Corona-Welle trifft alle

19. März 2020 14:01; Akt: 19.03.2020 14:01 Print

«Die Ladenschliessung brach mir das Herz»

Schule, Job, Beziehung: Das Coronavirus durchdringt alle Lebensbereiche. Leser haben uns erzählt, wie sich ihr Alltag verändert hat.

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«Seit fast elf Jahren habe ich einen Coiffeursalon in der Stadt St. Gallen. Ich habe hart dafür gearbeitet. Mein ganzes Herz hängt daran. Als ich meinen Laden schliessen musste, ist mein Herz gebrochen», sagt Haty (34). «Schon seit zehn Jahren wünsche ich mir, nach Dubai zu reisen. Um mich an meinem Geburtstag zu überraschen, hat mein Freund eine Reise nach Dubai für uns zwei gebucht. Nun wurden alle Flüge gecancelt. Es wird so ein trauriger Geburtstag – der aber für immer in Erinnerung bleiben wird. Wenigstens ist mein Freund bei mir», so Michele (26). «Vor sechs Monaten bin ich für einen Sprachaufenthalt mit anschliessender Reise nach Australien aufgebrochen. Von einem Busfahrer habe ich erfahren, dass die australische Regierung den kompletten Transport im Land unterbinden will. Mich begleitet eine konstante Sorge, ob ich es noch in die Schweiz zurückschaffe», sagt Gianluca (22). «Mein Partner wohnt nur fünf Kilometer hinter der deutschen Grenze. Nun ist die Grenze zu und wir können uns sechs Wochen nicht mehr sehen», sagt Silvana (36). «Mein 10-jähriger Sohn ist schwer krank am Herzen. Schon bei einer leichten Bronchitis benötigt er ein Beatmungsgerät. Seit das Coronavirus in der Schweiz ist, habe ich grosse Angst um meinen Sohn. Denn ich weiss, wenn mein Sohn das Virus aufschnappt, dann wird er sterben», so Mirella (28). «Mein Ex-Mann lebt mit meinen Kindern in Deutschland. Am Wochenende hat mich meine ältere Tochter, die 8,5 Jahre ist, in der Schweiz besucht. Am Sonntagabend wurde sie dann für zwei Wochen in Quarantäne geschickt – einfach weil sie in der Schweiz war. Ich fühle mich machtlos», sagt Silke (46). «Ich arbeite in einem Hotel an der Réception, das nun aber aufgrund der Corona-Krise Kurzarbeit angemeldet hat. Ich weiss nicht, wie es in Zukunft aussehen wird. Das Problem in meinem Beruf: Ich kann mich nicht einfach irgendwo anders bewerben, weil die ganze Branche davon betroffen ist», sagt Alisha (19). «Ich versuche, entspannt zu bleiben und die Zeit positiv zu nutzen. So ziehe ich mich nun für zwei Wochen in ein Tonstudio zurück und werde dort ein neues Album produzieren», so Gary (33). «Ich arbeite in einer Hausarztpraxis in Bern. Um meine eigene Gesundheit mache ich mir weniger Sorgen, sondern mehr um die Risikogruppe. Da ich eine Verantwortung gegenüber den Patienten habe, bleibe ich meist zu Hause und versuche, allem aus dem Weg zu gehen, was zu einer Ansteckung mit dem Coronoavirus führen könnte», so Irina (24). «Ich habe mich schon früh in die Eigenverantwortung genommen und meine Freiheit so angepasst, dass ich das Virus möglichst nicht aufschnappe. Mein soziales Leben wird dadurch eingeschränkt, aber das ist okay. Ich finde, die Zeit für Solidarität ist jetzt. Daher habe ich mich in einer Gruppe angemeldet, wo Menschen, die nicht mehr das Haus verlassen können, unter die Arme gegriffen wird», sagt Jlona (46). «Ich habe seit ein paar Jahren Angststörung mit Panikattacken. Seitdem das Coronavirus auch in der Schweiz ist, geht es mir sehr schlecht. Ich weiss nicht, was ich tun werde, wenn wir alle unter Quarantäne gestellt werden. Schon heute habe ich grosse Angst vor dem Einkaufen und gehe eigentlich schon gar nicht mehr aus dem Haus», sagt Yasmin (21). «Ich finde, dass das ein Hype ist. Klar, für die Menschen, die infiziert sind, ist es echt nicht gut. Aber dass auf einmal alle beginnen, beim Einkaufen zu hamstern, finde ich völlig übertrieben», sagt Alex (54).

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Michele (26)
«Mein Geburtstag wird so traurig»

«Schon seit zehn Jahren wünsche ich mir, nach Dubai zu reisen. Um mich an meinem Geburtstag zu überraschen, hat mein Freund eine Reise nach Dubai für uns zwei gebucht. Seit über sechs Monaten hat er dieses besondere Geschenk geplant und dafür viel Geld in die Hand genommen. Ich habe mich so auf die gemeinsame Ferienwoche gefreut! Nun wurden alle Flüge gecancelt. Ich habe gestern einfach nur noch geweint. Hinzu kommt auch noch, dass ich meinen Geburtstag nächste Woche nicht mit meiner Familie feiern kann, da ja Veranstaltungen mit mehreren Personen verboten sind. Es wird so ein trauriger Geburtstag – der aber für immer in Erinnerung bleiben wird. Wenigstens ist mein Freund bei mir.»

Jennifer (40)
«Meine Kinder sollen nicht als Halbwaisen aufwachsen»

«Da ich Diabetes Typ 2, Asthma und eine chronische Darmerkrankung habe, gehöre ich zur Risikogruppe. Inzwischen arbeite ich nicht mehr, da ich bei einer älteren Dame im Haushalt geputzt habe und sie ebenfalls zur Risikogruppe gehört. Mein Ex-Mann hat mir ins Gewissen geredet, dass ich nicht weiterarbeiten gehen darf, da er nicht möchte, dass unsere gemeinsamen Kinder als Halbwaisen aufwachsen. Meine zwei jüngsten Kinder leben nun bei ihm, der 14-jährige Sohn bei mir. Auch wenn wir geschieden sind, mein Ex-Mann und ich halten zusammen, insbesondere in so einer Krisenzeit wie jetzt. Zu wissen, dass er mit seiner neuen Partnerin für meine Kinder schauen würden, falls ich doch erkranken sollte, beruhigt mich sehr.»

Gianluca (22)
«Es könnte sein, dass ich auf unbestimmte Zeit in Australien bleiben muss»

«Vor sechs Monaten bin ich für einen Sprachaufenthalt mit anschliessender Reise nach Australien aufgebrochen. Von einem Busfahrer habe ich erfahren, dass die australische Regierung den kompletten Transport im Land unterbinden will. Mich begleitet eine konstante Sorge, ob ich es noch in die Schweiz zurückschaffe. Mein Flug wäre am 28. März, ich möchte aber unter diesen Umständen gerne früher zurückfliegen und habe die Airline angefragt. In drei Tagen weiss ich mehr. Es könnte sein, dass sich die Situation hier im Land so schnell ändert, dass ich nicht mehr ausreisen darf und auf unbestimmte Zeit in Australien festsitze.»

Haty (34)
«Mein Herz zerbrach, als ich meinen Laden schliessen musste»

«Seit fast elf Jahren habe ich einen Coiffeursalon in der Stadt St. Gallen. Ich habe hart dafür gearbeitet. Mein ganzes Herz hängt daran. Als ich meinen Laden schliessen musste, ist mein Herz gebrochen. Ich habe einfach nur noch geweint. Finanzielle Sorgen kommen natürlich auch auf mich zu: Ich habe vier Löhne zu bezahlen und laufende Kosten wie Miete, Strom, Versicherung zu begleichen. Als Inhaberin habe ich kein Anrecht auf Kurzarbeit. Und dann kommt noch die Frage: Kommt die Kundschaft noch, wenn der Laden wieder öffnet? Ich weiss nicht, wie es weitergehen wird. Aber meinen Laden möchte und werde ich nicht aufgeben.»

Silvana (36)
«Ich kann meinen Partner sechs Wochen nicht mehr sehen»

«Mein Partner, mit dem ich seit einem halben Jahr zusammen bin, wohnt nur fünf Kilometer hinter der deutschen Grenze. Nun ist die Grenze zu und wir können uns sechs Wochen nicht mehr sehen. Als ich davon erfahren habe, war ich sehr überrascht, ich habe nicht damit gerechnet. Es ist echt schwierig, aber wir stehen das durch. Wir telefonieren regelmässig und kommunizieren über WhatsApp. Heute habe ich ihm sogar einen Brief geschrieben. Erschwerend kommt hinzu, dass ich auch meine Familie nicht sehen kann, da meine Eltern vom Alter her zur Risikogruppe gehören, meine Schwester herzkrank ist und ihr Partner eine Chemotherapie hatte.»

Isabella (28)
«Mein Kind hat ADHS und wir leben in Selbstisolation»

«Da ich in einem Pflegeheim arbeite, habe ich mich zum Schutz der Bewohner schon vor einiger Zeit dazu entschlossen, mich und meine Familie abzuschotten. Das Problem ist aber, dass ich einen 6-jährigen Sohn habe, der ADHS und einen grossen Bewegungsdrang hat. Er darf nun etwas mehr fernsehen als sonst. Auf unserem Balkon haben wir eine Schaukel aufgehängt, er darf mit einem Stofffussball in der Wohnung kicken und gestern haben wir ein Zelt in der Wohnung aufgebaut. Zum Glück gibt es im Internet viele Videos, die zeigen, wie man Kinder in den eigenen vier Wänden für längere Zeit beschäftigen kann. Ich mache alles, damit sich mein Sohn so viel es geht bewegen kann. Am späten Nachmittag gehen wir für 30 Minuten nach draussen, damit er rennen und sich austoben kann. Wenn die Ausgangssperre kommt wird es schwieriger. Dann wird uns früher oder später die Decke auf den Kopf fallen.»

Jeannine (30)
«Mit meiner schlechten Lunge würde ich sterben»

«Seit meiner Kindheit habe ich Asthma. Wenn ich an einer Grippe erkranke, geht es direkt in eine Bronchitis über. Aktuell habe ich ein Lungenvolumen von 60 Prozent. Mit meiner schlechten Lunge würde ich am Coronavirus sterben. Ich lebe deshalb in Selbstisolation. Meine zwei Sportvereine haben die Trainings eingestellt. Ich mache mir grosse Sorgen, dass ich vereinsamen werde, da ich nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen kann und allein wohne.»

Silke (46)
«Ich weiss nicht, wann ich meine Kinder wiedersehen werde»

«Mein Ex-Mann lebt mit meinen Kindern in Deutschland. Am Wochenende hat mich meine ältere Tochter, die achteinhalb Jahre alt ist, in der Schweiz besucht. Am Sonntagabend wurde sie dann für zwei Wochen in Quarantäne geschickt – einfach weil sie in der Schweiz gewesen war. Sie sitzt nun daheim in Deutschland und wartet, dass sie wieder raus darf. Meine jüngere Tochter (7) hätte dieses Wochenende kommen sollen, das wird aber nicht klappen. Ich weiss nicht, wann ich meine Kinder wiedersehen werde. Ich fühle mich machtlos. Mein Ex-Mann verweigert mir die Möglichkeit, mit meinen Töchtern zu telefonieren. Ich weiss also nicht, wie es ihnen geht, ich habe keine Informationen. Es ist so schlimm.»

R.S. (22)
«Keiner weiss genau, ob wir normal weiterstudieren können»

«Ich studiere im sechsten Semester Chemie in Basel. In meinem Studium sind Laborpraktika obligatorisch, wegen der Corona-Krise wurden sie alle gestrichen. Keiner weiss, in welchem Rahmen wir die Praktika nachholen können. Auch ob die Prüfungen im Juni und Juli stattfinden, ist ungewiss. Die Universität und die Professoren sind sehr bemüht und stellen uns Material zum Lernen zur Verfügung. Falls wir alle ein Semester länger studieren müssen, wäre das echt unfair, zumal sich das nicht jeder finanziell leisten könnte. Um mir mein Studium zu finanzieren, arbeite ich einen Tag pro Woche in der Gastronomie. Aufgrund der Krise wurden wir alle heimgeschickt. Ob ich weiterhin meinen Lohn erhalte, weiss ich noch nicht.»

Mirella (28)
«Wenn mein Sohn das Virus bekommt, stirbt er»

«Mein zehnjähriger Sohn ist schwer krank, er wurde mit nur einer Herzkammer geboren. Schon bei einer leichten Bronchitis benötigt er ein Beatmungsgerät. Seit das Coronavirus in der Schweiz ist, habe ich grosse Angst um meinen Sohn. Derzeit ist er zu Hause und darf nicht mehr raus. Mein Mann und ich gehen aber jeden Tag zur Arbeit, wo wir das Virus aufschnappen und nach Hause tragen könnten. Ich halte so viel Abstand wie nur möglich, trage Handschuhe und desinfiziere mich regelmässig. Denn ich weiss, wenn mein Sohn das Virus aufschnappt, kann ich direkt einen Sarg bestellen, dann wird er sterben.»

Tim (36)
«Ich stehe vor dem Ruin»

«Ich arbeite in der Eventbranche und veranstalte für ein internationales Unternehmen Shows und Meetings. Alle Termine wurden abgesagt und somit erhalte ich auch keinen Lohn. Da ich selbstständig bin, kann ich nicht einfach in Kurzarbeit gehen. Ich weiss nicht einmal, wie ich nächsten Monat meine Miete bezahlen soll. Ich stehe vor dem Ruin und fühle mich allein gelassen.»

Alisha (19)
«Weiss nicht, wann ich meinen Freund wieder sehe»

«Letzten Sommer habe ich meine Lehre als Hotelfachfrau abgeschlossen. Ich arbeite in einem Hotel an der Réception, das nun aber aufgrund der Corona-Krise Kurzarbeit angemeldet hat. Ich weiss nicht, wie es in Zukunft aussehen wird. Das Problem in meinem Beruf: Ich kann mich nicht einfach irgendwoanders bewerben, weil die ganze Branche davon betroffen ist. Ich mache mir grosse Sorgen und habe Angst, meine Arbeitsstelle zu verlieren. Die derzeitige Situation hat mich schon so weit gebracht, dass ich mir überlege, vielleicht noch eine Ausbildung in der kaufmännischen Branche zu machen. Zu der ganzen belastenden Situation kommt, dass mein Freund derzeit im Militär ist und wir nie wissen, wann wir uns wiedersehen. Mal heisst es, dass er nach Hause darf, dann, dass er doch im Spital aushelfen muss oder gar unter Quarantäne gestellt wird. Für unsere Beziehung ist das sehr belastend. Wir wussten, dass das Militär nicht einfach für uns sein wird, aber dass es so nervenaufreibend wird, hätten wir nicht gedacht.»

M.S. (39)
«Mein Mann darf bei der Geburt nicht dabei sein»

«Vor vier Tagen war der errechnete Geburtstermin für mein zweites Kind. Heute war ich zur Kontrolle in dem Berliner Spital, in dem ich mein Baby zur Welt bringen möchte. Bei der Kontrolle sagte mir meine Hebamme, dass mein Mann bei der Geburt nicht dabei sein dürfe. Ich bin aus der Schweiz, erst seit letztem Sommer in Berlin. Monatelang habe ich versucht, die ganze Bürokratie rund um die Einwanderung und Schwangerschaft zu bewältigen. Und nun, wo mein Baby jeden Moment kommen könnte, erfahre ich nebenbei, dass mein Mann in diesem besonderen Moment nicht bei mir sein kann! Ich habe geheult wie ein Schlosshund. Die Ärztin hat mir erklärt, es sei ein Beschluss des Berliner Senats zum Schutz von uns allen. Nach der Geburt würden Mutter und Kind so rasch wie möglich entlassen, und auch Besuch auf der Wochenbettstation sei nicht erlaubt. Nachdem ich mich gefangen hatte, habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt. So ist es mir gelungen, einen Platz in einer anderen Klinik zu finden, in der die Väter bei der Geburt dabei sein dürfen. Nun bin ich bereit, mein Baby darf kommen!»

Nachtrag 17.3.2020: «Auch mein neues Krankenhaus hat die Regeln geändert. Mein Mann darf nun doch nicht mit zur Geburt. Nun muss ich mich wohl oder übel ganz alleine durchbeissen.»

Gary (33)
«Ich verkrieche mich ins Tonstudio»

«Ich versuche, entspannt zu bleiben und die Zeit positiv zu nutzen. So ziehe ich mich nun für zwei Wochen in ein Tonstudio zurück und werde dort ein neues Album produzieren. Auch schon vor dem Coronavirus war ich es gewohnt, oft allein im Tonstudio zu sein und über einen längeren Zeitraum an neuer Musik zu arbeiten. Um mich nicht anzustecken, vermeide ich den öffentlichen Verkehr, putze mehrmals täglich das Haus und wasche mir oft die Hände. Ich weiss, Panik machen bringt gar nichts, also bleibe ich ruhig und warte, bis die Lage sich verbessert.»

Stefan (27)
««Ich habe mein Praktikum verloren»

«Derzeit besuche ich die Hotelfachschule in Luzern. Im Rahmen dieser Ausbildung muss jeder ein sechsmonatiges Praktikum in der Hotelbranche machen. Ende Januar habe ich mein Praktikum gestartet, nun habe ich es bereits verloren. Ich bin meinem Arbeitgeber nicht böse deswegen, in der jetzigen Krisenzeit konnte er gar nicht anders handeln. Da ich aber die Hotelfachschule aus der eigenen Tasche zahle, hat der Verlust des Praktikums und somit der Einkommensausfall finanzielle Konsequenzen für mich. Was ich in den nächsten sechs Monaten machen werde, weiss ich noch nicht. Aber Aufgeben ist keine Option für mich. Ich liebe es, in der Hotelbranche zu arbeiten und werde nun einfach auf bessere Zeiten warten. Am Ende kommt immer alles gut, sonst ist es noch nicht das Ende. Das sagte meine Oma immer. Daran halte ich mich.»

Irina (24)
«Ich schränke mich ein»

«Ich arbeite in einer Hausarztpraxis in Bern. Täglich erhalten wir viele Anrufe von Menschen, welche die typischen Symptome einer Coronaviruserkrankung aufweisen. Eines der Hauptprobleme ist, dass theoretisch jeder schon infiziert sein könnte, auch ohne Symptome zu zeigen. Sorgen bereiten uns natürlich die Risikogruppen wie beispielsweise Chemotherapiepatienten, welchen wir zu helfen versuchen. Zum Schutz von uns und unseren Patienten arbeiten wir mit Mundschutz, Schutzbrille und Handschuhen. Sehr schade finde ich es mitanzusehen, wie manche Menschen allgemein mit der Situation umgehen. Hamsterkäufe werden getätigt, die Anordnungen des Bundes nicht eingehalten und es wird frei und ohne Hemmungen in der Öffentlichkeit losgehustet. Dieses Verhalten finde ich sehr rücksichtslos. In meiner Freizeit bleibe ich momentan zu Hause, um mögliche Ansteckungsgefahren zu minimieren, denn schliesslich habe ich durch meine Arbeit auch eine gewisse Verantwortung.»

N.S. (17)
«Mein Freund will mich nicht mehr sehen»

«Es war ein Schock, als wir in der Schule gehört haben, dass wir nun fünf Wochen frei haben. Manche hatten Freude, ich weiss aber, dass Onlinehausaufgaben purer Stress sind. Ich fühle mich eingeengt und habe recht grosse Angst. Ich bin derzeit auf der Suche nach einer Lehrstelle. Aufgrund des Coronavirus bekam ich bis jetzt aber nur Absagen. Hinzu kommt noch, dass mein Freund mich nicht treffen möchte, da ich zur Risikogruppe gehöre. Meine Lunge funktioniert nicht richtig. Ich kann ihn ja verstehen, aber es ist echt hart, ihn fünf Wochen lang gar nicht zu sehen. Ich fühle mich zurzeit deswegen sehr depressiv.»

Heidi (74)
«Mein Enkel darf mich nicht mehr besuchen»

«Mein zwölfjähriger Enkel kommt oft zu mir zu Besuch. Nun darf er aber nicht mehr kommen, da ich als über 65-Jährige zur Risikogruppe gehöre. Ich habe zum Glück noch einige Hobbys. So war ich heute beim Turnen. Wie lange wir noch trainieren können, sei dahingestellt. Vor jedem Benutzen der Geräte mussten wir sie desinfizieren, wir sind sehr vorsichtig. Solange das soziale Leben noch möglich ist, treffe ich meine Freundinnen zum Walken, natürlich mit genügend Abstand, gehe zum Coiffeur und zum Schwimmen. Ich habe auch einen Garten, der mir in Zeiten von Corona viel Freude bereitet. Solange ich noch daheim gärtnern kann, ist alles gut.
Wenn die Krise länger gehen sollte, mache ich mir durchaus Sorgen, da ich ein Ferienhaus habe und erst kürzlich das Badezimmer komplett renovieren liess. Das hat natürlich einiges gekostet. Da wäre es schon gut, wenn dann auch bald wieder Touristen kommen würden.»

Jlona (46)
«Ich verteile keine Umarmungen mehr»

«Ich arbeite in einem Alterswohnzentrum und merke, dass die älteren Menschen gar keine Angst vor dem Coronavirus haben. ‹Wir haben schon viel Schlimmeres erlebt und überlebt›, höre ich immer wieder. Sie geben einem eine innere Ruhe, was ich sehr bewundernswert finde. Ich habe meine Freiheit so angepasst, dass ich das Virus möglichst nicht aufschnappe. Mein soziales Leben wird dadurch eingeschränkt, aber das ist okay. Ich gehe mehr in die Natur und verteile keine Umarmungen mehr. Weiter werde ich für Bedürftige einkaufen, zur Apotheke gehen oder Gespräche anbieten, damit sie nicht vereinsamen und vergessen gehen.»

C.C. (23)
«Ich ging nicht an die WG-Party»

«Ich studiere im 10. Semester Medizin in Basel. In zwei Wochen hätte ich ein einmonatiges Praktikum an der Charité in Berlin gestartet. Aber durch die Grenzschliessung kann ich nicht mehr nach Deutschland einreisen. Und wenn, dann müsste ich erst zwei Wochen in Quarantäne. Um mein Medizinstudium abzuschliessen, benötige ich insgesamt neun Monate Praktika in verschiedenen Spitälern. Ich habe zum Glück heute Morgen eine Ersatzstelle in einem Spital in Basel gefunden. Das Coronavirus schränkt mein Sozialleben schon ein. Ich bleibe daheim und fühle mich manchmal etwas eingesperrt. Am Samstag etwa fand in meinem Freundeskreis eine WG-Party statt. Ich bin nicht hingegangen. Und zwar aus Solidarität meinen Mitmenschen gegenüber. Ich fühle mich zwar isoliert, zumal jetzt auch die Uni-Bibliotheken geschlossen sind. Es ist eine komische Erfahrung. Aber nur, wenn wir uns an die Massnahmen halten, kann eine weitere Ausbreitung des Coronavirus verhindert werden.»

Tobias (29)
«Unsere Hochzeit fällt wohl ins Wasser»

«Meine Verlobte und ich haben diesen April unsere Hochzeit geplant. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese nicht stattfinden kann. Wir haben seit eineinhalb Jahren darauf hingefiebert und uns so darauf gefreut. Nun wissen wir nicht, was wir tun sollen.»

Andrin (20)
«Ich kann nicht mehr Fussball spielen»

«Mein Leben hat sich beruflich wie auch privat stark verändert. Ich bin im dritten Ausbildungsjahr zum Elektroniker. Aufgrund des Coronavirus hat nun auch die Berufsschule geschlossen. Der Unterricht findet nun von zu Hause aus statt, wir erhalten Arbeitsaufträge per One Note. Privat hat mich das Virus auch sehr getroffen. Ich spiele jeweils montags in einem Plauschfussballclub, der in der Kantonsschule stattfindet. Die Schule ist jedoch geschlossen und somit findet auch kein Training statt. Zudem spiele ich in der zweiten Mannschaft des FC Montlingen. Auch dort wurden aufgrund des Virus das Training und der Spielbetrieb ausgesetzt. Da Sport ein sehr wichtiger Teil in meinem Leben ist, bin ich doch ein wenig verzweifelt. Ich hoffe, dass bald ein Impfstoff gefunden wird und die ganze Geschichte ein Ende findet.»

Nathalie (30)
«Meine Tochter und ich sind krank zu Hause»

«Meine Mutter und meine Schwiegermutter gehören beide zur Risikogruppe. Meine Tochter wurde vor kurzem krank und mittlerweile hat es auch mich erwischt. Wir sind zu Hause und versuchen, so niemanden anzustecken. Weil wir keine Risikopatienten sind, werden wir nicht getestet. Wir können also nichts anderes tun als warten. Die Kinder verstehen es noch nicht, dass sie drinnen bleiben müssen, und fühlen sich in ihrer Freiheit beraubt. Ich hoffe sehr, dass nun alle vernünftig sind und sich mehrheitlich zu Hause aufhalten.»

Yasmin (21)
«Ich habe die Termine beim Psychiater abgesagt»

«Ich habe seit ein paar Jahren Angststörung mit Panikattacken. Als das Coronavirus nur im asiatischen Raum war, war es für mich noch okay. Aber seit es auch in der Schweiz Menschen davon betroffen sind und ich überall Nachrichten darüber lese, geht es mir sehr schlecht. Ich weiss nicht, was ich tun werde, wenn wir alle unter Quarantäne gestellt werden. Ich lebe mit meinem Freund zusammen, wenn ich aber eine Panikattacke habe, brauche ich meine Mutter, da sie meine erste Anlaufstelle ist und am besten weiss, wie sie mir helfen kann. Werden wir unter Quarantäne gestellt, muss ich mir überlegen, ob ich zeitweise zu meiner Mutter ziehe. Schon heute habe ich grosse Angst vor dem Einkaufen und gehe eigentlich schon gar nicht mehr aus dem Haus. Ich nehme im Moment auch die Termine beim Psychiater nicht mehr wahr und habe Angst vor der Spitex, die regelmässig kommt. Deren Mitarbeiter könnten ja Träger des Coronavirus sein. Ich hoffe, dass das alles bald vorbei ist, damit meine Panikattacken weniger werden und ich wieder etwas beruhigter leben kann.»

Alex (54)
«Ich geniesse die freie Zeit»

«Dass der Coronavirus ausgebrochen ist, stört mich recht wenig. Ich finde, dass das ein Hype ist. Klar, für die Menschen, die infiziert sind, ist es echt nicht gut. Aber dass auf einmal alle beginnen, beim Einkaufen zu hamstern, finde ich völlig übertrieben. Ich arbeite in einer milchverarbeitenden Fabrik, in der Babynahrung hergestellt wird. Derzeit ist ein Teil der Belegschaft im Standby, ein anderer in der Fabrik. Falls Mitarbeitende der arbeitenden Schicht krank werden, springen wir ein. Obwohl ich derzeit zu Hause bin, bekomme ich meinen Lohn und auch die Zulagen wie immer. Ich geniesse nun die freie Zeit und bin parat, wenn ich für meine Kollegen einspringen muss. Ich gehe ganz normal einkaufen, treffe mich mit Freunden und gehe auch ins Kino – solange es noch offen ist.»

(jas)