc.? Muss das sein? Kein Wunder heulen die meisten von diesen Männern schon bei kleinsten Verletzungen los als ob es um ihr Leben ginge.

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  • Adrian B. am 09.05.2014 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Mühsames und künstliches Medientheater!

    Ach Quatsch, da ist es wieder, das ständige Klischee vom Schwulen... Ich bins selbst, dusche morgens, brauche Deo und stutze wenn nötig meinen Bart. Ich kenne viele Schwule und keiner in meinem Umfeld steht auf übertriebene Körperpflege, getunte, gezupfte Augenbrauen oder was auch immer. Solche sind doch nur die kleine Spitze des Eisbergs. Alle anderen Schwulen gehen in der Masse der "Normalos" unter. Mich nervt das momentane künstliche Medientheater über Homosexualität nur noch. Heteros kuscheln im Bett, Heteros pflegen sich wie Homos u.s.w. Blablabla

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  • Ein Mann am 09.05.2014 11:10 Report Diesen Beitrag melden

    Bö....

    Also ich Dusche einmal im Jahr, und im Sommer renn ich mal gegen ne Wand damit das gröbste abfällt.... Ne aber jetzt im ernst, ich habe kein Druck, ich bin ein MANN. Ich darf mal am morgen am Spiegel vorbeilaufen und NICHT rasieren. Aber geduscht wird täglich vor der Arbeit. Dabei bleibt es. Cremchen oder gar Makeup? NE! Rasierseife, und danach ein gutes Aftershave, das wars.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Monica Gähwiler am 10.05.2014 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    Keine "wirklich" Neue Idee....

    Vor 4500 Jahren war es im alten Aegypten völlig normal, täglich zu baden, den Körper zu enthaaren und mit duftenden Ölen zu pflegen. Schminke gehörte ebenfalls zur "Toilette" der Aegypter! Also soo "Neu" ist diese Idee nun auch wieder nicht! Die Kosmetikindustrie hat den "Mann" als "Neue Zielgruppe" erkoren! Dies hat mit der sexuellen Ausrichtung so viel zu tun, als das irgendwelche "Marketingfritzen" dem gleichgeschlechtlich lebenden und liebenden Mann "mehr" Geld zusprechen, da keine Familie ernährt werden muss... Dementsprechend werden die Produkte auch beworben!

  • Reto am 10.05.2014 14:11 Report Diesen Beitrag melden

    vor der eigenen Tür wischen...

    Ich lese hier häufig, dass Frauen solche "verweiblichten" Männer nicht wollen. Glaubt ihr Frauen wirklich, dass uns Männer eure Meinung hierzu interessiert? Schon mal daran gedacht, was uns viele Frauen tagtäglich bieten? 120 kg gepresst in Neon-Leggins, "modische" Kurzhaarfrisuren oder noch besser pinkige Streifen im Haar (als 50+-Frau...), Arschgeweihe, usw. Das ist auch nicht immer schön, aber wir Männer würden nie sagen, dass wir das nicht wollen. Wir ignorien diese Frauen einfach. Leben und leben lassen, liebe Frauen!

  • Sergio am 10.05.2014 12:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anziehend 

    Mich ziehen Leute an die mindestens etwas gut können, zB. Auto reparieren, ein Instrument gut spielen, toll zeichnen oder malen oder sonst irgendwo ihre starken Fähigkeiten besitzen für die sie viel Zeit investiert haben. Dazu gehört nicht sich stundenlang zu stylen. Also dann, nehmt den Finger raus und macht was aus euren Fähigkeiten.

  • mags frisch am 10.05.2014 12:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bevorzugung

    Für mich gelten im klasischen Sinne schöne Menschen als weniger Kompetent. Die durchschnittlichen müssen sich ihre Kompetenz erarbeiten ohne durch, wie wir alle wissen gutes Aussehen bevorzugt zu werden. Bin mir bewusst, das dies ein Vorurteil ist, vom Gegenteil lasse ich mich immer gerne überzeugen.

  • Durchschnittsmann am 10.05.2014 11:21 Report Diesen Beitrag melden

    Weibliche Dominanz

    Jahrelange weibliche Dominanz im Ausbildungswesen (bis hin zur Erwachsenenbildung) trägt für die Frauen Früchte und ist für Männer, welche nicht dem angeblichen Idealbild äusserlich und emotional entsprechen, verheerend. Reibungskonflikte sind vorprogrammiert. Es täte beiden Seiten gut, mehr auf einander zuzugehen. Vielen Männern hat es sicher geholfen, vom oft gelebten Machogehabe wegzukommen und der Körperpflege mehr Zeit zu widmen. Oft entsteht daraus aber ein Narzissmus, der einfach nur lächerlich wirkt, besonders, wenn er den Hauptlebensinhalt dominiert.