Belästigungen

20. Dezember 2016 10:07; Akt: 21.12.2016 03:48 Print

«Sie denken, Frauen im Ausgang suchen Sex»

von C. Kündig - Ein Bericht aus Lausanne zeigt: Rund 14 Prozent der Frauen wurden innerhalb der letzten zwölf Monate im Ausgang belästigt. Eine Expertin liefert mögliche Erklärungen.

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«Belästigungen im Alltag erleben wir bei uns in der Deutschschweiz im gleichen Ausmass», sagt eine Expertin. Und: «Alkohol und Drogen im Ausgang fördern die Belästigungen sicherlich.» Eine grosse Rolle spiele auch die Erwartung, mit der manche Männer in den Ausgang gehen, so die Expertin. «Täter legen sich die Realität oftmals zurecht. Sie sagen sich, dass Frauen im Ausgang auf der Suche nach Sex sind.» Im Herbst machten viele Frauen auf eine solche Denkweise unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei aufmerksam. Sie haben genug von Männern, die sie sexuell belästigen oder sexistische Sprüche machen, sagten sie damals. «Männer, die mich beim täglichen Joggen am Fluss belästigten, bis ich nur noch nachts joggte. Im Dunkeln, im Wald», lautet der Tweet einer Betroffenen. (Symbolbild) Die Verteidigerinnen der Frauenrechte fordern eine Sexismusdebatte nach deutschem Vorbild. Der deutschen Aufschrei-Debatte ging ein Bericht der Journalistin Laura Himmelreich voraus. Die Frauen prangern sexuelle Belästigung von Männern an, die sie am eigenen Leib erlebten. Die Aussage von SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler, Frauen machten sich durch naives Verhalten an Vergewaltigungen mitschuldig, stösst den Frauen sauer auf. Helena Trachsel, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann, sagt: «Es geht bei diesem Thema immer um eine persönliche Wahrnehmung. Die involvierten Personen müssen in der Kommunikation beide eine gewisse Sensibilität an den Tag legen. Mit «Fuck the Patriarchy» wollen die Frauen ein Zeichen gegen die männliche Vorherrschaft setzen. Nationalrätin Min Li Marti (SP) erinnert sich: «Wenn mir der Ratskollege sagt, das Thema sei halt kompliziert, vielleicht könne mir das mein Mann später erklären.» Yvonne Feri, Nationalrätin der SP des Kantons Aargau, erzählte im «SonntagsBlick»: «Ich werde als Frigide und Emanze beschimpft, die schlecht aussieht.» SP-Nationalrätin Mattea Meyer erlebte schon Ratskollegen, die sie kichernd fragten, wann es Nacktbilder von ihr geben werde. Auch Sätze wie: «Heute bist du aber nett angezogen» oder «Du trägst schöne Stiefel» seien gefallen. Sie bezeichnet auch diese als sexistisch. Ab wann wird ein Kompliment zur sexuellen Belästigung?

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Mit dem #SchweizerAufschrei machten im Herbst viele Frauen auf sexuelle Belästigungen aufmerksam. Beleidigungen, herablassende Blicke und grapschende Hände gehören demnach für viele junge Frauen zum Alltag.

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Die Stadt Lausanne hat am Montag einen Bericht zu Belästigungen im öffentlichen Raum veröffentlicht. Die Resultate sind erschreckend. Fast drei von vier Frauen (72 Prozent) zwischen 16 und 25 Jahren geben an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal belästigt worden zu sein. Die Hälfte der jungen Frauen musste sogar einmal pro Monat lästige Sprüche, Pfiffe oder Berührungen über sich ergehen lassen. Die Täter sind meist junge Männer.

Gemäss Studie passieren die Übergriffe häufig in der Nacht, auf der Strasse oder in Parks, aber auch in Nachtclubs. 18 Prozent der belästigten Frauen gaben an, dass sie in einem Club, einer Bar oder in einem Restaurant belästigt wurden.

«Täter legen sich die Realität oft zurecht»

Karin Moos, Beraterin bei der Fachstelle Frauenberatung sexuelle Gewalt, erstaunen die hohen Zahlen nicht. «Belästigungen im Alltag erleben wir bei uns in der Deutschschweiz im gleichen Ausmass.» Und: «Alkohol und Drogen im Ausgang fördern die Belästigungen sicherlich.» Zudem fühle man sich in der Gruppe sicherer oder stichele sich auch mal gegenseitig an.

Eine grosse Rolle spiele die Erwartung, mit der manche Männer in den Ausgang gehen, sagt Moos. «Täter legen sich die Realität oftmals zurecht. Sie sagen sich, dass Frauen im Ausgang auf der Suche nach Sex sind, dass Frauen, die sexy Kleider tragen, mehr als nur tanzen möchten.» Das sei aber nicht so. «Jeder Mensch darf sich so anziehen, wie er möchte, und in den Ausgang gehen, um sich zu amüsieren.»

Mythen entstehen

Moos empfiehlt Frauen, die belästigt werden, zuerst laut und deutlich zu sagen, dass sie damit nicht einverstanden sind. «Dann sollte man laut rufen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, damit einem jemand zu Hilfe kommt. Vor Ort, in den Clubs kann man die Securitas-Mitarbeitenden informieren und dort um Unterstützung anfragen.» Später sei es sicher gut, eine Opferberatungsstelle aufzusuchen. «Dort finden betroffene Frauen die notwendige Unterstützung, um das Erlebte einordnen zu können. Es können rechtliche Fragen beantwortet werden, was für eine Anzeige spricht und was dagegen.»

Ein grosses Problem sei, dass viele Menschen, die nicht direkt von Sexismus oder sexueller Gewalt betroffen sind, die Problematik nicht wahrnehmen. Daraus entstehen Mythen wie «Sexuelle Gewalt geschieht nur nachts, allein im Park oder im Wald durch fremde Täter.» Ausserdem würde die Gesellschaft dies untermauern mit Sätzen wie «Wenigstens hat er dich nicht vergewaltigt» oder «Du solltest halt nicht so viel trinken.»

«Wer trinkt, der muss sich auch beherrschen können»

Die Clubs scheinen sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein. Alex Flach, Sprecher diverser Schweizer Nachtclubs, sagt: «Bezüglich sexueller Belästigung herrscht in den Clubs, die ich vertrete, eine klare Nulltoleranz.»

Frauen, die belästigt wurden, sollten sich sofort bei den Security-Mitarbeitern melden. «Der Typ wird dann aus dem Club geworfen, und je nach Schwere des Falls wird die Polizei gerufen.» Aufgeheizte Stimmung oder Alkoholkonsum sei keine Entschuldigung für ein solches Verhalten, so Flach. «Das kommt gar nicht infrage. Wer trinkt, der muss sich auch beherrschen können.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Timi am 20.12.2016 10:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unterschied

    Wenn derjenige hübsch ist, ist es Flirten, wenn nicht, dann Belästigung.

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  • Pesche Klett am 20.12.2016 10:18 Report Diesen Beitrag melden

    Netter Artikel, aber einseitig.

    Er beisst sich mit der immernoch vorherrschenden Meinung dass Frauen erobert werden wollen. Dies heisst sowohl dass der Mann den ersten Schritt machen soll, wie auch dass er das Vorgehen bestimmt. Ich verstehe sehr wohl dass man nur Tanzen will. Dann sagt man klar und deutlich, dass man nicht interessiert ist und aus die Maus. Hier kommt wiederum zum Tragen dass dann einige Damen auch möchten dass man um sie kämpft, für manchen Mann wird's dann langsam kompliziert.

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  • D-man am 20.12.2016 10:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte nicht falsch verstehen

    Aber wer sich so sexy wie nur möglich auftakelt muss nicht behaupten wollen, keineswegs Aufmerksamkeit in Form von ich nenns mal "Anerkennung/Selbstbestätigung" zu suchen. Dies kann dann halt auch dazu führen, dass man "Fans" generiert, die man gar nicht haben wollte. Wenn ich gefährlich leben will, kann ich beispielsweise ja auch im Haifischbecken schwimmen gehen. Jedoch würde ich darauf achten, dies nicht mit unbedingt grad mit blutenden Wunden zu tun, nur weil ich unbedingt die Aufmerksamkeit der Haie auf mich ziehen möchte...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Manta am 21.12.2016 06:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    warum?

    komisch - wieso wurden hier nur SP Leute interviewt? Es gibt auch die anderen die andere Erfahrungen gemacht haben. Oder diejenigen die einfach nicht begriffen haben wie flirten funktioniert.

  • PiriReis am 21.12.2016 00:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ansprechen oder Aufreissen

    Die Frage ist doch WO ? Wo ist die Grenze von jemanden Ansprechen zu jemanden Belästigen. Manches als Kompliment gesprochenes klingt im Nüchtern Zustand absurd.

  • BondageP am 21.12.2016 00:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genug mit dem weinenden Feminismus

    Langsam reicht es mir mit den Feministinnen. Ja ihr werdet angemacht. Aber ja ihr macht auch an... Oder zählt es nicht, wenn ihr das macht? Bin 58 (!) und werde regelmäßig von den besten Freundinnen meiner Frau angemacht... Sind das Macho-Frauen? Wieso soll ich mich schämen, einen Mann zu sein?

  • Dr. Gabber am 20.12.2016 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @Reifelady

    Nun, ich habe mir so einige Kommentare von Ihnen durchgelesen. Und ich muss, zumindest für mich, eines ganz klar sagen. Für mich muss sich keine Frau aufbrezeln oder sich extravagant kleiden. Ich finde es durchaus schön, wenn sie sich auch mal elegant zu kleiden weiß. Aber für mich zählt es mehr, dass eine Frau über Herz, Verstand und Humor verfügt. Ich bin definitiv nicht perfekt, aber das ist niemand. Wieso ständig dieses gegen einander? Wir sind Schluss am Ende einfach nur Menschen. Nein, ich will übrigens damit keine Belästigung schön reden.

  • TED.. am 20.12.2016 20:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    seelsorge

    Na wer nicht reif ist, geht nicht in den Ausgang. Hört auf zu jammern. Wenn ich bedatscht werde, machs ich logo auch aber dann tuts weh, ganz einfach.