Sex in Kinderhörspiel

13. Februar 2019 10:09; Akt: 13.02.2019 10:37 Print

«Sexualerziehung liegt primär bei den Eltern»

Die Kinder von F. P. (5 und 7) wurden von einer vermeintlich harmlosen CD detailliert über Sex aufgeklärt. Der Sexualpädagoge Mathias Schörlin sieht das als Chance.

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F. P. regt sich darüber auf, dass ihre Kinder (5 und 7 Jahre alt) durch eine vermeintlich harmlose CD ohne das Wissen der Mutter aufgeklärt wurden. Die Informationen seien sehr detailliert gewesen, sodass die Kinder sie mit Fragen wie «wie wird der harte Penis in die Scheide der Frau eingeführt?» durchlöchert hätten.

Für den Sexualpädagogen Mathias Schörlin von der Fachstelle Berner Gesundheit steht fest: «Die Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen liegt primär bei den Eltern. So sind es auch die Eltern, die entscheiden, wann, wie und mit welchen Medien sie ihr Kind aufklären wollen.» So könne ein Hörspiel durchaus ein geeigneter Weg sein, Kindern und Jugendlichen Wissen zu vermitteln. Bilderbücher würden den Erziehungsverantwortlichen mehr Freiheit lassen, zusammen mit Kindern die Thematik der Situation entsprechend zu vertiefen. «Bevor Eltern sexualpädagogische Medien beiziehen, sollten sie prüfen, ob der Inhalt ihren Wertvorstellungen entspricht.»

Zwar gibt es laut der Mutter keinen Hinweis auf der CD, dass es sich um ein aufklärendes Medium handelt, dennoch sei dies durch den Titel «Unser Baby kommt bald» und den Untertitel «Wie ist es denn da reingekommen?» anzunehmen, so Schörlin: «Für mich stellt sich klar heraus, dass es sich hier um die Zeugung, die Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes handelt. Die empfohlene Altersspanne von 4 bis 12 Jahren ist aber gross und kann Eltern verunsichern.» Da die Hörspielbox auch Themen wie Polizei und Zoo behandle, könne es durchaus passieren, dass eine etwas sensiblere CD mit der Thematik Sexualität übersehen werde. «Es liegt aber schlussendlich im Ermessen der Konsumenten, ob sie dieses Medium kaufen und ihren Kindern zugänglich machen wollen.»

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Bei der Frage, wann der richtige Zeitpunkt für die Aufklärung sei, gingen die Meinungen auseinander, so Schörlin. Er findet: «Aufgeklärte Kinder wissen sich besser zu schützen und haben ein besseres Körperverständnis. Kinder und Jugendliche profitieren, wenn sie eine Ansprechperson haben. Irritationen und Fragen können sie so im Alltag besser klären, und sie bleiben nicht allein damit.» Bei Gesprächen über Körper und Sexualität solle sorgfältig vorgegangen werden. Auch solle jeweils auf die Bedürfnisse und den Entwicklungsstand der Kinder individuell eingegangen werden. Schörlin: «Was für ein 5- jähriges Kind schon ein Thema ist, interessiert ein anderes Kind mit 12 Jahren noch nicht.»

Der Sexualpädagoge empfiehlt der Mutter F. P., mit den Kindern das Gespräch zu suchen: «Es ist verständlich und gut, hat sich die Mutter Gedanken darüber gemacht, wie sie ihre Kinder aufklären will. Nun gilt es, das Ganze als Chance zu sehen. Fühlt sie sich unsicher darin, kann sie Unterstützung bei Fachstellen wie der Berner Gesundheit beziehen.»

Der Hörspieltext
Hier können Sie den Text zu der für die Mutter heiklen Szene auf der CD «Unser Baby kommt bald» nachlesen:

Inzwischen ist es Nachmittag geworden und die grosse Aufregung hat sich ein wenig gelegt. Mama und Papa machen Mittagsschlaf. Jonathan spielt in seinem Zimmer und auch Greta ist in ihr Zimmer gegangen, um ein Bild von dem winzigen Baby in Mamas Bauch zu malen. Aber sie kann sich nicht richtig aufs Malen konzentrieren. Eine wichtige Frage schwirrt ihr im Kopf herum. Mama und Papa will sie sie nicht stellen. Ausserdem schlafen die ja gerade. Aber vielleicht kann ihr Jonathan helfen. Sie geht über den Flur zu seinem Zimmer und klopft an die Tür.

«Ja, was ist denn? Komm rein, Greta», so Jonathan.

«Kann ich dich mal was fragen, Jonathan?, erwidert Greta.

«Mama hat doch jetzt das Baby im Bauch.»

«Ja?»

«Und es wächst da und wird immer grösser. Bis es irgendwann mal rauswill?», fragt Greta.

«Ja?»

«Aber warum? Wie ist es denn dahin gekommen?», fragt Greta.

Diese Frage zu beantworten ist für Jonathan eine Kleinigkeit. Mama und Papa haben es ihm schon erklärt, und in der Schule haben sie auch schon darüber gesprochen.

«Sex», sagt Jonathan und verschränkt die Arme vor der Brust.

«Aha», sagt Greta und schaut ihren Bruder verständnislos an.

«Es ist etwas, was erwachsene Männer und Frauen tun, wenn sie sich lieben. Weil sie es schön finden wahrscheinlich. Ja, also, sie küssen sich dann, aber nicht nur auf den Mund. Und sie streicheln sich überall, am Po und an den Beinen und am Rücken und an den Brüsten und überall. Und am liebsten sind sie dabei nackig.»

«Ach so?»

«Ja.»

«Und wenn sie beide das so richtig schön finden, wird der Penis vom Mann gross und hart. Und bei der Frau wird die Scheide innen ganz warm und feucht. Und dann wollen alle beide unbedingt, dass der Mann den Penis in die Scheide reinsteckt. Und dann machen sie das. Und das ist dann eben Sex.»

Greta steht mit weit geöffnetem Mund da. Also, vorstellen kann sie sich das alles nicht. Andererseits wird es Jonathan schon wissen. Schliesslich ist er ihr grosser Bruder. Sie findet ganz spannend, was er erzählt. Nur versteht sie leider noch nicht, was das alles mit Kinderkriegen zu tun hat, wenn Erwachsene so seltsame Dinge tun. Sie will gerade nachfragen, aber dann – «Klopf, Klopf. Na meine beiden» – steckt Mama ihren Kopf zur Tür herein. «Es ist so still bei euch. Worüber redet ihr denn hier so heimlich?»

«Über ... über ...», sagt Greta.

«Über Sex», sagt Jonathan.

«Oh», sagt Mama. Und dann setzt sich Mama auf den Fussboden und lässt sich von Greta erzählen, was sie gerade von Jonathan gehört hat über Sex.

«Das hast du aber toll erklärt, Jonathan», sagt Mama.

«Ja», sagt Jonathan.

Greta sieht Mama eine Weile an.

«Und das habt ihr also gemacht, also Papa und du.»

«Ja», sagt Mama grinsend. «Zum Glück. Sonst hätten wir euch beide nicht bekommen. Und das neue Baby wäre auch nicht in meinem Bauch. »

Genau das ist die Sache, die Greta noch nicht ganz verstanden hat.

«Du weisst doch, dass unten am Penis so ein kleiner Sack ist. Das ist der Hodensack. Und da drin sind die beiden Hoden. Und in diesen Hoden sind ganz viele Samen.»

«Samen?», fragt Greta. «So wie Blumensamen?»

«Nein, nicht wie Blumensamen. Die sehen aus wie winzige Kaulquappen. Aber viel, viel kleiner. Die kann man nur durchs Mikroskop sehen. Jedenfalls: Wenn der Mann seinen Penis in die Scheide der Frau steckt, dann können die Samen durch den Penis in den Bauch der Frau schwimmen. Ganz viele auf einmal. Ein paar Millionen davon.»

«Echt? So viele?», fragt Jonathan.

«Ja, echt», sagt Mama. «Und die haben einen ziemlich langen und anstrengenden Weg vor sich. Die machen so eine Art grosses Wettschwimmen. Von der Scheide aus durch einen langen Tunnel, den Gebärmutterhals, in eine Art Höhle, die Gebärmutter. Und von dort in den Eileiter.»

«Eileiter?», fragt Greta. «Also gibt es im Bauch der Frau Eier oder was?»

«Ja», sagt die Mutter lachend. «Aber die sind auch wieder so richtig winzig klein. Ich weiss, dass es ein bisschen schwer ist, sich das vorzustellen. Wisst ihr was? Ich zeige euch das am besten in einem Buch. Aber um es noch schnell zu Ende zu erklären: Wenn es dann zu guter Letzt eine von diesen vielen winzigen Samenzellen geschafft hat, zu einer Eizelle zu gelangen und in sie einzudringen, dann kann aus dieser befruchteten Eizelle ein Kind entstehen. So ein einzigartiges und wundervolles Kind, wie du eins bist. Und Jonathan natürlich auch. Toll, oder?»

Greta staunt. «Also, von den paar Millionen Samen kommt echt nur ein einziger an?»

«Ja, es ist wie ein Sportwettkampf. 100 Millionen Samenzellen sind am Start und nur eine einzige gewinnt. Meistens jedenfalls. Ausser bei Zwillingen oder Drillingen.»

Plötzlich hat Greta einen Geistesblitz: «Ach, deshalb bekommen kleine Babys, wenn sie auf die Welt gekommen sind, eine Urkunde. Weil sie Gewinner sind, stimmts?»

«Eine Urkunde? Ach so, du meinst die Geburtsurkunde. Also, so habe ich das nie betrachtet, aber ja, vielleicht gibt es die, weil jedes Baby ein Gewinner ist», sagt Mami lachend.

(qll)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Susanne. R. am 13.02.2019 10:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    LOL

    Jetzt musste ich echt laut lachen, danke! Die Katholiken machen das eben nur im Geheimen und alle anderen auch...

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  • pyrat am 13.02.2019 10:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Push Benachrichtigung

    Ist sowas jetzt wirklich eine Pushbenachrichtigung wert? Es sind mir in letzter Zeit sehr viele unnötige Benachrichtigungen aufgefallen... nur weil grad nichts lauft muss man doch nicht sowas als Breaking News liefern!

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  • Martin am 13.02.2019 10:29 Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld

    Es ist schon richtig, dass man durchaus darauf hinweisen könnte, dass da eine Aufklärungs-CD dabei ist. Aber wenn man sich nicht traut einem 5 jährigen Kind die Wahrheit über die Fortpflanzung zu sagen und ihm "was vom Storch" erzählt, darf man sich natürlich nicht wundern, wenn das Kind irritiert ist.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ephraim Lercher am 14.02.2019 07:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hehe

    Fun Fact: Bis vor wenigen Jahren gehörte Weltbild noch der katholischen Kirche!

  • Hans-Ruedi auf Reise am 13.02.2019 19:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Papa was sind das für Bilder?...

    Ich bin als Kind durch Zufall auf dieses Thema gekommen. Eines Tages wollte ich auf dem IPad meines Vaters spielen und als ich das Internet öffnete, waren da ganz viele Bilder und Videos mit nackten Menschen die übereinander lagen. Mein Vater erzählte mir er hätte etwas für die Arbeitsstelle gesucht und sei durch Zufall auf diese sonderbare Seite gestossen. Damals glaubte ich ihm, aber heute als Erwachsener bin ich mir da nicht mehr so sicher...

  • Überdemnebel am 13.02.2019 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eltern sein ist schwer

    Hallo Eltern, erzieht doch eure "Wunsch" kinder selber. Es ist eure Pflicht und nicht die der Schule!

  • J. N. am 13.02.2019 18:50 Report Diesen Beitrag melden

    Offen aber...

    Man kann den Kindern auch altersgerecht alles erklären. Ich finde ab 4 Jahren müssen Kinder solche Details nicht wissen. Das mit dem Storch ist aber eben so daneben.....

    • loquito am 13.02.2019 20:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @J. N.

      Mein Sohn hat genau solche Fragen mjt 4 gestellt. Und ich seh gar kein Problem dabei esihm zu erklären. Ich weiss aber nun zu 100%, dass er weiss was ok ist und was eben nicht ok ist.

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  • Stefen am 13.02.2019 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute, kindergerechte Geschichte!

    Ich finde, Sie haben die Geschichte sehr gut gemacht. Auf diese Weise wird den Kindern auch sehr gut erklärt wie Kinder entstehen, ohne dass die Kinder es grossartig falsch verstehen können.