Beil-Attacke in Flums SG

24. Oktober 2017 09:49; Akt: 24.10.2017 14:46 Print

«Sehr viele Menschen sind potenziell gewalttätig»

Die Beil-Attacke von Flums SG lässt noch viele Fragen offen. Zwei Experten wagen sich an eine Einschätzung des mutmasslichen Täters.

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Tatwaffe sichergestellt: Ein Beil liegt am Boden in der Nähe der Tankstelle in Flums. Der Angreifer baute mit dem gestohlenen Fluchtfahrzeug einen Unfall und liess es völlig demoliert zurück. Die Polizei nahm den Beil-Angreifer nach Taser- und Schusswaffengebrauch fest: Sprecher Hanspeter Krüsi gab an der Pressekonferenz Einzelheiten bekannt. (23. Oktober 2017) Der 17-Jährige Jugendliche griff am Sonntagabend kurz nach 20 Uhr zuerst auf dem Postplatz in Flums mehrere Passanten an: Sigi Rüegg von der Kantonspolizei gab Auskunft über den Verlauf der Tat. Bei der Gewalttat sind sieben Erwachsene und ein achtmonatiges Kind verletzt worden. «Der Junge war ein ruhiger Typ», sagt ein Nachbar über den Täter. Zuerst geht der 17-jährige Lette im Dorfzentrum auf Passanten los: Der Postplatz von Flums SG. (22. Oktober 2017) Ein Grossaufgebot der Polizei ist vor Ort. (Bild: Leserreporter 20 Minuten) Fluchtwagen geklaut: Auf dem Weg zur Agrola-Tankstelle verunfallt der 17-Jährige. Ein Anwohner schildert, wie der Täter mit dem Auto 100 Meter von seinem Haus entfernt in einen Zaun gerast ist. Der Anwohner sagte, er stehe unter Schock. Der Täter konnte nach einem Schusswaffeneinsatz durch die Polizei angehalten und festgenommen werden. (Bild: Leserreporter 20 Minuten) Zweiter Tatort: Vor einer Tankstelle in Flums hat es eine Blutlache. (22. Oktober 2017) Ort einer Tat des Teenagers: Die Tankstelle in Flums. Die Polizei untersucht den Tatort. Eine Person ist an der Hand verletzt worden. (Bild: Leserreporter 20 Minuten)

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Der 17-jährige Angreifer von Flums SG liegt schwer verletzt im Spital, die Öffentlichkeit wartet auf die Ergebnisse seiner Einvernahme. Zwischenzeitlich äussern sich Experten zum Fall und darüber, ob die Behörden nun versagt haben. Schliesslich war bekannt, dass der Beil-Angreifer Gewaltfantasien hatte.

Doch dies sei ein weiter Begriff, so Josef Sachs, forensischer Psychiater, zu «SRF News». «Viele Menschen haben Gewaltfantasien, viele dieser Fantasien sind harmlos. Sie hören aber auf, harmlos zu sein, wenn sie sehr intensiv sind, einen Menschen nicht mehr loslassen, über längere Zeit anhalten und in Verbindung mit bestimmten anderen Persönlichkeitsmerkmalen und Problemen auftreten.»

Wann diese Fantasien als gefährlich eingestuft werden, müsse im Einzelfall entschieden werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie umgesetzt werden, müsse aber sehr hoch sein. «Man kann einen Menschen nicht nur wegen seiner Fantasien wegsperren», wird Sachs zitiert.

Schlüsselwort: potenziell

Bei potenziellen Gewalttätern werden Psychiater zerrieben zwischen den Bedürfnissen ihrer Patienten und den Sicherheitsansprüchen der Gesellschaft. «Als forensischer Psychiater würde ich sehr viele Leute als potenziell gefährlich bezeichnen; sie werden dennoch nie gewalttätig, obwohl sie nie psychiatrisch behandelt werden», sagt Elmar Habermeyer, Direktor der Klinik für Forensische Psychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Das Schlüsselwort in diesen Sätzen ist: potenziell. Diese Menschen könnten vielleicht gewalttätig werden. Andere werden gewalttätig – und niemand hatte sie auf dem Radar, wie den mutmasslichen Rupperswiler Vierfachmörder. Menschliches Verhalten lässt sich nicht zu hundert Prozent vorhersagen.

Las Vegas kann ein Trigger sein

Wann müssen bei auffälligen Menschen nun aber die Alarmglocken schrillen? «Wenn ein Jugendlicher bereits Gewalttaten begangen hat, darüber hinaus wenig soziale Kontakte pflegt und an psychischen Störungen leidet, ist dies eine sehr beunruhigende Konstellation», sagt Philip Jaffé, Professor für Psychologie an der Universität Genf zu «LeMatin».

Es gelte nun genau zu untersuchen, was bei der Einschätzung des jungen Angreifers vorweg schiefgelaufen ist. Doch müsse man sich bewusst sein, wie schwierig es ist, sich eine realitätsnahe Vorstellung der Gefährlichkeit eines Individuums zu machen. Ein Jugendlicher von gerade einmal 17 Jahren sollte laut Jaffé grundsätzlich nach angemessener Betreuung resozialisierbar sein.

Auf die Frage, ob Ereignisse wie das Massaker von Las Vegas wie ein Trigger auf potenzielle Nachahmetäter wirken, antwortet Jaffé: «Natürlich, so etwas kann ansteckend sein. Mit jedem Anschlag wird der Filter, der verhindert, dass sich ein gestörter Geist entfaltet, durchlässiger.»

(kaf)