Tunesische Asylsuchende

17. April 2013 07:23; Akt: 17.04.2013 12:59 Print

«Sie stehlen, um Geld nach Hause zu schicken»

von Marco Lüssi - Schriftsteller Amor Ben Hamida will Tunesier davon abhalten, in die Schweiz zu kommen. Mit Vorträgen an tunesischen Schulen versucht er, ihnen ihre Illusionen über Europa zu nehmen.

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Herr Ben Hamida, was war Ihre Motivation, den Roman über tunesische Asylbewerber zu schreiben, der in diesen Tagen erscheint?
Amor Ben Hamida:
Schweizer Lesern will ich zeigen, welche Hoffnungen und falschen Erwartungen junge Tunesier in die Schweiz treiben. Und tunesischen Lesern will ich klarmachen, dass die Schweiz nicht das Paradies ist, das sie erwarten.

Warum kommen so viele Tunesier hierher, obwohl sie keine Chance auf Asyl haben?
In Tunesien herrscht ein völlig falsches Bild von Europa. Verantwortlich dafür sind vor allem jene Tunesier, die schon in Europa leben. Sie sagen ihren Landsleuten nicht ehrlich, wie schwierig es hier ist. Wenn sie in den Ferien nach Tunesien zurückkehren, protzen sie mit einem Reichtum, den sie in Wirklichkeit gar nicht haben. Dass sie ihr Auto in Europa geleast haben und verschuldet sind, verschweigen sie, um das Gesicht zu wahren. Schon im Alter von 14 Jahren haben viele Tunesier den grossen Traum, nach Europa zu gehen. Dabei nehmen sie sogar das Risiko in Kauf, bei der Überfahrt nach Lampedusa zu ertrinken.

Aus welchen Schichten stammen jene Tunesier, die in die Schweiz kommen?
Die meisten stammen aus der Unterschicht, haben wenig Schulbildung, schlechte Sprachkenntnisse und waren in Tunesien arbeitslos. Ich habe in der Schweiz aber auch Asylsuchende getroffen, die in Tunesien einen Job hatten, etwa als Lehrer. Die meisten wollen aber nicht in der Schweiz bleiben, ihr eigentliches Ziel ist Frankreich. Dort hat fast jeder Tunesier Verwandte.

Können sich Personen aus der Unterschicht die Überfahrt nach Europa überhaupt leisten?
Mit dem Boot nach Europa zu gelangen kostet etwa 2000 bis 3000 Dinar, das sind 1000 bis 1500 Franken. Das entspricht etwa vier guten tunesischen Monatslöhnen. Um dieses Geld aufzubringen, verschulden sich die meisten, oft nicht nur sie selber, sondern auch ihre Familien. Umso grösser ist dann der Druck für sie, aus Europa Geld zu schicken.

Fast täglich tauchen tunesische Asylbewerber in Schweizer Polizeimeldungen auf, weil sie Ladendiebstähle begehen oder Autos knacken.
Ja, diese Kriminalität ist ein grosses Ärgernis. Sie fügt Tunesien einen enormen Image-Schaden zu. Diese Vorfälle rauben den Schweizern auch die Lust, ihre Ferien in Tunesien zu verbringen. Mit der Folge, dass sich die tunesische Tourismusbranche weiter in der Krise befindet – was wiederum noch mehr Wirtschaftsflüchtlinge produziert.

Kommen die Tunesier mit dem Ziel in die Schweiz, kriminell zu werden?
Nein, sie wollen Arbeit, sie wollen Geld verdienen. Wenn sie ein Jahr hier herumgehängt sind und nie arbeiten konnten, geraten manche auf die schiefe Bahn. Viele denken sich auch: Diktator Ben Ali hat in der Schweiz Millionen gebunkert, davon hole ich mir jetzt etwas zurück. Das Geld, das sie stehlen, brauchen einige, um sich Nike-Turnschuhe, Levi's-Jeans und andere Statussymbole zu kaufen. Doch viele schicken es auch nach Hause. Sie wollen den Anschein erwecken, dass sie es in Europa geschafft haben.

Ist die Hemmschwelle, kriminell zu werden, bei Ihren Landsleuten tief?
Sie ist jedenfalls hier viel tiefer als in Tunesien. Dort haben junge Männer Väter und Onkel, die einschreiten, wenn sie kriminell werden. Diese soziale Kontrolle fehlt hier völlig. Hinzu kommt der Alkohol. Damit haben wir in der arabischen Welt Mühe: Entweder man trinkt gar nicht, oder man trinkt bis zur Besinnungslosigkeit. Alkohol – in Kombination mit Frust – spielt oft eine Rolle, wenn tunesische Asylbewerber Straftaten begehen.

Welche Rolle spielen die geringen Strafen in der Schweiz?
Eine grosse. In Tunesien sind die Strafen viel härter als hier. Eine oder zwei Nächte in einem Schweizer Gefängnis können einen tunesischen Asylbewerber nicht abschrecken. Die Strafen in der Schweiz müssten härter sein.

Was müsste man tun, um Tunesier von der aussichtslosen Reise in die Schweiz abzuhalten?
Es braucht mehr Hilfe vor Ort, damit es Tunesiens Wirtschaft endlich besser geht. Deshalb lasse ich bewusst mein Buch in Tunesien drucken. Und Schweizer müssten wieder mehr in Tunesien Ferien machen. Zudem müssen die Tunesier endlich lernen, dass Europa nicht das Paradies ist, für das sie es halten. Dafür sorge ich, indem ich in Schulen Vorträge halte.

Was erzählen Sie den tunesischen Schülern?
Gemeinsam mit einem Kollegen informiere ich sie über die tödlichen Gefahren der Bootsüberfahrt. Und ich sage ihnen deutlich, dass Arbeitslosigkeit gemäss Schweizer Recht kein Asylgrund ist. Und dass die Schweizer nur so viel Geld haben, weil sie «chrampfen». Tunesier, die einen Job in der Schweiz haben, sind überrascht, wie hart man hier arbeitet. In Tunesien leistet man halt schon weniger als in der Schweiz – dafür verdient man auch zehnmal weniger.

Glauben Sie, dass diese Vorträge bei den Jungen etwas bewirken?
Ich weiss es nicht – sobald einer in seinem Umfeld jemanden kennt, der aus Europa 500 Euro an die Familie schickt, glaubt er, dass er es auch schaffen kann. Doch auch in der tunesischen Gesellschaft wächst der Unmut über junge Menschen, die in Europa schmarotzen, statt sich am Wiederaufbau ihres Landes zu beteiligen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ben Zürcher am 18.04.2013 03:31 Report Diesen Beitrag melden

    Tourismus - Politik

    Wir T0uristen vermitteln leider auch ein total falsches Bild von Europa. Was sollen die Einheimischen dort anderes denken, wenn T0uristen mit teuren Klamotten in der Gegend rumstolzieren und das Geld nur so um sich werfen. Die Arbeit von Herrn Hamida schätze ich sehr. Im gegensatz zu unseren Hobbypolitker, welche seit unbeschreiblich langer Zeit eine Lösung suchen, versucht Herrn Hamida aktiv mit Taten etwas zu bezwecken. Ob dies etwas bringt wird sich noch herausstellen. Schade ist das Buch nicht in unserer Sprache!

  • Sabrina am 17.04.2013 11:14 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt

    Das finde ich wirklich mal eine vernünftige, neutral-objektive Analyse eines Problems und eine ebenso vernünftige Vorgehensweise! Anstatt immer nur eine Seite zu beleuchten und entweder übermässig liberal oder übermässig ablehnend zu reagieren, werden hier beide Seiten beleuchtet. Respekt, ehrlich!

  • karine am 17.04.2013 12:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich hoffe für tunesien...

    du hast es auf den punkt gebracht amor! ich sehe das grösste problem im umdenken der tunesier. da aber das 'gesicht wahren' so wichtig ist wird das ein sehr schwieriger prozess, wenn nicht gar unmöglich :-( . familien nehmen in kauf, dass ihre söhne bei der überfahrt sterben... das können wir gar nicht nachvollziehen, denn bei uns verhungert niemand! europa ist ihre hoffnung denn sie können mit sehr wenig ihre ganze familie ernähren... würden wir es umgekehrt nicht auch versuchen?! die ben ali gelder liegen hier bei uns, sie verstehen es nicht, wie auch, und sie haben nichts

Die neusten Leser-Kommentare

  • Giger Peter am 18.04.2013 08:20 Report Diesen Beitrag melden

    für blöd verkaufen?

    Sie stehlen, um Geld nach Hause zu schicken, soll das eine faule ausrede sein??! Wir müssen knallhart durchgreifen,1 Verbrechen =Heimreise

  • Ben Zürcher am 18.04.2013 03:31 Report Diesen Beitrag melden

    Tourismus - Politik

    Wir T0uristen vermitteln leider auch ein total falsches Bild von Europa. Was sollen die Einheimischen dort anderes denken, wenn T0uristen mit teuren Klamotten in der Gegend rumstolzieren und das Geld nur so um sich werfen. Die Arbeit von Herrn Hamida schätze ich sehr. Im gegensatz zu unseren Hobbypolitker, welche seit unbeschreiblich langer Zeit eine Lösung suchen, versucht Herrn Hamida aktiv mit Taten etwas zu bezwecken. Ob dies etwas bringt wird sich noch herausstellen. Schade ist das Buch nicht in unserer Sprache!

  • Ibrahim Jebouri am 17.04.2013 23:11 Report Diesen Beitrag melden

    Pro Asyl

    Dem SVP und Schweizer Fremdenhass muss endlich ein Riegel geschoben werden.Hoffe, Europa Menschenrechtshof macht euch jetzt noch mehr Druck!

  • Peter Glatt am 17.04.2013 22:57 Report Diesen Beitrag melden

    Grenzen setzen können und dürfen

    Ich denke bei aller humanitären Tradition muss man klarstellen, dass wir nicht ewigs diese Anzahl an Flüchtlingen aufnehmen können und sollten. Auch wenn gewisse linksgrüne Politiker wie Balthasar Glättli am liebsten gleich ganz Afrika in die Schweiz aufnehmen würden und alles ja ganz harmlos sei, so kann es einfach längerfristig nicht weitergehen. Besonder SP-Bundesrätin Sommaruge scheint ausser lieben Floskeln wenig zu bewirken.

    • hans buch am 18.04.2013 06:02 Report Diesen Beitrag melden

      grenzen

      du sprichst mir aus dem herzen

    einklappen einklappen
  • Steff am 17.04.2013 22:07 Report Diesen Beitrag melden

    Schwer?

    "welche Hoffnungen und falschen Erwartungen" na sooo schwer wird das nicht zu erraten sein