Erziehen per Sitzstreik

09. Mai 2016 14:24; Akt: 09.05.2016 20:23 Print

«Sit-ins haben nichts mit Kuschelpädagogik zu tun»

Sollen Lehrer Sitzstreiks veranstalten, wenn es mit Schülern Probleme gibt? Experten halten dies für eine durchaus sinnvolle Möglichkeit.

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Kommt es zu groben Regelverstössen in der Schule, sollen Lehrer Sit-ins veranstalten. So wird es beispielsweise im Stadtzürcher Schulkreis Glattal gehandhabt. Als dort im Kerzenziehen eine Tafel verschmiert worden war, berief die Schule zwei Tage hintereinander ein Sit-in ein – bis die Täter sich zu erkennen gaben und einen Vorschlag zur Wiedergutmachung machten.

Umfrage
Lehrer, die Sit-ins veranstalten, wenn Schüler Probleme machen: Was halten Sie von diesem Konzept?
43 %
51 %
6 %
Insgesamt 8429 Teilnehmer

Der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl sagt, er rate nicht generell von diesem Vorgehen ab. Aber: «Ein Sit-in ist eine drastische Massnahme.» Es habe etwas von einer Kollektivstrafe: «Vereinnahmt werden nicht nur die Schuldigen, sondern alle.» Hinzu komme, dass ein Sit-in nicht immer funktioniere: «Was tut man, wenn die Übeltäter einfach beharrlich schweigen und sich nicht outen?», fragt Guggenbühl. In solchen Fällen bringe das Sit-in nichts, sondern führe zu einer Verhärtung der Fronten.

Vorbereitung auf das Schweizer Demokratiesystem

Auch Beat Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands, sagt: «Sit-ins haben nichts mit linker Kuschelpädagogik zu tun.» Stattdessen seien sie ein Weg, um gemeinsam Regeln festzulegen und auch gemeinsam Sanktionen für Regelverstösse zu beschliessen. «Das ist deutlich anstrengender, als wenn die Strafen von oben verordnet werden – aber es ist wohl auch wirksamer.»

Wenn man an Schulen Vollversammlungen durchführe, bei denen alle einbezogen würden, sei dies zudem ein guter Weg, die Schüler auf das Konkordanzsystem der Schweizer Demokratie vorzubereiten. «Deshalb ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Lehrer Sit-ins veranstalten.»

Für Zemp eignen sich Sit-ins aber nicht in jedem Fall: «Sie bieten sich an, wenn es darum geht, disziplinarische Probleme zu lösen. Sobald aber etwas strafrechtlich Relevantes passiert ist, dürfen die Schulverantwortlichen nicht mehr zur Diskussion rufen, sondern müssen durchgreifen.»

Lehrer fragen sich, wie sie Autorität durchsetzen können

Sit-ins gehören zum Konzept der «neuen Autorität», das der israelische Psychologie-Professor Haim Omer entwickelt hat und sich auf Gandhis Prinzip des gewaltlosen Widerstands beruft. Dass Schweizer Lehrer sich mit diesen Ideen befassten, zeigt laut Guggenbühl, dass es an den Schulen ein grosses Thema gibt: «Wie lässt sich Autorität durchsetzen?» Hier herrsche Verunsicherung, sagt der Jugendpsychologe. «Auf welche Weise sie Autorität ausübt, muss jede Schule für sich klären.»

Das sagt auch Zemp: «Je nach Schulkultur können Sit-ins ein Mittel sein.» Es gebe aber auch viele Schulen, die andere Methoden wählen würden, um die Schüler in die Lösung von Konflikten einzubeziehen: «Sie bilden etwa sogenannte Peacemaker aus, die schnell und niederschwellig einschreiten, wenn es zu Regelverstössen oder Streitigkeiten kommt.»


(lüs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chef am 09.05.2016 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Und später...

    ...im Berufsleben kommt das grosse Erwachen, wenn dann der Chef kein Sit-in veranstaltet, sondern die Kündigung ausspricht. Dann gibt es ein rumgeheule "aber wir sollen doch gemeinem Sanktionen ausarbeiten". Ich kann langsam nur noch den Kopf schütteln.

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  • Angelo am 09.05.2016 14:31 Report Diesen Beitrag melden

    Sit-ins?

    Warum heisst das jetzt Sit-ins? Kein deutsches Wort gefunden oder ist Nachsitzen einfach nicht cool genug.

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  • Der Besserwisser am 09.05.2016 14:42 Report Diesen Beitrag melden

    So en schmarre

    Während meiner Schulzeit wurden keine Sit-Ins gehalten, sondern schlicht und einfach Strafaufgaben...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Widerborst am 10.05.2016 07:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja, die Kollektivstrafen

    Manchmal sind die Kollektivstrafen nun mal das kleinere Übel und machen so gesamthaft betrachtet trotzdem Sinn.

  • Küse am 10.05.2016 07:16 Report Diesen Beitrag melden

    so ein seich

    sind die Lehrer nicht mehr belastbarer als die Schüler? Wenn das einreisst sitzen die ja den ganzen Tag herum. Ich glaube wir sitzen heute auf der Baustelle auch mal die Zeit ab.

  • Kurt H am 10.05.2016 06:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das geht zu weit

    Es ist ganz einfach . Wird mein Kind bestraft ohne an einer Straftat beteiligt gewesen zu sein, kümmert sich mein Anwalt um den Fall. Ich erziehe meine Kinder damit sie sich anständig verhalten und dann werden sie trotzdem bestraft?!

  • BÄÄGU am 10.05.2016 06:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von der Schule

    Was soll das! Es gibt Schüler/innen die wollen etwas lehrnen und ihnen stehen die Stundem zur Verfühgung. Wer nicht lernen will, soll dies mit Konsequenzenn Erfahren und nach mehrmaligen Ermahnen in eine Sonderschule verschoben werden. Um welche Nationalität es sich handet, äussert sich ja niemand! Es kann nicht sein, dass unsere Kinder nicht die Möglichkeit haben zu lernen. WerSitzen möchte kann das gerne machen, aber nach dem Unterricht.

  • buggero am 09.05.2016 22:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwachsinn

    Die Turnlehrerin meiner 11-jährigen Tochter machte dies auch mit den Schülern. Was daraus wurde?!? Gefrustete Schüler, welche andauernd wegen einzelner die halbe Sportstunde herumsitzen mussten und den Spass komplett verloren.