Armeechef

16. August 2019 04:49; Akt: 16.08.2019 13:02 Print

«Transmenschen sollen Dienst leisten dürfen»

von D. Waldmeier/ D. Krähenbühl - Der scheidende Armeechef Philippe Rebord will Frauen mittels Anreizen in die Armee locken. Und auch Transmenschen sollen die RS machen können.

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Nach 35 Jahren als Berufsmilitär tritt Armeechef Philippe Rebord Ende Jahr zurück. «Ich muss mich auf meine Gesundheit kümmern und ich will mich auf die Familie fokussieren», sagt er. Höhepunkt seiner Amtszeit sei die Wiedereinführung der Mobilmachung gewesen, so Rebord. «Wir sind in der Lage, 35'000 Soldaten innerhalb von 10 Tagen in den Einsatz zu bringen. Die Nato schafft 30'000 Personen in 30 Tagen. Die Schweizer Milizarmee ist also agiler als die Profi-Armee der Nato.» Rebord führte als Armeechef die «RS light» mit kürzeren Märschen und Turnschuhen zur Eingewöhnung ein. «Wir wollen die Soldaten fit machen, indem wir die Leistungsfähigkeit schrittweise erhöhen. Das bedeutet weniger Schmerzen, weniger Unfälle und weniger medizinische Entlassungen aus der RS.» Zudem ist es Rebord ein Anliegen, den Frauenanteil in der Armee zu fördern. «Der Frauenanteil bei Swisscoy liegt bei 22 Prozent. In der ganzen Armee sind es nur 0,7 Prozent.» Um mehr Frauen anzulocken, sollte man junge Frauen bereits mit 15 oder 16 Jahren übers Militär orientieren. Zudem müsste die Armee - solange der Dienst für Frauen nicht obligatorisch sei - mit Anreizen arbeiten: Rebord: «In Polen etwa gibt es für freiwillige Milizler Steuererleichterungen. Es braucht neue, kreative Ideen. Wir sind daran, solche zu prüfen.» Aber auch Transmenschen sollen die Rekrutenschule machen dürfen, so der Armeechef Im Fall von Ellyot (21), einem Transmann, der aufgrund eines Passus im medizinischen Handbuch für doppelt untauglich befunden wurde, befürworte Rebord also eine Teilnahme an der RS. «Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass auch Transmenschen ein Anrecht haben, Dienst zu leisten, wenn sie alle Voraussetzungen erfüllen», so Rebord. «Das Handbuch werden wir überarbeiten.» Die Zeit in der Armee sei aber nicht immer einfach gewesen, sagt Rebord. Aufgrund seiner Karriere sei er oft von seiner Familie getrennt gewesen. Rebord: «Die verpasste Zeit kann ich leider nicht mehr nachholen, ich kann aber zumindest etwas mit meinen Enkeln kompensieren.» In Zukunft will Rebord sich um seine Gesundheit kümmern und sich auf seine Familie fokussieren. Rebord: «Ich habe meiner Frau ausserdem versprochen, bügeln zu lernen. Schliesslich laufe ich dann nicht mehr in der Militäruniform rum.»

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Herr Rebord, die Armee findet kaum Rekruten, während der Zivildienst boomt. Sie haben die «RS light» mit kürzeren Märschen und Turnschuhen zur Eingewöhnung eingeführt. Ist die RS dadurch attraktiver geworden?
Es ist keine «RS light». Wir wollen die Soldaten fit machen, indem wir die Leistungsfähigkeit schrittweise erhöhen. Das bedeutet weniger Schmerzen, weniger Unfälle und weniger medizinische Entlassungen aus der RS. Das reicht aber noch nicht, um die RS attraktiver zu machen. Sie haben die Hitzewelle im Juli selbst erlebt. Im Schwimmbad ist es angenehmer als auf dem Übungsplatz. Die Armee muss im Verband eine Leistung erbringen. Natürlich ist damit die Handlungsfreiheit des Einzelnen beschränkt.

Ein brachliegendes Potenzial für die Armee sind auch Frauen. Denken Sie, dass Frauen in 15 Jahren ebenfalls Dienst leisten müssen?
Das ist eine politische Frage. Ich wünsche mir aber ganz klar mehr Frauen in der Armee. Sie haben eine andere Art, wie sie auf die Bevölkerung zugehen. Das sehen wir in Kosovo, wo der Frauenanteil bei der Swisscoy zurzeit bei 22 Prozent liegt. Über die ganze Armee sind es aber nur 0,7 Prozent. Falls die Dienstpflicht für Frauen in 15 Jahren an die Urne kommt, werde ich zustimmen.

Was muss man tun, um mehr Frauen anzulocken?
Der heutige Orientierungstag findet mit 18 Jahren spät statt. Wir müssen junge Frauen aber schon mit 15 bis 16 Jahren erreichen, damit sie sich ein Bild machen können. Und wir müssen, solange der Dienst für Frauen nicht obligatorisch ist, mit Anreizen arbeiten. In Polen etwa gibt es für freiwillige Milizler Steuererleichterungen. Es braucht neue, kreative Ideen. Wir sind daran, solche zu prüfen.

Sie haben zwei erwachsene Töchter. Wie denken diese über die Armee?
Meine Töchter haben verstanden, dass die Sicherheit ein Fundament ist, auf dem die Gesellschaft gebaut ist. Ich habe immer gespürt, dass sie mich stark unterstützt haben. Als Töchter eines Berufsoffiziers hatten sie es nicht immer leicht. Hier werde ich emotional, weil ich aufgrund der Karriere wenig zu Hause war und viel verpasst habe. Dank meiner Frau hat unserer Familie gehalten. Die verpasste Zeit kann ich leider nicht mehr nachholen, ich kann aber zumindest etwas mit meinen Enkeln kompensieren.

«Auch Transmenschen haben ein Anrecht, Dienst zu leisten, wenn sie alle Voraussetzungen erfüllen.»

Laut «24 Heures» wurde Ellyot, ein Transmann, von den Militärärzten aufgrund eines Passus im medizinischen Handbuch für doppelt untauglich befunden, obwohl er die medizinischen Tests offenbar bestanden hat und unbedingt in die Armee möchte. Was sagen Sie dazu?
Ich habe mir das Thema notiert und werde es intern diskutieren. Der Mann hat einen Rekurs eingelegt und eine Sonderkommission wird sich damit befassen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass auch Transmenschen ein Anrecht haben, Dienst zu leisten, wenn sie alle Voraussetzungen erfüllen. Das Handbuch werden wir überarbeiten.

Ein Militärarzt soll ihm gesagt haben, ein Verzicht auf die RS sei besser, da ihn andere Rekruten mobben könnten. Fehlt die Akzeptanz in der Armee?
Die Jungen sind nach meiner Erfahrung sehr offen, ich sehe kein Problem. Wir legen viel Wert auf Diversity-Management, auch in der Ausbildung unserer Kompaniekommandanten. Wir bieten solche Kurse seit den 90er-Jahren an.

Sind solche Schlagzeilen schlecht fürs Image der Armee, weil sie dann als rückwärtsgewandt gilt?
Ich sehe darin vor allem eine Chance. Wir müssen jetzt wiederum über die Bücher gehen und einem Bürger eine Antwort geben, der seine Bürgerpflichten erfüllen will. Die Armee muss sich anpassen und weiterentwickeln.

Bleiben wir beim Thema Image: In den sozialen Netzwerken machen immer wieder lustige Armeevideos die Runde, etwa von Soldaten, die «Jurassic Park» nachspielen oder Abhänge herunterpurzeln. Lacht der Armeechef über solche Videos?
Ich sehe selten solche Videos. Ich kann aber über vieles lachen. Ich verstehe die Jungen – ich selbst war mit 20 Jahren kein besonderer Held. Aber was ich wirklich nicht dulde, sind Videos, die die Persönlichkeit eines Einzelnen verletzen, die rassistisch oder gewaltverherrlichend sind oder die Sicherheitsvorschriften tangieren.

Müssen Sie Ihre Social-Media-Richtlinien anpassen? Instagram und Co. sind fester Bestandteil des Lebens der Rekruten. Können Sie verlangen, dass sie nichts aus der Armee posten dürfen?
Das Reglement ist zeitgemäss. Es braucht eine Bewilligung, um aus dem Militärdienst zu posten. Das hat auch operationelle Gründe: Bilder können im Ernstfall das Dispositiv verraten, ebenso die Kommunikation mit dem Handy. Das ist übrigens ein grosses Problem von ausländischen Armeen, die im Einsatz sind.

«Für die Schweizer Armee wird die Abstimmung zur Stunde der Wahrheit.»

Kommen wir zu einem wichtigen Thema: Der Bundesrat will 6 Milliarden in neue Kampfjets und 5,5 bis 6 Milliarden in die Modernisierung der Bodentruppen investieren. Können Sie sich so gigantische Summen vorstellen?
Es ist zweifellos eine grosse Summe, zumal es um Steuergelder geht. Aber diese Investition ist eine Investition in die Sicherheit unseres Landes und erstreckt sich auf 10 Jahre. Wenn man zudem die Gesamtkosten der Armee betrachtet, sind das zwischen 0,7 und 0,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Schweiz. Zum Vergleich: Von den Nato-Ländern wird gefordert, 2 Prozent des BIP in die Verteidigung zu investieren. Wir müssen bis 2030 unsere Kampfjets ersetzen. Für die Schweizer Armee wird die Abstimmung darüber – die mit Garantie kommen wird – zur Stunde der Wahrheit.

Die USA und Russland haben den INF-Abrüstungsvertrag aufgelöst. Wie betreffen solche Entwicklungen die Schweiz?
Die Kündigung des Vertrags ist ein Rückschritt ins Jahr 1987. Für die Gesamtsicherheit Europas ist das ein markanter Verlust. Im Bereich der nuklearen Waffen kann man gar von einer Rückkehr des Kalten Krieges sprechen. Die Schweiz bedauert den Schritt der USA und Russlands. Damit verlieren wir einen wesentlichen Meilenstein in der Rüstungskontrolle in Europa. Im nächsten Jahrzehnt werden wir wahrscheinlich wieder miterleben müssen, wie Mittelstreckenraketen in Europa stationiert werden.

«Die Schweizer Milizarmee ist agiler als die Nato.»

Sie sind jetzt nur noch wenige Monate Armeechef. Ihr Rücktritt erfolgte aus gesundheitlichen Gründen. Sie haben gesagt, Sie wollten sich durchbeissen. Müssen Sie das?
Mit Schmerzmitteln geht es. Ich hatte mit der Hüfte und der Thrombose zwei Probleme gleichzeitig. Jetzt ist es noch die Hüfte. Ab und zu muss ich mich durchbeissen, vor allem wenn ich den ganzen Tag mit der Truppe unterwegs bin wie letzte Woche in Polen.

Was war Ihr Tiefpunkt, was der Höhepunkt als Armeechef?
Ein persönlicher Höhepunkt für mich war die Wiedereinführung der Mobilmachung. Wir sind so in der Lage, 35'000 Soldaten innerhalb von 10 Tagen in den Einsatz zu bringen. Die Nato schafft 30'000 Personen in 30 Tagen. Die Schweizer Milizarmee ist also agiler als die Profi-Armee der Nato. Ein Tiefpunkt ist es für mich immer, wenn wir einen Angehörigen der Armee verlieren – so wie letzte Woche beim Verkehrsunfall auf dem Sustenpass. Solche Tragödien machen die Kommandanten und mich extrem betroffen.

Sie waren jetzt 35 Jahre lang Berufsmilitär. Bald gehen Sie ins zivile Leben. Was machen Sie und worauf freuen Sie sich besonders?
Ich will vor allem keine Nostalgie über meine Karriere pflegen, sondern nach vorn schauen. Ich muss mich um meine Gesundheit kümmern und will mich auf die Familie fokussieren. Ich freue mich auf das Sozialleben: Für ein Konzertabo bleibt als Armeechef leider keine Zeit. Zudem will ich mich in sozialen Stiftungen einsetzen. Und: Ich habe meiner Frau versprochen, bügeln zu lernen. Schliesslich laufe ich dann nicht mehr in der Militäruniform rum.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Danich am 16.08.2019 06:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Steuererleichterungen für Militärlerinnen?

    Als Mann käme ich mir sehr benachteiligt vor, wenn Frauen Steuererleichterungen kriegen würden, falls sie Militärdienst leisten. Wie war das nochmals mit der geforderten Gleichberechtigung (die ich grundsätzlich sehr unterstütze)?

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  • Sadman am 16.08.2019 05:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke CdA

    Ich freue mich für den CdA, das er nach 35 Jahren in den Ruhestand gehen kann. Gute Besserung und hoffentlich komplikationsfreie Operation. Es ist Zeit neue Wege zu gehen. Ich glaube kaum an ein Minderheiten Vorurteil in der Armee. Jeder hat mal Blödsinn im Kopf. Und Hand aufs Herz. Jeder von uns hat in seiner Jugend schon Blödsinn gemacht. Aber bitte bitte... liebe Mitmenschen, vergesst endlich mal, das es Sicherheit zum 0 Tarif gibt. Dies kostet Geld. Und dass muss gesprochen werden zu Gunsten der Armee.

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  • Oma-Duck am 16.08.2019 07:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weicheier

    gibt es nur noch Weicheier? Ich habe als Frau schon in den 80ern die RS gemacht - damals noch im FHD, nachher im MFD weitergemacht. Turnschuhe? Geht ja gar nicht. Auch ich bin bei langen Märsche und Übungen z.b. im Winter mit Übernachtung im Schnee nach 14 std marschieren am Anschlag gewesen. Aber genau das hat mir gezeigt zu was ich fähig bin. Der Zusammenhalt unter uns Kameradinnen war einmalig. Frauen können tatsächlich füreinander da sein ohne wenn und aber. In unserem Land werden die jungen Leute nur noch verweichlicht was für das Leben als Erwachsene bedenklich ist. Jeder der ins Militär möchte sollte dürfen. Egal ob gay, straight oder transgender.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Wieso? am 16.08.2019 15:15 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Extrawurst

    Wenn Frau sich zum Mann umwandeln lässt, weil sie sich als Mann fühlt. Wieso dann nicht mit allen Konsequenzen? Das heißt dann auch ins Militär, wenn Sie/Er dinsttauglich ist. Und zwar ohne Einzelzimmer oder anderen Extrawürsten. Und falls Er/Sie sich dem nicht gewachsen fühlt, dann sollte Er/Sie sich mal überlegen, ob eine Geschlechtsumwandlung wirklich das richtig ist? Man(n) kann nicht immer alles haben.

  • Snickas am 16.08.2019 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Antiquierte Weltanschauung?

    Kaum zu glauben wieviele Leute hier der Meinung sind, dass Transmenschen nicht ins Militär gehören. Jemand wie Ellyot wäre bei weitem der bessere Soldat als 90% dieses unmotivierten Haufens. Und wenn es so kommentarlos positiv aufgenommen wird wie meine Homosexualität in der RS (und jedem WK aufs neue), dann sehe ich das Problem nicht.

  • klemmt das ab am 16.08.2019 14:06 Report Diesen Beitrag melden

    genug mit Sonderrechten

    Im Militär darf es keine Extrawürste geben! Nichts mit Einzelzimmer, eigene Dusche und weiteren Bevorzugungen für Transgender. Und darum gehören sie nicht ins Militär. Sie sollen aufhören mit der Jammerei, sonst sind dann plötzlich alle gegen sie. Und das hätten sie sich dann selber verursacht.

    • Snickas am 16.08.2019 15:06 Report Diesen Beitrag melden

      Gibts schon

      Die eine Frau in meinem Zug hatte auch ein eigenes Zimmer und eine eigene Dusche das wäre also nichts neues. Ausserdem, wer sagt denn das Transgender eine Spezialbehandlung wollen?

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  • Monello am 16.08.2019 14:03 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaubwürdig durchs Band!

    Gleichgültig und völlig überfordert mit dem Genderthema. Entweder wurde am 14.6.2019 nur gelogen oder in der CH ist man definitiv nicht in der Lage Gleichstellung zu leben wie es in anderen Länder wie Schweden, Norwegen etc bereits funktioniert!

  • Enis am 16.08.2019 13:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lasst so Leute doch

    Ist doch gut das jemand freiwillig den Dienst leisten will und nicht weil es gesetzlich so vorgeschrieben ist. Ich selber habe keinen Dienst geleistet und wollte auch nie einen leisten und bin heute noch froh darüber. Ich habe einfach keinen Sinn darin gesehen, aber wenn sich jemand freiwillig zur Verfügung stellt bitte annehmen:)