«Dökterle»

07. Mai 2019 11:44; Akt: 07.05.2019 11:54 Print

«Übergriffe unter Kindern werden verharmlost»

Sexuelle Gewalt unter Kindern werde verharmlost, sagen Fachleute. Anhand von drastischen Fällen rufen sie dazu auf, genauer hinzuschauen.

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Die Beratungsstelle Castagna schlägt Alarm: Bei sexuellen Übergriffen unter Kindern werde zu oft weggeschaut. «Wir haben mit Dutzenden Fällen von sexuellen Übergriffen unter Kindern zu tun», so Co-Leiterin Regula Schwager. So hat die Fachstelle allein im Jahr 2018 Fälle mit 77 minderjährigen Tätern unter 12 Jahren betreut, wie die am Montag veröffentlichte Jahresstatistik zeigt.

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Laut Schwager schätzen sowohl Eltern als auch Betreuungspersonal sexuelle Übergriffe unter Kindern oft falsch ein, «weil kindliche Sexualität grundsätzlich als ‹unschuldig und absichtslos› wahrgenommen wird.» Diese Scheuklappen führten dazu, dass teils schwere sexuelle Übergriffe als «Dökterle» verharmlost würden.

Schlimme Fälle

Um zu veranschaulichen, wo das Spiel aufhört, führt die Fachstelle drastische Fälle aus der Beratungsarbeit an:

• Fünf Kindergärtler haben zwei jüngere Buben gezwungen, aneinander sexuelle Handlungen vorzunehmen. Dabei hat die
Gruppe konkrete Anweisungen gegeben und den beiden Jungen die Hosen runtergezogen, als sie nicht mitmachen wollten.

• Ein Erstklässler zwang einen jüngeren Buben, ihn oral zu befriedigen.

• Ein achtjähriger Junge penetrierte einen Dreijährigen über einen längeren Zeitraum anal.

• Ein kleines Mädchen wurde von Kindergärtlern mit einem Gegenstand vaginal so stark verletzt, dass es einer Operation unterzogen werden musste.

Wann wird das Spiel zum Missbrauch?

«Grundsätzlich ist es wichtig, dass Kinder ihre Kindersexualität ausleben können, weshalb ich das «Dökterle» nicht grundsätzlich verbieten würde», so Schwager. Dennoch müsse man deutlich zwischen Spiel und Missbrauch unterscheiden: «Die spielenden Kinder sollten gleich alt und auf dem gleichen Entwicklungsstand sein. Das Spiel muss dabei auf Freiwilligkeit beruhen und soll nur zu zweit und nicht in Gruppen gespielt werden. So entsteht kein Druck von aussen.» (weitere Abgrenzungskriterien in der Info-Box)

Tätliche Kinder handeln laut Schwager aus eigenen Ohnmachtserfahrungen heraus und versuchen durch ihr Handeln Machtgefühle zu erleben. «Einige reagieren so auch auf Frustrationen und lassen so ihre Aggressionen ab», so Schwager. Es sei deshalb wichtig, so früh wie möglich zu intervenieren. «Bekommen die tätlichen Kinder keine Hilfe, nimmt mit dem Alter die Schwere ihrer Vergehen weiter zu.» Bei erwachsenen Sexualstraftätern stelle man denn auch oftmals fest, dass sie bereits im Kindesalter sexuell übergriffig gewesen seien.

Leicht zugängliche Pornografie mit ein Grund

Doch um solche Taten erst verüben zu können, müssen Kinder erst in Kontakt mit der erwachsenen Sexualität kommen: «Oft erfahren Kinder von sexuellen Praktiken durch Erzählungen von Freunden, älteren Geschwistern oder wenn sie diese selbst gesehen haben», sagt Schwager. So ist der Zugang zu Pornografie laut Schwager durch das Internet heute kinderleicht geworden: «Die Kinder meinen, dass das, was sie in Pornos sehen, normal sei, und imitieren es unter Umständen dann auch. Deshalb braucht es uns Erwachsene, die eingreifen.»

Es sei schwer, Kinder vor Übergriffen zu schützen, meint Schwager. «Meistens sind die betroffenen und übergriffigen Kinder miteinander befreundet oder gehen gemeinsam in die Klasse oder wohnen in der gleichen Nachbarschaft.» Kommen Kinder in eine solch schlimme Situation, seien sie verwirrt und könnten nicht Nein sagen, sagt Schwager. «Das betroffene Kind ist hin- und hergerissen zwischen freundschaftlichen Gefühlen und Angst.»

«Lehrpersonen werden entsprechend ausgebildet»

«Lehrpersonen auf Kindergarten- und Primarschulstufe werden hinsichtlich solcher Übergriffe ausgebildet. ‹Doktorspiele› sind bekannt, weshalb die Lehrer ein solches Verhalten sofort zu unterbinden wissen», so Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Schweizerischen Lehrerverbands LCH.

Laut Lukas Geiser, wissenschaftlicher Mitarbeiter Sexualpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Zürich, fliesst die Thematik auf allen Stufen in einer obligatorischen Lehrveranstaltung mit ein. «Zusätzlich besteht die Möglichkeit, sich in Wahlmodulen Kenntnisse anzueignen. Dabei werden unter anderem auch verschiedene Fachstellen vorgestellt, an die sich die angehenden Lehrpersonen wenden können.»

(mm)