Secondo-Soldaten

09. April 2015 07:09; Akt: 09.04.2015 08:14 Print

«Sie müssten ihr Leben für die Schweiz hergeben»

von J. Büchi - Das Foto der Schweizer Soldaten mit dem Doppeladler befeuert eine alte Frage: Haben Armeeangehörige mit ausländischen Wurzeln ein Loyalitätsproblem?

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Begehen die Soldaten mit diesem Bild einen Loyalitätsbruch? (Bild: Ausriss Blick)

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Sie dienen in der Schweizer Armee, sind aber auch stolze Albaner: Ein Schnappschuss von sieben Soldaten, die auf Facebook mit Waffen und albanischer Flagge posieren, erhitzt die Gemüter. Weil die Veröffentlichung des Fotos gegen die Dienstvorschriften verstösst, ermittelt nun die Militärpolizei. Ein Offizier spricht im «Blick» von einer Handlung, die an «Landesverrat» grenze. Soldaten müssten zu 100 Prozent hinter der Armee des Landes stehen, dem sie dienten. Fremde Flaggen und Gespräche in der Muttersprache hätten im Dienst nichts zu suchen.

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Diese Meinung vertritt auch SVP-Nationalrat Hans Fehr. «Ich finde es wichtig, dass man in solchen Fällen sofort eingreift und mit einem scharfen Verweis reagiert.» Er gehe zwar nicht davon aus, dass die Soldaten auf dem Foto etwas Böses im Sinn gehabt hätten – trotzdem dürfe der Vorfall nicht verharmlost werden. «Im Kriegsfall muss ein Soldat bereit sein, sein Leben für die Schweiz herzugeben – und nicht für Albanien.» Das Foto lasse zumindest Zweifel daran aufkommen, ob diese Bereitschaft da sei.

Jeder dritte Soldat hat ausländische Wurzeln

Die Zahl der Secondos in der Schweizer Armee hat in den vergangenen Jahrzehnten stetig zugenommen. Heute hat einer von drei Schweizer Rekruten einen Migrationshintergrund. Diese Entwicklung birgt Zündstoff – nicht nur in Fällen, in denen die Regeln der Armee verletzt werden. Gemäss der Studie «Sicherheit 2014» glauben rund drei von zehn Befragten, dass Soldaten ohne Migrationshintergrund eher bereit seien, die Schweiz im Ernstfall zu verteidigen.

Tibor Szvircsev Tresch von der Militärakademie an der ETH Zürich hat sich intensiv mit dem Thema befasst. Er sagt: «Heute sieht man auf jedem Waffenplatz Leute, die aufgrund ihrer Sprache, ihrer Hautfarbe oder anderer Merkmale als Angehörige einer Minderheit erkennbar sind.» Es liege auf der Hand, dass sich die Bevölkerung unter diesen Umständen die Frage stelle, ob dies für die Armee etwas verändere.

Mangelnde Loyalität?

Im Militär selber stelle sich etwa die Herausforderung, wie mit Leuten umzugehen ist, die die Sprache nur mangelhaft beherrschen. Weitaus gewichtiger sei aber die Frage, ob Secondos bedingungslos für die Schweiz einstünden. Szvircsev Treschs Forschung gibt darauf eine klare Antwort: «Die Motivation und die Leistungsbereitschaft von Soldaten mit Migrationshintergrund ist nach unseren Erkenntnissen gleich hoch oder sogar höher als jene von Leuten ohne ausländischen Wurzeln.»

Szvircsev Tresch betont zwar, dass die Zurschaustellung der Doppeladler-Flagge gegen die Dienstvorschriften verstösst. Von mangelnder Loyalität zeugt sie seines Erachtens aber nicht. «Der schweizerische Integrationsbegriff sieht nicht vor, dass man sein Herkunftsland total vergisst.» Szvircsev Tresch erinnert zudem daran, dass alle Soldaten mit ausländischen Wurzeln entweder ein Einbürgerungsverfahren durchlaufen haben oder sogar in der Schweiz geboren sind.

«Das sind richtige Schweizer»

Dies betont auch Blerim Shabani, Journalist der schweizerisch-albanischen Plattform Albinfo. «Das sind alles richtige Schweizer. Dass sie stolz auf ihre albanische Herkunft sind, ändert nichts daran.» Wenn sich Soldaten auf Facebook mit der albanischen Flagge präsentierten, sei dies ungeschickt – «mehr aber auch nicht». Shabani sagt, es gelte zu akzeptieren, dass sich die Schweizer Gesellschaft verändere – im Gesamten genauso wie in der Armee und in der Fussballnati. «Das ganze Land ist vielfältiger geworden. Das spiegelt sich auch in seinen Institutionen wider.»

Noch einen Schritt weiter geht Militärsoziologe Szvircsev Tresch. «Wir haben herausgefunden, dass die Integration in der Armee besser gelingt als in der Gesamtgesellschaft.» Dafür gebe es eine einfache Erklärung: «Wenn es regnet und kalt ist und alle in derselben Uniform stecken, ist es entscheidend, ob jemand für das Team anpackt – und nicht, von welcher Herkunft und Religion er ist.» Die Schweizer Armee selber will sich nicht zum Thema äussern. «Alle, die bei uns Dienst leisten, sind Schweizer. Ob mit oder ohne Migrationshintergrund ist für uns irrelevant», so Sprecher Christoph Brunner.