Sprachenstreit

12. Dezember 2016 12:14; Akt: 12.12.2016 12:14 Print

«So entsteht eine Parallelgesellschaft»

Neu eingewanderte Kinder sollen vom Französisch- oder Englischunterricht verschont werden. Bildungspolitiker sind skeptisch.

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Albanisch, Türkisch oder Portugiesisch statt Französisch oder Englisch: Fremdsprachige Kinder und Jugendliche, die neu in die Schweiz eingewandert sind, sollen ab der fünften Klasse Kurse ihrer Muttersprache besuchen statt den Französischunterricht. Das fordert Jürg Brühlmann, Bildungsexperte des Schweizer Lehrerverbandes. «Man könnte neu zugezogene Schüler mit fremder Muttersprache entlasten», so Brühlmann zur «NZZ am Sonntag». Die Kinder hätten dann mehr Kapazitäten für das Erlernen von Deutsch. Im Zeugnis stünden dann Deutsch, Englisch oder Französisch – und die Muttersprache.

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Es müsste natürlich nicht jede Sprache angeboten werden, sondern einfach die der grössten Sprachgruppen, präzisiert Brühlmann gegenüber 20 Minuten. Den Unterricht abhalten könnten Personen, die bereits in Kulturvereinen entsprechender Nationen engagiert sind. «Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass Personen aus Syrien oder Irak, die hier keinen Job haben, aber hier gerne arbeiten würden, Kinder in Arabisch unterrichten könnten», sagt Brühlmann.

Serbisch/Kroatisch sind die am häufigsten gesprochenen Nichtlandessprachen der Schweiz, gefolgt von Albanisch, Portugiesisch, Spanisch, Englisch und Türkisch. Dies zeigt eine Eidgenössische Volkszählung aus dem Jahr 2000, die das Bundesamt für Statistik erhoben hatte.

Christoph Eymann, Präsident der Erziehungsdirektorenkonferenz findet die Idee prüfenswert. «Man darf die Kinder nicht überfordern mit den Sprachen.» Solche Entlastungen müssten jedoch im Einzelfall geprüft werden und dürften nicht für ganze Gruppen gelten. Zudem gebe es auch viele Schweizer Kinder mit Leseschwäche. Die Idee ist eine Reaktion auf die neuesten Pisa-Resultate. Beim Lesetest hat die Schweiz dort erneut schlecht abgeschnitten.

«Schüler aus 80 Nationalitäten»

Für den Präsidenten der Bildungskommission Felix Müri (SVP) kommt eine zusätzliche Sprache in der Primarschule nicht in Frage: «Schon bei der Frage: Französisch oder Englisch scheiden sich die Geister. Wenn wir für Zugezogene noch eine dritte Sprache einführen, sprengt das den Rahmen.» Auch bei der Umsetzung sieht Müri Schwierigkeiten: «Wir haben Schüler aus 80 Nationen. Wir bräuchten plötzlich Lehrer für Albanisch, Arabisch oder Kisuaheli. Dafür haben wir keine Kapazitäten.»

Sorge bereitet Müri aber insbesondere die Schaffung einer Parallelgesellschaft: «Statt die Kinder in der Klasse und der Gesellschaft zu integrieren, werden sie ausgesondert.» Ausserdem stelle sich die Frage, was als Nächstes komme. Dann heisse es plötzlich, Ausländer müssten den Lehrperson auch keinen Handschlag mehr geben.

«Besser kleine Klassen»

Auch Kommissionskollege und Lehrer Mathias Reynard (SP) kann dem Vorschlag nicht viel abgewinnen: «Schüler müssen die gleichen Chancen erhalten – egal ob sie aus dem Kosovo oder aus der Schweiz stammen.» Indem man ihnen das Frühfranzösisch vorenthalte, seien sie zu einem späteren Zeitpunkt benachteiligt. Stattdessen plädiert der Oberstufenlehrer für kleine Klassen von acht bis zehn Schülern, wie dies im Wallis bereits der Fall sei. «So kann man Schüler, die die Landessprache noch gar nicht oder ungenügend beherrschen, intensiv betreuen.» Es sei beeindruckend, wie schnell sich die Kinder in diesem Alter eine Sprache aneignen würden.

Auch Jürg Brühlmann warnt davor, aus Spargründen Klassen immer weiter zu vergrössern oder den zusätzlichen Deutschunterricht für zweisprachige Kinder zu streichen. «Hier wird am falschen Ort gespart.»

(dp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • andreas am 12.12.2016 06:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    integration?

    Wo ist das bitte schön die Integration? entweder kommen sie hier her und dann haben sie sich anzupassen, oder dann sollen sie zurück.

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  • Mike am 12.12.2016 05:53 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist einfach

    Ganzes Programm oder Ciao. Geniale Lösungen sind oft sehr einfach.

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  • Samuel Sägesser am 12.12.2016 06:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Entscheidet euch, jetzt oder nie

    Wer in mein Land kommt, soll meine Sprache lernen, damit er ein funktionierender Teil meiner Gesellschaft wird und sich in der Seele verbunden fühlt. Wenn er das nicht will, dann gehört er nicht in die Schweiz sondern nutzt sie aus. Dann soll er dorthin gehen, wo er sich wohl fühlt, denn hier verschwendet er unser beider Zeit und Nerven.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Besserwisserdennje am 12.12.2016 21:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieder ne Expertenmeinung

    Gibts eigentlich Experten, damit die Probleme verursachen und dann später ne Lösung präsentieren können?

  • Criticus am 12.12.2016 19:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausgeträumt

    Die Parallelgesellschaften sind längst Realität. Wir dürfen nur noch bezahlen und uns ruhig. verhalten. Das haben wir uns selbst eingebrockt. Bezüglich Fremdsprachen (allgemein, nicht auf Asylanten oder Immigranten beschränkt): In der Primarschule genügt es vollauf, die jeweilige Amtssprache in Schrift und Wort zu erlernen. Andere Landessprachen und Englisch sind dann auf der Oberstufe früh genug ein Thema.

  • Gerry41 am 12.12.2016 18:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Nachsehen und schonen

    Sprache ist in der Raum kommende. Sobdern Deutsch, Italienisch und Französisch. Fremdsprachen Englisch und Französisch.

  • 187er am 12.12.2016 12:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schön wärs

    Also Englisch ist ein muss aber die idee mit dem französisch abschaffen und dafür die muttersprache lernen zu schreiben ist nicht schlecht. die meisten gegner dieser idee haben die deutsche sprache als muttersprache und ihnen kackt es an französisch zu lernen. ;)

  • Dj Redflame am 12.12.2016 11:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja...

    Finde ich nicht, denn ich bin Albaner aus Mazedonien, und selbst in Mazedonien wird Französisch, Englisch und Mazedonisch unterrichtet. Ich selber kann nicht Französisch, dafür kann ich Englisch. Jedoch ist es eine Tatsache das Menschen die mit zwei Sprachen aufwachsen, Sprachbegabter sind als die Ohne. Jedoch ist Mensch nicht gleich Mensch. Einer kann besser mit Sprachen umgehen dafür ein anderer mit Mathematik. Fördert die Kinder dort wo ihr auch das Potenzial am meisten seht. Denn nicht Jeder passt ins gleiche Schuh. Jede Sprache mehr macht die Schweiz noch Kultivierter als sie schon ist...