Programmieren für Drittklässler

16. Juni 2014 16:14; Akt: 16.06.2014 16:14 Print

«Selbst Bauern brauchen Informatik»

von C. Bernet - Bereits Drittklässler sollen Informatik büffeln. Für Befürworter macht das Fach die Schüler fit für die Zukunft. Gegner befürchten eine Vernachlässigung der Grundlagenfächer.

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In Zukunft sollen bereits Primarschüler Programmieren lernen: Geht es nach der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK), soll mit dem Lehrplan 21 Informatik zum Pflichtstoff werden. Das schlägt eine Expertengruppe der D-EDK in einem internen Papier vor, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet. Ab der dritten Klasse soll eine Informatiklektion pro Woche unterrichtet werden, in der Oberstufe zwei Lektionen.

Der Vorschlag stösst nicht überall auf Gegenliebe: «Informatikunterricht schon ab der dritten Klasse braucht es sicher nicht», sagt SVP-Nationalrätin Nadja Pieren. Kindern in diesem Alter müssten erst die Grundkompetenzen Rechnen, Lesen und Schreiben umfassend vermittelt werden: «Wenn der Ursprung nicht richtig gelernt wird, bringen zusätzliche Fächer nichts.» Deshalb sei sie auch gegen Frühenglisch und Frühfranzösisch.

Pieren betreibt eine Kinderkrippe und bildet selber Lehrlinge aus. In den Bewerbungen, die sie erhalte, sehe sie, dass viele Schüler auch nach der obligatorischen Schulzeit die deutsche Sprache häufig nur unzureichend beherrschten. Es bringe einem Schüler nichts, irgendwelche Programme programmieren zu können, wenn er nicht im Stand sei, einen korrekten Satz zu formulieren.

«Leben in einer Medien- und Informationsgesellschaft»

«Programmiersprache wird nach den Landessprachen und Englisch die wichtigste Sprache der Zukunft sein», hält FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen dagegen. Er sitzt im Vorstand von ICT-Berufsbildung Schweiz, dem Dachverband der Informations- und Kommunikationstechnologiebranche. Wasserfallen begrüsst es, dass Informatik nicht – wie bisher im Lehrplan 21 vorgesehen – als Querschnittskompetenz in verschiedenen Fächern untergebracht, sondern ein eigenes Unterrichtsgefäss erhalten soll.

Dieser Meinung ist auch Beat W. Zemp, Präsident des Schweizerischen Lehrerverbands: «Wir leben in einer Medien- und Informationsgesellschaft.» Es gebe heutzutage kaum noch einen Beruf, bei dem es keine Computerkenntnisse brauche: «Selbst ein Bauer hat bei den Einstellungen seiner Melkmaschine mit Informatik zu tun.» Dieser Realität müsse sich die Schule stellen. Deshalb brauche es bereits ab der dritten Klasse Informatikunterricht – «altersgerecht und mit den richtigen Lehrmitteln».

«Schüler lernen von allem ein bisschen, aber nichts richtig»

Für Zemp kommt der Informatikunterricht für die Schüler nicht zu früh, wenn er altersgerecht vermittelt wird. Einen Sortieralgorithmus etwa, laut Mathematik- und IT-Lehrer Zemp eines der wichtigsten Elemente der Informatik, könne man Schülern auch spielerisch mithilfe von Bauklötzen ein erstes Mal näherbringen. Der geplante Informatikunterricht solle unter Beizug von Entwicklungspsychologen ausgearbeitet werden, so Zemp.

SVP-Nationalrätin Pieren hält jedoch auch von einer spielerischen Vermittlung von Informatik nichts: «Wenn nicht zuerst die wichtigsten Grundlagenfächer umfassend vermittelt werden, lernen die Schüler am Schluss von allem ein bisschen, aber nichts richtig.» Kindern den richtigen Umgang mit Computern und dem Internet beizubringen, falle in die Verantwortung der Eltern. Informatikkenntnisse seien zwar wichtig, aber erst ab der Oberstufe sei es Aufgabe der Schule, den Schülern technische Fertigkeiten beizubringen.

Inwiefern der geplante Informatikunterricht umgesetzt wird, hängt jetzt noch vom Ausgang des Hearings zu den Vorschlägen der D-EDK ab – und von der Bereitschaft der Kantone, den Informatikunterricht mit Wochenlektionen und finanziellen Mitteln auszustatten. Heute gibt es laut Lehrerpräsident Zemp grosse Unterschiede zwischen den Kantonen. Diese sollen mit dem Lehrplan 21 reduziert werden. Doch die Einführung der geplanten Lehrplanmodule werde nicht kostenneutral erfolgen können : «Ob die geplanten Informatikstunden in allen Kantonen eingeführt werden, hängt auch von ihrer finanziellen Situation in den kommenden Jahren ab.» Eingeführt werden soll der Lehrplan 21 in den meisten Kantonen ab Schuljahr 2017/18.