So tickt die Schweiz

14. März 2013 11:57; Akt: 14.03.2013 18:08 Print

«Solidarität mit Schwachen geschrumpft»

von Désirée Pomper - Wie tickt die Schweizer Gesellschaft? Worüber macht sich die Mittelschicht Sorgen und wie sieht die neue Elite aus? Trendforscher Christoph Müller weiss es.

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Schweres Los für Bettler, wie diese Frau in Lausanne: Schweizer zeigen sich mit Schwachen, Alten und Armen zunehmend weniger solidarisch. (Bild: Keystone/Salvatore di Nolfi)

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Vor zehn Jahren haben Sie die Schweizer Gesellschaft untersucht. Nun haben Sie die Schweizer Gesellschaft erneut unter die Lupe genommen. Mit welchem Resultat?
Christoph Müller: Die Lebenshaltungskosten, Mieten und Krankenkassenprämien sind gestiegen. Das hat die Schweizer Mittelschicht unter Druck gesetzt: Sie weiss nicht, ob die Renten sicher sind und im Zusammenhang mit der Personenfreizügigkeit erwächst ihr eine neue Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Im Vergleich zur Unterschicht profitiert die Mittelschicht aber nicht oder wenig von staatlichen Unterstützungsleistungen. Viele Leute befürchten, dass sie den materiellen Status ihrer Eltern nicht erreichen werden.

Umfrage
Schauen die Schweizer nur noch für sich selber?
62 %
32 %
6 %
Insgesamt 2095 Teilnehmer

Wie reagiert die Mittelschicht auf diesen Druck?
Die Solidarität mit der Unterschicht und mit den Schwachen der Gesellschaft ist geschrumpft. Man ist nicht mehr vorbehaltlos bereit, Kranke, Alte oder Straftäter finanziell mitzutragen.

Die Globalisierung und die Wirtschaftskrise der letzten Jahre haben uns also asozial gemacht?
Diesen Ausdruck finde ich zu hart und er trifft sicher nicht auf den täglichen persönlichen Umgang zu. Aber man merkt, dass es für einen selber finanziell enger wird. Man überlegt sich zweimal, wie viel Solidarität man in der Gesellschaft will. Es herrscht stärker die Meinung, dass jeder für sich selber verantwortlich sein muss.

Das dürfte sich auch auf das politische Verhalten auswirken.
Ja. Der Ruf nach einer durchgreifenden Hand ist stärker geworden. So fiel die Ausschaffungsinitiative oder die Kampagne gegen Sozialhilfebetrüger auf fruchtbaren Boden. Die Mittelschicht grenzt sich aber nicht nur nach unten ab, sondern auch gegen oben, als Zeichen des Protestes. So erklärt sich auch das Ja zur Abzocker-Initiative. Vor 15 oder 20 Jahren hatte man noch ein weniger kritisches Verhalten gegenüber den Managern. Und die wirtschaftliche Elite gab sich zumindest gegen aussen bescheidener.

Wie reagieren die verschiedenen sozialen Gruppen auf den wachsenden Druck?
Das variiert je nach sozialer Gruppe. Wir haben Menschen zusammengefasst, die sich in Lebensauffassung und Lebensweisen ähneln. Diese Sinus-Milieus könnte man als «Gruppen Gleichgesinnter» bezeichnen. So ist etwa die Gruppe der «Performer» bemüht, denselben Lebensstandard wie die Eltern halten zu können. Sie nehmen diese Herausforderung an, zwar nicht im Sinne begeisternder neuer Möglichkeiten, aber mit ausgeprägtem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sie sind sich bewusst, dass ihnen letztlich keine andere Wahl bleibt, und so verbinden sie eine hohe Leistungsbereitschaft im Beruf mit einem hedonistischen Freizeitverhalten.

Man gibt sich also mit einem sinnleeren Job zufrieden, solange die Kasse stimmt. Das klingt nach Resignation…
Oder eben pragmatisch. Diese Gruppe versucht weniger als andere, sich im Beruf zu verwirklichen. Ein sicherer Job oder ein guten guter Lohn kann zum Beispiel Abstriche bei anderen Punkten kompensieren. Wegen den Unsicherheiten im Job – etwa durch die stärkere Konkurrenz auf dem Arbeitsplatz - schätzt diese Gruppe Verlässlichkeit im Privatleben. Werte wie Treue und Stabilität werden hochgehalten. Diese Leute sind häufig konservativer als ihre Eltern. Man braucht die vielen Möglichkeiten und den Entscheidungsstress nicht auch noch im Privatleben.

Dann gibt es ja noch das neue Milieu «Digitaler Kosmopoliten». Wer sind diese Leute?
Das sind junge, digital vernetzte Leute, die Trends setzen und auf andere Gruppen ausstrahlen. Es handelt sich um ein sogenanntes Leitmilieu, gerade im Bereich Lifestyle. Das sind starke Individualisten auf der Suche nach Selbstverwirklichung, wobei Geld nicht der primäre Motivationsfaktor ist. Sie wünschen sich eine herausfordernde, kreative und sinnvolle Arbeit. Sie sehen sich mehr als Weltbürger, denn als Bürger eines einzigen Landes. Das hindert sie aber nicht daran, die positiven Errungenschaften der Schweiz selbstbewusst nach draussen zu tragen.

Ist das die neue Elite?
Die «Digitalen Kosmopoliten» sind auf dem Weg dazu, stecken zum Teil noch in der Ausbildung und leben häufig noch bei den Eltern. Aber diese Leute werden in den Führungsetagen landen, was einen grossen Impact haben wird.

Was für einen?
Sie lösen sich vom materiellen Besitz im traditionellen Sinn. Ein Auto ist beispielsweise kein Statussymbol mehr, sondern eher ein Mobilitätsproblem. Darauf wird die Autoindustrie reagieren müssen. Vorstellbar wäre, dass sie nicht länger nur Autos, sondern auch Mobilitätslösungen verkauft. Für dieses Milieu bauen die SBB Wireless-Internet in die Züge ein! Gefordert werden aber auch die Arbeitgeber: Der Arbeitsinhalt muss anspruchsvoll, kreativ und sinnvoll sein. Es wird eine Herausforderung sein, solche Mitarbeiter zu managen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • R wetter am 15.03.2013 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    Dafür Solidarität mit dem oberen 10000

    Dafür wurde die Solidarität mit dem oberen 10000 hierzulanden gestärkt. Ich erinnere daran wieviele Leute sich mit Steuerflüchtlingen wie Gerard Depardieux solidarisieren. Das ist doch auch schön oder?

  • Unbekannt am 14.03.2013 13:28 Report Diesen Beitrag melden

    Schwachsinn

    wir beklagen uns seit Jahren auf absolutem Top Niveau. Während viele Menschen z.B. in Syrien hungern, hat bei uns jeder genug auf dem Teller; während in gewissen Ländern immer wieder von Übergriffen auf Frauen berichtet wird, jammern wir von massiver Unterdückung unserer Frauen und und und! Der Wohlstand hat dazu geführt, dass sich viele nicht mehr bewusst sind, was wichtig ist im Leben und was absolut gar nicht. Wir messen Glück an materiellen Dingen, das ist das Hauptproblem.

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  • Florian.B am 14.03.2013 13:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noch viel zu wenig

    Natürlich bin ich egoistisch, der staat zockt einen ab das es nur so kracht und dann soll ich auch noch die aufgabe des staats übernehmen und mich um schwächere kümmern ? Der staat soll erstmal dafür sorgen das hilfeleistungen bei den richtigen ankommen, man kann doch einen armen man kaum noch von einem spendenbetrüger unterscheiden. Wenn das geld das die ganzen simulanten, betrüger, schwarzarbeiter und arbeitsverweigerer bekommen an die wirklich bedürftigen ginge müsste unsereins kaum einen cent spenden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ein Visionär am 17.03.2013 15:36 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist fünf nach zwölf....

    Über 700000 Personen sind in den letzten paar Jahren in die Schweiz eingewandert. Fast alle sind direkt oder indi-rekt (Scheinselbständige) auf den Arbeitsmarkt geströmt. Es wurden aber keine 700000 neue Stellen geschaffen! - Somit enstand zwangsläufig ein Verdrängungsmarkt (der Begriff Ü50-Problematik wurde neu geboren, das Wort Lohndumping wurde salonfähig usw). Ausserdem wird mit getunten Arbeitslosenzahlen geprahlt -> fatales Signal ins Ausland. Jeden Monat werden ca. 3000 (meist Schweizer) ausgesteuert. Die Politiker ignorieren, vertrösten usw. und nur viele Arbeitgeber haben profitiert..

  • Paul Gerber am 16.03.2013 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer helfen zu wenig?

    Für die Entwicklungshilfe wurden neulich CHF 11 Milliarden an Steuergeldern gesprochen, für die Asylanten zahlen wir Steuerzahler CHF 1.5 Milliarden jährlich, also nochmals CHF 15 Milliarden alle 10 Jahre (1 Milliarde = 1'000 Einfamilienhäuser). Das geht unserem Einkommen ab, als Steuern. Und da wird noch gejammert, wir würden zu wenig spenden, wir seien egoistisch? Ja, wie viel darf es denn sein: 50% des Lohnes oder no es Bizzeli meh?

  • Harry am 15.03.2013 11:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur für sich schauen

    Na wenn das nicht der Inbegriff für asoziales Verhalten ist, dann verstehe ich gar nichts mehr. Und das sowohl intellektuell als auch wortwörtlich. Schönrederei.

  • R wetter am 15.03.2013 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    Dafür Solidarität mit dem oberen 10000

    Dafür wurde die Solidarität mit dem oberen 10000 hierzulanden gestärkt. Ich erinnere daran wieviele Leute sich mit Steuerflüchtlingen wie Gerard Depardieux solidarisieren. Das ist doch auch schön oder?

  • Schicht Mitglied Steff am 15.03.2013 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Super wirklich

    Die vielen Schichten die wir haben.Die gut aussehenden Schichten,die abzockenden Schichten,die gecasteten Schichten und die möchte gern gecasteten Schichten.die Schichten der Kochshows und des schöner Wohnens,die pyromanischen Schichten und die Billag zahlenden Schichten.Jene Schichten die am liebsten die ganze Nacht durcharbeiten und S-Bahnfahrerschichten die vor sich hinsabbern und in der Unterführung die Luft mit ihren halbgerauchten Zigaretten verpesten und Herr Müller glaubt er hat eine Ahnung davon,ist ja super wirklich.