In der Schweiz

13. Mai 2014 08:46; Akt: 13.05.2014 08:46 Print

«Transfrauen mit Bart werden angegriffen»

von J. Büchi - Sie werden diskriminiert und bedroht: Dank Conchita Wurst hoffen Schweizer Transsexuelle auf eine bessere Zukunft. Ein Transmann und eine Transfrau erzählen.

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«Es ist wundersam: Europa ist offener, als ich gedacht habe!» Zattoo-Verwaltungsratspräsidentin Bea Knecht (46) ist nach dem Sieg der Österreicherin Conchita Wurst am Eurovision Song Contest (ESC) euphorisch. Nicht, dass sich Knecht besonders für den Gesangswettbewerb interessiert hätte – eigentlich hat sie ihn nicht einmal verfolgt. Doch die Nachricht, dass mit Wurst eine Dragqueen den ESC gewonnen hat, liess sie aufhorchen.

Denn Bea hiess früher Beat. Bis 2012 steckte sie im Körper eines Mannes. Aus Neugierde schaute sie den Auftritt der Österreicher Travestie-Künstlerin im Internet nach – und war beeindruckt: «Conchita hat ganz einfach gut gesungen.» Wurst habe wohl hauptsächlich wegen ihrer Stimme – und nicht wegen ihres Bartes – gewonnen. Dass das Publikum für die Österreicherin angerufen habe, zeige aber, dass das Thema Transsexualität gesellschaftsfähig geworden sei.

Wurst ist nicht transsexuell

Dass Conchita Wurst nur eine Kunstfigur ist, spielt für Knecht dabei keine Rolle. Anders als sie früher fühlt sich Tom Neuwirth – der Mann hinter Schminke und Bart – wohl in seinem männlichen Körper. Die Frauenkleider sind Teil der Show des schwulen Sängers. Trotzdem findet Knecht: «Es macht keinen Sinn, unter dem Regenbogen Untergruppen zu bilden. Man soll die Leute nehmen, wie sie sind. Andere gibt es nicht.»

Diese Auffassung teilt Alecs Recher (38), Gründer des Vereins Transgender Network Switzerland und Co-Präsident von Transgender Europe: «Conchitas Sieg ist ein unglaubliches Statement – ein Tritt ans Schienbein jener Politiker, die die Ausstrahlung des Auftritts im Vorfeld verhindern wollten», freut sich der Jurist und ehemalige Zürcher Lokalpolitiker. Wurst sei sehr authentisch, «und sie teilt das Ziel der Transmenschen, Diskriminierung zu bekämpfen».

60 Prozent ohne Anstellung

Laut Recher ist dies bitternötig. Weltweit seien seit 2008 1509 Morde an Transmenschen registriert worden. Die meisten von ihnen in Lateinamerika, aber auch einige in der Türkei oder in Italien. In der Schweiz lebten Transmenschen zwar weniger gefährlich – auch hier sei ein Weckruf aber notwendig: «Vor allem Transfrauen werden hierzulande oft angepöbelt und beschimpft, teilweise sogar körperlich angegriffen. Dies zum Beispiel wenn ein Bartschatten sichtbar ist - es braucht nicht einmal ein voller Bart wie bei Conchita zu sein.»

In fast jedem Lebensbereich müssen Schweizer Transmenschen laut Recher zudem mit Diskriminierungen rechnen: «Ob am Arbeitsplatz, bei Behörden oder im Gesundheitswesen – oft werden die Menschenrechte krass verletzt.» So fänden Transmenschen oft keine Stelle und würden nach dem Outing oder geschlechtsangleichenden Operationen entlassen. «60 Prozent der Transmenschen sind arbeitslos oder selbstständig erwerbend», zitiert der Jurist aus einer Studie.

Weiter bezahlten die Krankenkassen geschlechtsangleichende Operationen teilweise nicht, obwohl die Rechtsprechung des Bundesgerichts sie dazu verpflichte. Auch bei Änderung des Vornamens und des amtlichen Geschlechts im Pass verstiessen die Gerichte oftmals gegen die Bundesverfassung. Viele Richter erlaubten die Änderungen erst, wenn sich eine Person sterilisieren lasse – was nicht alle Transmenschen wollen. «Jemanden gegen seinen Willen zu einer Sterilisation zu zwingen, ist eine schwere Verletzung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit», so Recher.

«Auf viele Grausamkeiten gefasst»

Besser sind die Erfahrungen, die Bea Knecht gemacht hat: Ihre Verwandlung zur Frau verlief reibungsloser als erwartet. «Ich machte mich auf einige Grausamkeiten gefasst, doch die Reaktionen waren zu 98 Prozent positiv.» Zu den Zweiflern gehörte zunächst ihre Mutter, auch sie steht heute aber zu ihrer Tochter.

Sie habe am eigenen Leib erfahren, wie sich die Einstellung der Gesellschaft gewandelt habe, sagt Knecht rückblickend. «Conchitas Sieg ist eine von vielen Wegmarken auf dem Weg zur Gleichberechtigung.» Eben noch ausgegrenzt, würden Transmänner und -frauen langsam, aber sicher zu einem festen Teil der Gesellschaft. «Homosexuelle wurden früher geächtet. Heute ist Schwulsein ganz normal. Genauso werden auch Transgender und Dragqueens zunehmend als normaler Teil der Gesellschaft akzeptiert.»