06. Februar 2008 12:36; Akt: 06.02.2008 15:31 Print

«Sex in Clubs ist wie russisches Roulette»

Immer mehr homosexuelle Männer sind HIV-positiv. Gründe dafür sind neue Sexualpraktiken und anonymer Sex in Clubs und Saunas. Jeder Sechste, der dort verkehrt, ist HIV-positiv.

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Die Zahlen sind erschütternd: Bis Ende 2007 wurden 735 Fälle von positiven HIV-Tests gemeldet. Die Zahl der Diagnosen bei homosexuellen Männern hat sich in den letzten vier Jahren sogar fast verdoppelt. 2003 wurden 160 Fälle gemeldet, per Ende 2007 gar 302 Fälle. «Es gibt verschiedene Gründe für diese Zahlen», meint Dr. Philip Bruggmann, Leiter Somatik bei ARUD Zürich (siehe Linkbox).

Mehr Tests – mehr HIV-Positive

«Seit wir mit Checkpoints in Zürich ein niederschwelliges Beratungsangebot speziell für Homosexuelle anbieten, erreichen wir viel mehr Betroffene, die sich sonst nicht zum Arzt wagen würden.» Zusätzlich sind die Leute von Checkpoint vor Ort aktiv, gehen in Clubs und Saunas oder auf Autobahnraststätten und beraten dort die Homosexuellen. «Auf diese Weise werden mehr Tests gemacht – und es kommen mehr positive Testresultate dabei heraus.»

Philip Bruggmann ist überzeugt: Die Zahl der HIV-Positiven in der Schwulenszene wird noch ansteigen. «Bisher haben viele homosexuelle Männer die Möglichkeit, sich zu testen, nicht genutzt. Das ändert sich nun. In einer Gruppe, in der HIV-Infektionen häufig vorkommen, ist die Chance gross, dass bei steigender Testzahl auch die Zahl der HIV-Positiven ansteigt.»

Jeder Sechste ist HIV-positiv

Er geht davon aus, dass in den einschlägigen Clubs und Saunas der Szene jeder Sechste HIV-positiv ist. «Wenn man an solchen Orten ungeschützten Sex hat, dann ist das wie russisches Roulette», so Bruggmann. Entscheidend sei dabei auch, dass sich die Sexualpraktiken geändert haben. «Analsex ohne Gummi ist an und für sich schon sehr risikoreich. In der Szene hat sich aber auch immer mehr eingespielt, dass beide Sexualpartner aktiven und passiven Sex haben, sich gegenseitig penetrieren. Das erhöht das Ansteckungsrisiko zusätzlich.»

Keine Angst vor Leben mit Aids

Angesichts der Tatsache, dass gerade in der homosexuellen Szene enorme Anstrengungen zur Aids-Prävention unternommen werden, erstaunt dieses Verhalten. Bruggmann glaubt, dass der zunehmende Konsum von Drogen und Alkohol die Hemmschwelle heruntersetzt und «Ausrutscher» ohne Gummi begünstigen.

Und noch etwas spielt bei diesem risikoreichen Verhalten eine Rolle: «Offenbar haben gerade jüngere Homosexuelle die Angst vor einer Ansteckung verloren, weil sie kaum noch Fälle von Aids im Endstadium kennen», glaubt der Facharzt. «Früher ist jeder zweite HIV-Infizierte an Aids gestorben. Heute gibt es Medikamente, die ein Leben mit HIV möglich machen. Die Leute haben vergessen was es heisst, mit einer solchen Krankheit zu leben und für immer auf Medikamente angewiesen zu sein.»

Auch Heteros sind nicht sicher

Philip Bruggmann macht bei seinen Beobachtungen keine grossen Unterschiede zwischen Hetero- und Homosexuellen. «Eine ‚Kondommüdigkeit’ ist auch bei vielen Heteros festzustellen. Da Männer, die mit Frauen und Männern Sexualkontakte haben, nicht selten sind, besteht die Gefahr, dass sich die Zahl der Infektionen auch in den Heterokreisen wieder erhöht. Aber sicher nicht im gleichen Ausmass – das Risiko hängt direkt mit der Häufigkeit des Virus in der entsprechenden Risikogruppe zusammen und zudem ist die Gefahr einer Ansteckung bei Vaginalverkehr kleiner als bei Analverkehr.»

Tina Fassbind, 20minuten.ch