Soziale Durchmischung

04. November 2019 04:42; Akt: 04.11.2019 09:41 Print

«Überlasse Zukunft des Sohnes nicht Computer»

Ein neuer Algorithmus soll Kinder auf Schulhäuser verteilen. Die Lehrerpräsidentin und Eltern von schulpflichtigen Kindern sind skeptisch.

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In der Schweiz soll der individuelle Erfolg in der Schule in erster Linie vom Talent und der Anstrengung jedes Einzelnen abhängig sein – und nicht von der sozialen Herkunft oder vom Bildungsniveau der Eltern Doch dieses Versprechen wird nicht immer eingelöst: Die Chancengerechtigkeit in Schweizer Schulen hat sich im vergangenen Jahrzehnt verschlechtert. In Zukunft soll ein Computerprogramm entscheiden, welches Schulhaus ein Kind besucht. Das Ziel ist eine bessere Durchmischung der Klassen. Die Schulklassen seien heute noch viel zu schlecht durchmischt, was sich auf die Leistung der Schüler auswirke, sagt Oliver Dlabac, Projektleiter beim Zentrum für Demokratie Aarau. So liege der Anteil von Kindern, die aus fremdsprachigen Familien kommen oder Eltern mit geringem Bildungsstand haben, in gewissen Schulhäusern bei bis zu 75 Prozent. Um die schulischen Einzugsgebiete zu rekonstruieren und die soziale Zusammensetzung der einzelnen Schulen zu erheben, werden Volkszählungsdaten zu den Erst- bis Drittklässern in den Algorithmus eingespiesen. Zudem berücksichtigt das Computerprogramm auch Verkehrsbelastungsdaten, das Netzwerk von Trottoirs und Fusswegen, Unterführungen und Überführungen. Mit diesen Daten wird berechnet, wie die Schüler verteilt werden müssen, um die Klassen stärker zu durchmischen. Bei Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbandes der Schweizer Lehrer, stossen die Pläne auf Skepsis: «Ich glaube nicht, dass die Akzeptanz für einen Schulentscheid bei den Eltern grösser ist, wenn dieser von einem Algorithmus vorgenommen wurde.»

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In der Schweiz soll der individuelle Erfolg in der Schule in erster Linie vom Talent und der Anstrengung jedes Einzelnen abhängig sein – und nicht von der sozialen Herkunft oder vom Bildungsniveau der Eltern. Doch dieses Versprechen wird nicht immer eingelöst: Die Chancengerechtigkeit in Schweizer Schulen hat sich im vergangenen Jahrzehnt verschlechtert, die schulischen Ungleichheiten haben laut der letzten Pisa-Studie zugenommen.

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Um die soziale Zusammensetzung von Klassen und Schulen zu optimieren, soll in Zukunft ein Algorithmus eingesetzt werden – so die Vision von Oliver Dlabac, Projektleiter beim Zentrum für Demokratie Aarau. Eltern von schulpflichtigen Kindern zeigen sich skeptisch:


Petra: «Wir haben uns einen Anwalt genommen»

«Meine Kinder gehen in einer Aargauer Gemeinde in die Schule. Wir haben zwei Schulhäuser: Eines, in das vor allem Schweizer gehen und fünf Minuten von uns entfernt ist. Und eines, das vor allem von Kindern von ausländischen Familien besucht wird und über eine halbe Stunde entfernt liegt. Unser sechsjähriger Sohn wurde in die Schule mit vielen ausländischen Kindern eingeteilt, all seine Freunde gingen aber ins andere Schulhaus.

Als Grund hat man uns angegeben, auf die Durchmischung achten zu wollen und die Integrationsmöglichkeiten der Schüler zu fördern. Wir haben uns schliesslich einen Anwalt genommen, unser Sohn geht nun auf die Schule gleich bei uns. Ein Computerprogramm würde die Situation sogar noch verschlimmern, weil er unabhängig vom Freundeskreis der Kinder Entscheide fällen würde.»

Brigitte: «Es braucht gesunden Menschenverstand»

«Wir wohnen in einem 1500-Seelen-Dorf in der Region Solothurn. Von weitherum werden die Kinder zu den Schulen chauffiert. Nun wurde letztes Jahr meine jüngste Tochter nicht ins Schulhaus ihrer beiden älteren Geschwister eingeteilt. Ein Rekurs und das Gespräch mit dem Gemeindepräsidenten haben nichts gebracht. Man sagte mir, man wolle eine gute Durchmischung der Klassen erreichen.

Dass lernschwache Kinder oder Kinder aus fremdsprachigen Familien gefördert werden, finde ich super. Aber es kann nicht sein, dass das auf Kosten der restlichen Kinder passiert. Daher hätte ich nichts dagegen, wenn ein Algorithmus objektiv die Grundeinteilung vornimmt, aber jemand die Ergebnisse individuell überprüft. Manchmal bräuchte es einfach gesunden Menschenverstand.»

Sven: «Interessen des Kindes werden ignoriert»

«Meine 11-Jährige Tochter geht in eine Primarschule, die nur 500 Meter von uns entfernt liegt. Als mein Sohn eingeschult wurde, musste er in eine Schule gehen, die 5 Kilometer entfernt ist. Die Schule hat keinen sehr guten Ruf und mein Sohn sowie ein anderes Kind aus unserer Gemeinde sind Aussenseiter. Sie werden gehänselt und gemobbt. Wehren können sie sich nicht, auch, weil sie von ihrem ganzen Freundeskreis isoliert sind. Eine Aussprache mit der Schulleitung brachte nichts – ausser dem Gefühl, dass die Interessen des eigenen Kindes gekonnt ignoriert werden.

Generell befürworte ich, dass im Schulzimmer auf eine soziale Durchmischung geachtet wird. Aber ein kurzer Schulweg und dass man mit seinen Gspänli aus der Kindheit in die Schule gehen kann, sollten ebenso hoch gewertet werden – wenn nicht höher. Wenn ein Algorithmus die Verteilung auf die Schulhäuser übernimmt, wird es wahrscheinlich noch mehr unzufriedene Eltern und unglückliche Kinder geben. Wer will schon die Zukunft seines Kindes einem Computerprogramm überlassen?»

Algorithmus für Akzeptanz nicht förderlich

Auch bei Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbandes der Schweizer Lehrer, stossen die Pläne von Dlabac auf Skepsis: «Ich glaube nicht, dass die Akzeptanz für einen Schulentscheid bei den Eltern grösser ist, wenn dieser von einem Algorithmus gefällt wurde.» Der Zweck der Volksschule sei aber nicht nur, die individuelle Grundbildung sicherzustellen, sondern einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt unserer demokratischen Gesellschaft zu leisten.

Grundsätzlich sei man daher sehr daran interessiert, dass in den Klassenzimmern eine gesunde Durchmischung stattfindet, so Rösler: «Die Volksschule ermöglicht eine Begegnung von Schülerinnen und Schülern aus allen sozialen Schichten und verschiedenen Kulturen.» Damit werde die Basis gelegt für den sozialen Zusammenhalt und einen späteren Dialog in einer aktiv gelebten Demokratie.

(dk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Werni am 04.11.2019 07:06 Report Diesen Beitrag melden

    Traurige Entwicklung...

    Auch wir hatten ausländische Kinder in der Klasse. Aber keine solchen Probleme, da wir Schweizer in Überzahl waren. Die Ausländischen lernten schnell sich uns anzupassen und waren auch schnell bei uns integriert. heute kommen 5ausländische Schüler auf einen Schweizer und es gibt KEINE Integration, sondern die schweizer Kinder passen sich den fremden an! Sehe dies bei meinem Sohn!! Spricht mit einem Slang, den kein Eidgenosse in einer gesunden Schweiz sprechen würde!!

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  • swiss am 04.11.2019 07:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    swiss

    Wenn ich mal Kinder habe, werde ich auch in eine Gegend mit mehrheitlich schweizer Familien und Schulen mit gutem Ruf zügeln. Ich mache das zum Wohl meines Kindes und will mir das nicht verderben lassen von irgendwelchen Algorithmen.

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  • Sus Scrofa am 04.11.2019 04:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ghettos

    Soziale Durchmischung und Chancengleichheit werden auch durch einen Algorithmus nicht erreicht. Wenn in einer Gemeinde/Kreis über 80% der Schüler einen Migrationshintergrund haben, die Steuermittel der Gemeinde eine moderne Infrastruktur oder Tagesstrukturen nicht zulassen und die Klassen immer größer werden, dann ist Chancengleichheit ein Hohn.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • A.Surrer am 05.11.2019 15:51 Report Diesen Beitrag melden

    Dies bedeutet ja, das ihre Kinder

    spätestens in Kindergarten "bewertet" werden müssen. Anhand dieser Bewertung wird ihr Kind anschliessend eingeteilt. Und dies bereits im Kindergarten (erinnert mich an die H-Jugend in den 30er in DE, oder in China noch heute), hmm wollen wir dies wirklich? Oder anders Formuliert wem hier war dies bei der Abstimmung über die "Neue Schule" so bewusst?

  • nicht zu Ende gedacht am 05.11.2019 11:15 Report Diesen Beitrag melden

    Durchmischung wozu?

    Wäre es nicht sinnvoller begabtere und weniger begabte Kinder jeweils zusammen in eine Klasse zu stecken? Die Durchmischung bringt in dem Alter rein gar nichts. Es führt nur zu Mobbing und Unter- bzw. Überforderung der Kinder. Ganz ketzerisch gefragt, ist die Einteilung in eine Klasse Aufgrund der Herkunft nicht rassistisch? Das einzig Faire in meinen Augen wäre die Einteilung nach Geographie oder nach Bildungsstand. Da sich der Bildungsstand aber durchaus auch rapide ändern kann ist wohl auch das nicht wirklich zielführend.

  • Jakob Mutschler am 05.11.2019 10:36 Report Diesen Beitrag melden

    Auch hier

    Bei uns im Dorf (ca. 5000 Einwohner) gibt es das schon länger. Wir haben 2 Schulhäuser und eines wurde hauptsächlich von Schweizer Schülern besucht und das andere von ausländischen. Dies wurde nun geändert und die Kinder werden so aufgeteilt, damit dies ausbalanciert wird.

  • tobi am 05.11.2019 09:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kurz gesagt

    jeder findet soziale durchmischung gut und wichtig, aber wenns um die eigenene kinder geht will man nur schweizer mitschüler...

  • Eidgenosse am 05.11.2019 09:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    The Times They Are A'Changing

    Unsere Klasse war dazumals auch gut durchmischt und das hat genau keinem Kind geschadet. Schaut doch auf das Wohl der Kinder und nicht darauf was die Eltern wollen?