Abrechnungen wie in Rüti ZH

27. Dezember 2018 07:23; Akt: 27.12.2018 08:05 Print

«Tausende verstecken sich aus Angst vor Blutrache»

Tödliche Abrechnungen sind in Albanien Alltag. Darum flammt das alte Phänomen wieder auf – und so reagieren Schweizer Behörden.

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Nach den tödlichen Schüssen am Dienstagmorgen auf den Besitzer des Restaurants Bären in Rüti ZH scheint klar: Der 51-jährige I.I.* ist ein weiteres Opfer einer Blutrache. «Ganz klar. Das Töten wird weitergehen», sagt ein Bekannter des Opfers gegenüber 20 Minuten. Hintergrund der blutigen Abrechnung soll eine jahrelange Fehde zwischen zwei mazedonischen Familien albanischer Herkunft gewesen sein.

Noch heute gehört die Blutrache vor allem im Norden Albaniens zum Alltag. Sogar Kinder und Frauen sind betroffen: «Obwohl sie eigentlich davon ausgenommen sind, müssen sich Tausende im Land aus Angst zu Hause verstecken», sagt Lars Haefner, Präsident der Gesellschaft Albanien-Schweiz.

Hauptgrund für das Wiederaufflammen der Blutrache sei die jüngere Entwicklung im Land. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus 1991 existierte faktisch kein Rechtssystem mehr. «Beim Neuaufbau des Landes gab es diverse Streitigkeiten um Ländereien. Viele hatten das Gefühl, sie müssten das Gesetz selber in die Hand nehmen», erklärt Haefner. Ohne staatliche Kontrolle häuften sich Fälle von Selbstjustiz.

Viele unbekannte Fälle

Tödliche Abrechnungen wie in Rüti ZH würden allerdings einfach unter diesem Deckmantel verübt. «Bandenkriege, Machtkämpfe und kriminelle Taten werden heute meist mit Blutrache gerechtfertigt – dabei sind es einfach schreckliche Verbrechen.» Solche Racheakte hätten mit der ursprünglich überlieferten Blutrache, die als Teil des Rechtssystems in Albanien diente, kaum Gemeinsamkeiten (siehe Box).

Markus Mohler, ehemaliger Kommandant der Kantonspolizei Basel-Stadt und Experte für Polizeirecht, sagt, die Tat habe ihn nicht überrascht: «Es ist nicht der erste Rachemord in der Schweiz.» Es würden viele Delikte aus Stammes- oder religiösen Gründen begangen, von denen die Behörden nicht einmal wüssten – etwa Zwangsheiraten oder Genitalverstümmelungen.

Ist der Täter wieder in der Heimat?

Er halte es für möglich, dass sich der Täter in ein anderes westeuropäisches Land abgesetzt habe, wo es auch mazedonische Gemeinschaften gebe. Denkbar sei auch, dass der Täter nach Mazedonien flüchtete. Das Land ist nicht Teil des Schengen-Raums, dennoch wird eine verdächtige Person in dessen Informationssystem ausgeschrieben, sollte sie in einem Schengen-Land auftauchen. Via Interpol werde eine verdächtige Person zudem allenfalls weltweit ausgeschrieben. Zwischen der Schweiz und Mazedonien gebe es ein gutes Abkommen über die polizeiliche Zusammenarbeit bei der Kriminalitätsbekämpfung, sagt Mohler.

Die Schweiz habe einen Polizeiattaché im kosovarischen Pristina, der auch für Mazedonien zuständig sei. «Der Rahmen für eine gute und direkte Zusammenarbeit mit den mazedonischen Behörden ist da», sagt Mohler. «Wenn nur die Polizei involviert ist, funktioniert die Zusammenarbeit in einem Fall wie diesem sehr gut», sagt er. Schwierig könne es werden, wenn eine politische Komponente hinzukomme. Sollte der Täter in Mazedonien gefasst werden, würde er nicht an die Schweiz ausgeliefert. Diese könnte aber ein Gesuch um stellvertretende Strafrechtspflege stellen. Das könne funktionieren, sagt Mohler, der jahrelang auf dem Balkan arbeitete. In der Schweiz seien solche Taten nur schwer zu verhindern: «Solange es eine grosse Diaspora gibt mit Teilen, die sich nicht an unsere Rechtsordnung halten, ist das nur schwer zu bekämpfen», sagt Mohler.

*Name der Redaktion bekannt

(20M)