Kidnapping-Regeln

02. April 2014 17:49; Akt: 02.04.2014 17:58 Print

«Starren Sie die Entführer nicht an»

von R. Neumann - Der Anwalt André Schlatter (52) wurde von St. Gallen nach Deutschland verschleppt – ein Zufallsopfer. Wie man sich bei Entführungen richtig verhält, sagt ein Sicherheitsberater.

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Der Thurgauer CVP-Politiker André Schlatter befand sich am Samstag neun Stunden lang in der Gewalt zweier Männer. Diese wollten nur seinen BMW, nahmen Schlatter aber mit über die Grenze nach Deutschland. Während der ganzen Zeit sei er ruhig geblieben, erzählte der Anwalt heute in einem Interview.

Gibt es andere Strategien, die man in einem solchen Fall anwenden könnte? Betteln? Flehen? Drohen? 20 Minuten fragte den Sicherheitsberater Oliver Schneider (siehe Box).

Herr Schneider, zwei Männer drängen mich mit vorgehaltener Pistole in mein Auto. Wie sollte ich reagieren?
Das Beste, was Sie tun können, ist sofort Ihrer Opferrolle gewahr zu werden. Sie müssen akzeptieren, dass die Täter nun die Kontrolle haben. Sie müssen sich davon lösen, die Kontrolle über sie zu gewinnen.

Nehmen wir an, ich füge mich wie Herr Schlatter und die Täter fahren mit mir irgendwo hin. Wie sollte ich mich im Auto verhalten?
Auch hier gilt, sich in seine Opferrolle zu begeben. Vermeiden Sie schnelle Bewegungen, kündigen Sie Ihre Bewegungen sogar an. Sagen Sie, wenn Sie in Ihre Jackentasche greifen, um zum Beispiel das Portemonnaie oder die Autoschlüssel hervorzuholen. Sprechen Sie aber grundsätzlich nur, wenn Sie von den Tätern angesprochen werden. Starren Sie Ihre Entführer nicht zu lange an und schauen Sie Ihnen nicht direkt in die Augen.

Wie bei einem Hund?
Genau. Schauen Sie ihrem Gegenüber besser aufs Kinn, vielleicht sogar auf die Brust. Nehmen Sie eine defensive Körperhaltung ein. Seien Sie neutral und distanziert.

Warum?
Die Täter befinden sich wie Sie in einer Stresssituation. Jeder falsche Satz, jede falsche Handlung oder Bewegung könnte zur Eskalation der Situation führen. Und das wollen Sie nicht. Sie wissen nicht, wer die Täter sind oder was sie antreibt. Auch wenn Sie zum Beispiel nahkampferprobt sind: All Ihre Handlungen sollten auf Deeskalation ausgerichtet sein. Auch wenn das für einige schwer ist, aber Sie können Ihren Gegner einfach nicht einschätzen.

Ein Reflex eines Opfers ist doch – wie aus Kinofilmen gelernt – die Familie zu erwähnen: «Ich habe eine Frau und drei Kinder, lasst mich gehen.» Hilft das?
Nein, das ist nicht zu empfehlen. Damit bauen Sie auf die Empathie der Täter. Sie fordern von ihnen Mitleid ein, aber die Täter haben die Entscheidung, ein Carnapping durchzuführen, schon getroffen.

Ich könnte versuchen, kumpelhaft zu wirken.
Nein, auch das nicht. Überhaupt keine Kommunikation. Auch nicht zetern und toben. Da Sie die Täter nicht kennen, wissen Sie nicht, wie die auf Ihre Kontaktversuche reagieren werden. Und Sie dürfen Ihr einziges Ziel nicht aus den Augen verlieren: Sie wollen mit dem Leben davonkommen. Ein Auto kann man ersetzen.

Und versuchen, Dritte auf meine Lage aufmerksam zu machen? Zettelchen kritzeln? Heimliche SMS schreiben?
Auch hier wieder: nein, lieber nicht. Sie sollten keine verdeckten Aktionen durchführen, auf die die Täter aufmerksam werden könnten.

Sie beraten Menschen, die ihn Gebiete reisen, in denen das Risiko einer Entführung höher ist. Unterscheiden sich die von Ihnen empfohlenen Verhaltensweisen zwischen einzelnen Ländern?
Das zuvor geschilderte Verhalten gilt für jede Entführungssituation. Was einige Länder von anderen unterscheidet, ist das Motiv. In einigen Ländern kann es aus politisch-religiösen Gründen zu Entführungen kommen. Für die Opfer ist dies gefährlicher, als wenn es um eine kriminelle Entführung mit dem Ziel, Geld zu erpressen oder um Carnapping geht.

Warum?
Aus politischen Gründen werden Menschen entführt, um eine Forderung durchzusetzen – etwa um Gesinnungsgenossen freizupressen. Dort wird der Tod des Opfers als erstes Druckmittel eingesetzt. Die Person des Entführten spielt in diesen Fällen eine Rolle. Geld kann man hingegen auch von Zufallsopfern erpressen.

Haben Sie Leute beraten, die dann auch tatsächlich in eine solche Situation geraten sind?
Ja, letztes Jahr haben wir einen deutschen Geschäftsmann beraten, der beruflich nach Mexiko-Stadt fahren musste. Prompt wurde er auch Opfer des Carnappings. Er hat uns danach erzählt, er habe sich während der Entführung an die geübten Szenarien aus unserem Training erinnert. Er hat zum Glück die Situation unbeschadet überstanden.