Brutales Argument

16. August 2013 15:54; Akt: 16.08.2013 16:04 Print

«Soldaten überleben Krieg eher als Zivilisten»

von Simon Hehli - Fünf Wochen vor der Abstimmung taucht ein neues Argument gegen die Wehrpflicht auf: Im Ernstfall würden sich viele um einen Platz in der Armee reissen, glaubt Professor Reiner Eichenberger.

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Die Schweizer Armee in einem Manöver. Sollte es zu einem Kriegseinsatz kommen, ergeht es den Soldaten unter Umständen besser als der Zivilbevölkerung – doch ist das Grund genug, sich zum Dienst zu melden? (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

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Der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger ist nicht gerade bekannt als Galionsfigur der Linken. Doch im Abstimmungskampf um die Abschaffung der Wehrpflicht steht der Liberale der Gruppe Schweiz ohne Armee (GSoA) zur Seite – und plädiert für die Einführung einer Freiwilligenmiliz. Angst vor mangelnder Verteidigungsleistung hat er dabei nicht: Sollte die Schweiz militärisch angegriffen werden, würden sich genug Leute freiwillig für den Militärdienst melden, sagte Eichenberger am Donnerstag anlässlich einer Medienkonferenz des Komitees «Bürgerliche gegen Wehrpflicht».

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Beim Angriff einer fremden Macht würden es die meisten Männer im dienstfähigen Alter als ihre Pflicht ansehen, die Heimat zu verteidigen, so Eichenberger. Neben dem Patriotismus gebe es dafür auch handfeste Gründe: «In einem Krieg ist das Risiko für Soldaten, das Leben zu verlieren, oft geringer als für Zivilisten.» Auf diese nehme die Gegenseite keine Rücksicht, gefangen genommene Soldaten dürften hingegen auf Vorzugsbehandlung zählen: «Die Gegner hoffen darauf, selber gut behandelt zu werden, sollten sie in Kriegsgefangenschaft geraten.»

«Lebensfremde Illusion»

Strategieexperte Albert Stahel hält Eichenbergers Ausführungen für zynisch. Und auch SVP-Sicherheitspolitiker Hans Fehr schüttelt nur den Kopf: «Was Eichenberger da auftischt, ist eine lebensfremde Illusion, eine leere Behauptung.» Gebe es keine Wehrpflicht mehr, könne nichts und niemand garantieren, dass im Ernstfall genug Soldaten zur Verfügung stünden. «Wenn wir angegriffen werden und es darum geht, das Land unter Einsatz des eigenen Lebens zu verteidigen, kann man sich doch nicht auf Freiwillige verlassen!»

1969 rückte Fehr bei grosser Hitze und ohne Lust in die RS ein: «Hätte uns damals jemand gesagt: Das Militär ist freiwillig, die meisten wären nach Hause gefahren – ich auch», erklärt Fehr, der es danach noch zum Oberstleutnant gebracht hat. Ausgerechnet der Vertreter der Volkspartei hat wenig Vertrauen in die Standhaftigkeit des Schweizervolkes: «In der heutigen, wohlstandsgeprägten Gesellschaft sind es sich die Leute gewohnt, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.»

Weitaus mehr zivile Opfer in Kriegen

Mauro Mantovani, Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie der ETH, unterstützt hingegen Reiner Eichenberger – zumindest, was den Kern von dessen These betrifft. Es stimme: «Ein konventioneller Krieg und erst recht ein nuklearer Krieg zieht die Zivilbevölkerung mehr in Mitleidenschaft als die Soldaten, von einem Bürgerkrieg gar nicht zu reden.»

Untersuchungen zeigten übereinstimmend, dass der Anteil ziviler Opfer seit dem Ersten Weltkrieg – damals starben vor allem die Soldaten an der Front – kontinuierlich gestiegen sei und die armeeseitigen Opferzahlen mittlerweile weit übertreffe. Die Gründe dafür seien klar, sagt Mantovani: «Soldaten haben die bessere Ausrüstung als Zivilisten, sind ausgebildet im Verhalten auf dem Gefechtsfeld und profitieren von einer besseren Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Strom.»

«Rein hypothetische Debatte»

GSoA-Vordenker und Grünen-Vizepräsident Jo Lang ist zwar froh um Eichenbergers Schützenhilfe und hält als Historiker auch dessen Argumentation für stimmig. Er bemüht sich aber klarzumachen, dass sich die Debatte auf einer rein hypothetischen Ebene abspiele: «Es gibt kein glaubwürdiges Szenario, dass die Schweiz angegriffen werden könnte.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • J. Meyer am 17.08.2013 22:59 Report Diesen Beitrag melden

    Wehrdienst muss erhalten bleiben

    In der heutigen Zeit dürfte eine Milizarmee wohl langsamer zusammen gestellt sein wie der Feind vor den Toren stünde, vor allem dann, wenn viele gar noch nie Wehrdienst geleistet haben. Was vor 70 Jahren funktionierte, wird heute durch modernere Techniken nicht mehr möglich sein, auch wenn man meint, durch moderne Frühwarnsysteme gewappnet zu sein. Doch was soll man darüber nachdenken, dürfte es auch kaum territoriale Kriege mehr geben mit unseren Nachbarn, sondern die Bedrohung liegt mehr im Terroraktionen, wobei solche Zellen bestimmt auch bereits unter uns leben.

  • Felix am 16.08.2013 19:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nichts zu verlieren

    Ich selbst besitze keinen Quadratmeter CH-Boden. Fürs wohnen werde ich ausgenommen und die Krankenkasse macht einem auch krank. Ich sehe keinen einzigen Grund wofür ich mein Leben einsetzen sollte. Ich habe der Schweiz nichts zu verdanken. Alles was ich habe, habe ich mir selbst erarbeitet. Von wegen Ehre und dem ganzen Blödsinn.

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  • Gamer am 17.08.2013 10:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krieg ist kein Spiel!

    Kriegsspiele am Pc machen schon Spass. Was man am meisten dort lernt, egal wie gut du bist, irgend jemand oder ein dummer Zufall kann dich immer umbringen. Nur gibts im echten Leben dann keinen "Wiedereinstiegsknopf". Es gibt keine Helden, nur Opfer.

Die neusten Leser-Kommentare

  • J. Meyer am 17.08.2013 22:59 Report Diesen Beitrag melden

    Wehrdienst muss erhalten bleiben

    In der heutigen Zeit dürfte eine Milizarmee wohl langsamer zusammen gestellt sein wie der Feind vor den Toren stünde, vor allem dann, wenn viele gar noch nie Wehrdienst geleistet haben. Was vor 70 Jahren funktionierte, wird heute durch modernere Techniken nicht mehr möglich sein, auch wenn man meint, durch moderne Frühwarnsysteme gewappnet zu sein. Doch was soll man darüber nachdenken, dürfte es auch kaum territoriale Kriege mehr geben mit unseren Nachbarn, sondern die Bedrohung liegt mehr im Terroraktionen, wobei solche Zellen bestimmt auch bereits unter uns leben.

  • Christian Kehl am 17.08.2013 22:20 Report Diesen Beitrag melden

    Journalisten sollten Zahlen deuten!

    Wieder einmal ein Beitrag, bei dem die meisten Leser mit statistischen Angaben alleine und wohl auch in die Irre gefüht werden. Obwohl die Aussage "Weitaus mehr zivile" (als militärische) "Opfer in Kriegen" sicher korrekt ist, ist es trotzdem nicht sicherer, im Militär zu sein! Ein Beispiel: Es sterben in einem Krieg 1 Soldat und 10 Zivilisten. Es hat in diesem Gebiet aber 10'000 Einwohner und 100 Soldaten - Ergibt 1 von 100 bei den Soldaten, aber 1 von Tausend bei den Zivilisten! Von gutem Journalismus erwarte ich, dass dem Leser geholfen wird, die Zahlen zu deuten, nicht nur um Schlagzeilen

  • Fab. am 17.08.2013 21:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Merkwürdige Ansicht

    Wenn es Krieg geben würde, dann würden mehr Freiwillige in die freiwilligen Miliz eintreten weil Soldaten eher überleben als Zivilisten. Naja! Meine Meinung zu dieser Aussage: Da zu Kriegsbeginn diese Freiwilligen aber noch keine ausgebildeten Soldaten wäre würden sie eher zu dem Zivilisten zählen als zu den Soldaten. Müssten aber schon solche Aufgaben übernehmen weil es zu wenig Soldaten hat. Und deshalb wären diese noch gefährdeter.

  • Jo Bauer am 17.08.2013 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Horizont bis zur Nasenspitze

    Wäre Jo Lang ein Bauer, er würde wohl die Saat erst dann austragen wenn er Hunger hat.

  • Nachdenklich am 17.08.2013 12:33 Report Diesen Beitrag melden

    Zu spät

    Im Ernstfall ist es zu spät. Ausserdem stimmt die Aussage von der Ueberlebenswahrscheinlichkeit nicht. In der Vergangenheit hat es beides gegeben. Zukünftige Kriege sind selten oder nie zutreffend vorausgesehen worden.