Alarmierende Befunde

15. August 2019 20:55; Akt: 15.08.2019 20:55 Print

Versorger befürchten hohe Kosten wegen Pestiziden

Wegen Pestiziden und Abbauprodukten im Grundwasser ist das Trinkwasser gefährdet. Versorger müssen aufrüsten – und werden politisch aktiv.

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Einwandfreies Trinkwasser gehört zum Selbstverständnis der Schweiz. So selbstverständlich sei es aber nicht mehr, warnen Forscher des Bundes. Bei Proben wurden an fast jeder fünften Grundwasser-Messstelle zu hohe Nitratkonzentrationen gemessen – hauptsächlich als Folge von Dünger-Einsatz in der Landwirtschaft. Ausserdem wurden Abbaustoffe von Pestiziden in zum Teil viel zu hoher Konzentration im Grundwasser, der wichtigsten Trinkwasser-Ressource, festgestellt.

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Einige dieser sogenannten Metaboliten sind potenziell krebserregend. Dazu gehören die Abbauprodukte des Fungizids Chlorothalonil. Es soll nun verboten werden. Die Wasserversorger müssen seit einer Woche dafür sorgen, dass eine bestimmte Konzentration der Chlorothalonil-Metaboliten im Trinkwasser nicht überschritten wird.

10 Werke abgeschaltet

Das hat Folgen. Paul Sicher vom Fachverband der Trinkwasserversorger SVGW sagt: «Versorger haben bereits etwa 10 Pumpwerke abgeschaltet, um einwandfreies Trinkwasser gewährleisten zu können.» Die Qualitätskontrolle funktioniere. Meist stehe auf anderen Wegen genügend Wasser zur Verfügung. Die Aufbereitung des Wassers wäre sehr aufwändig: «Mit handelsüblichen Produkten ist das noch nicht möglich.»

Eine weitere Möglichkeit ist, nicht belastetes Wasser beizumischen. «Auch das kostet aber. Es müssen allenfalls Leitungen gezogen werden und neue Infrastruktur aufgebaut werden», sagt Sicher. Der Bund gibt den Versorgern im Fall einer zu hohen Belastung zwei Jahre Zeit, um solche Massnahmen zu ergreifen. «Das ist sehr sportlich», so Sicher.

«Handlungsbedarf ist gestiegen»

Chlorothalonil werde seit 50 Jahren eingesetzt und werde wohl noch jahrzehntelang im Boden zu finden sein. Doch nicht nur die Rückstände des Pflanzenschutzmittels, auch die hohen Nitratkonzentrationen kosten die Versorger. Sie müssen belastetes Grundwasser ebenfalls aufbereiten oder mit weniger belastetem Wasser vermengen. Verschiedenste Sanierungsprojekte in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft und Behörden liefen seit Jahren, sagt Sicher.

«Der Handlungsbedarf für wirksameren Trinkwasserschutz ist nochmals deutlich gestiegen», sagt er. Die Bereiche für Wasserfassungen, in denen das Ausbringen von Pestiziden und Dünger verboten ist, müssten weiter gefasst werden. Nutzungseinschränkungen in den so genannten Zuströmbereichen – also da, wo das Grundwasser gebildet wird – seien notwendig. Auch eine Einschränkung von Pestiziden in privaten Gärten sei prüfenswert.

Unterstützung für Intiativen?

Das könne im Rahmen eines «substanziellen Gegenvorschlags» zu den Pestizid- und Trinkwasser-Initiativen geschehen (siehe Box). «Der Verband erachtet die beiden Initiativen als zu radikal», sagt Sicher. Aber: «Kommt kein substanzieller Gegenvorschlag zustande, ist eine Unterstützung durch uns denkbar.»

Juliane Hollender ist Wissenschaftlerin an der Forschungsanstalt Eawag und beschäftigt sich mit Pestiziden. Deren Abbauprodukte seien mobil und bauten sich zum Teil nur langsam ab, sagt sie. «Ein solches Produkt haben wir in allen unseren Proben gefunden, teils in einer 25-mal höheren Konzentration, als es die Anforderungswerte für Pestizide vorsehen.» Anders als die EU stufe der Bund aber nicht alle Chlorothalonil-Metaboliten als relevant ein.

Probleme für kleiner Anbieter

«Wichtig ist, das Grundwasser flächendeckend zu schützen», sagt Hollender. «Es besteht grosser Handlungsbedarf.» Das betreffe nicht nur die Pestizide. Auch das Nitrat sei mobil und komme durch den Düngeeinsatz in der Landwirtschaft flächendeckend ins Grundwasser.

Mit dem Klimawandel und dem Düngereinsatz könne es gut sein, dass die Konzentration in den nächsten Jahren weiter steigen. Um die Qualität des Trinkwassers brauche man sich keine akuten Sorgen zu machen, aber: «Für die Wasserversorger wird es teurer.» Die Aufbereitung etwa von Pestizid-Abbauprodukten geschehe mit Ozon oder Aktivkohle. «Das ist sehr teuer. Für kleinere Anbieter könnte das Probleme geben.

Bauern wehren sich

Die Bauern weisen die Schuld von sich. Der hohe Nitratwert im Grundwasser lasse sich nicht mit übermässigem Düngen erklären, sagt Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands. Jeder Betrieb müsse eine ausgeglichene Düngerbilanz aufweisen. Die nachgewiesenen Metaboliten von Chlorothalonil wiederum seien ein Abbauprodukt von Pflanzenschutzmitteln, das erst seit kurzem aufgrund neuer Erkenntnisse gemessen werde.

Es sei seit 20 Jahren Aufgabe der Gemeinden und Versorger, die Ausscheidung der Schutzzonen vorzunehmen. Das Bafu und die Kantone kämen ihrer Aufsichtspflicht nicht nach, der Vollzug der Gesetzesgrundlagen bleibe «einfach liegen». Damit wolle man Gesprächen mit Grundeigentümern und Kosten aus dem Weg gehen. «Wir bedauern, dass so viele Grundwasser-Schutzzonen nicht bundesrechtskonform ausgeschieden wurden», so Ritter. «Die heutige Situation ist eigentlich unhaltbar. Die Versorger sollten dringend ihre eigenen Hausaufgaben machen.»

(ehs/ihr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas am 15.08.2019 21:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So kann es nicht weiter gehen

    Im Wasser, im Schnee, überall hat es Zeugs das da nicht hingehört. Wann merken wir endlich dass es so nicht weiter gehen kann?

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  • gugusli am 15.08.2019 21:08 Report Diesen Beitrag melden

    Wie in der Medizin!

    Man bekämpft die Symptome und nicht die Ursache...

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  • S. K. am 15.08.2019 21:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hm

    Der staat vergiftet uns vorsätzlich. Und was machen wir?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sorgen Telefon am 16.08.2019 22:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    prügelt nicht die Bauern allein

    Die Bauern würden wohl gern auf Pflanzenschtzmittel und Dünger verzichten. Wenn das Wörtchen "wenn" nicht wäre. Es ist ein Teufelskreis, den die Bauern nun einmal nicht alleine durchbrechen können. Bei einem Verzicht kann die heutige Standartqualität nicht mehr erreicht werden. Solange der Handel mit minderer Qualität nicht klar kommt, kann sie der Konsumenten ja auch nicht kaufen. Aber viehle wollen sie auch nicht. Der Handel importiert. Zu diesem Schlamassel haben alle beigetragen. Der Handel, die Konsumenten und die Chemischen kräftig am Karren gestossen! Es ist eine Sache die eine gemeinsame Lösungen brauchen.

  • Naturfreund am 16.08.2019 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gülle

    Gülle wer neben einer Wiese lebt merkt das da was nicht mehr stimmt. Dieses Jahr wurde bei uns schon 4 Mal Gegüllt. Das da das Blumen sterben und die damit Verbundene Bienen Problematik nicht das einzige Problem ist drängt sich doch auf! Früher wurde nur 1x im Jahr Gegüllt (wurde mir von vielen alten Menschen erzählt) heute mindestens 3x und oft kurz vor dem Regen. Ich weiss Bauern tun einen wichtigen und harten Job Aber bitte vergesst nicht das unser Land nicht nur Arbeit ist sondern unsere Lebensgrundlage. Wo bleibt die Liebe zum Land, die Führsorge und Achtsamkeit? Mir komnt da immer das Bild in Sinn in dem der Ast auf dem man sitzt abgesägt wird. Ich kenne auch keine Lösung, ich finde aber wir sollten ofen sein Lösungen zu suchen und neue Wege zu gehen. Jeder sollte das wollen.

  • dominik am 16.08.2019 19:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überlegen bevor gesprochen wird

    Bedenklich Warum wird ständig den Bauern die Schuld zugewisen? Der gründe warum Pestizide eingesetzt werden kommen ja durch den Konsument... Ihr wollt Billige makelose und zu jeder jahreszeit erhältliche Lebensmittel denkt mal nach und die Sprüche mit de Subventionen könnt ihr euch auch sparen IHR wollt das so sont wäre es ja schon lange abgeschaft worden

    • Uwe am 16.08.2019 20:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @dominik

      Und deshalb vergiftest du unser Land, schon was von Bio gehört

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  • Laferi am 16.08.2019 19:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überdüngung

    Fangt mal bei den Bauern an, habe das Gefühl die fahren in jeder freien Minute Gülle.

  • Swissgirl am 16.08.2019 18:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Mensch tötet sich langsam selber

    Ja, die Gefahr kommt auf leisen Sohlen. Diese Situation ist unserer Gedankenlosigkeit und unserer Verantwortungslosigkeit geschuldet.