Ohne Grund im Knast

21. Februar 2013 21:21; Akt: 26.02.2013 17:01 Print

«Unser Leid müssen wir mit ins Grab nehmen»

von D. Wild - Ein neues Gesetz soll «administrativ Versorgte» - Menschen, die bis 1981 ohne Begründung ins Gefängnis gesteckt wurden - rehabilitieren. Dies sei auch für zukünftige Generationen wichtig, sagt eine Betroffene.

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Verdingt, versorgt, vergessen: Bis 1981 konnten Menschen in der Schweiz ohne Gerichtsurteil oder psychiatrisches Gutachten weggesperrt werden, sei es wegen «Arbeitsscheu», «lasterhaften Lebenswandels» oder «Liederlichkeit». Offiziell brachten die Behörden die meist Jugendlichen zur «Nacherziehung» in Anstalten, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten.

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So auch Ursula Biondi. Die mittlerweile 62-Jährige wuchs als Italienerin der vierten Generation in Zürich auf. Als rebellierende Jugendliche vom Vater missverstanden und geschlagen, verliebte sie sich mit 16 Jahren in einen sieben Jahre älteren, geschiedenen Schweizer, riss von Zuhause aus, flüchtete mit ihrem Freund nach Italien und wurde schwanger.

Interpol griff die Jugendliche im Ausland auf und schickte sie in die Schweiz zurück, wo man Biondi – ohne dass sie einen wirklichen Gesetzesbruch begangen hätte - «zum Wohl des ungeborenen Kindes» in die Frauenstrafanstalt Hindelbank einlieferte. Ein Jahr verbrachte die junge Frau mit Mörderinnen als «administrativ Versorgte» im Gefängnis, wo sie ihren Sohn zur Welt brachte.

Frau Biondi, sie wurden 1967 ohne Grund ins Gefängnis gesteckt. Können Sie erzählen, wie das war?
Es war schrecklich. Ich und zahlreiche andere Betroffene hatten nichts in der Hand, um uns zu wehren, wurden in Einzelzellen eingeschlossen und komplett von unserem sozialen Umfeld isoliert. Über die Gründe und Dauer der Haft wurden wir im Ungewissen gelassen. Noch heute höre ich die Schreie der verzweifelten Insassinnen, denen die Kinder nach der Geburt weggenommen wurden. Viele hielten die Ohnmacht nicht aus, fügten sich Verletzungen zu oder erhängten sich in ihrer Zelle. Ich war im achten Monat schwanger, als ich Zeugin wurde, wie der Gefängnisdirektor eine Insassin einfach verbluten liess. Das vergesse ich nie.

Nach einem Jahr wurden Sie aus dem Gefängnis entlassen. Wie ging ihr Leben weiter?
Wie alle Betroffenen wurde ich als «Knaschti» stigmatisiert. Vielen gelang es aus diesem Grund nicht, eine Arbeitsstelle zu finden - sie wurden in die Armut getrieben. Mit viel Glück und dank dem Einsehen meiner Eltern landete ich mit damals 18 Jahren nicht auf der Strasse. Weniger Glück hatten andere Opfer. Teilweise wurde den «administrativ Versorgten» sogar die Waisenrente vorzeitig entzogen, um den Aufenthalt im Gefängnis zu bezahlen - für den Staat waren wir ein lukratives Geschäft.

Morgen steht ein Gesetzesentwurf zur Vernehmlassung, der eine Rehabilitation der «administrativ Versorgten» vorsieht. Was bedeutet dieser Schritt für die Betroffenen?
Eine gesetzliche Rehabilitation würde die Anerkennung liefern, dass die Behörden uns damals Unrecht taten. Das ist nicht nur wichtig für die Opfer, sondern soll auch präventiv als Mahnmal wirken - für zukünftige Generationen. Dieses schwarze Kapitel in der Schweizer Geschichte darf sich nicht wiederholen.

Reicht eine Rehabilitation oder braucht es eine finanzielle Entschädigung?
Die seelischen Verletzungen haben über Generationen hinweg eine zerstörerische Wirkung entfaltet. Die Betroffenen, die nicht daran zerbrochen sind, leben jetzt in sehr ärmlichen Verhältnissen. Für sie muss ein Härtefall-Fonds als unterstützende Massnahme eingerichtet werden. Die Wunden werden trotzdem nicht heilen, unser Leid müssen wir mit ins Grab nehmen.

Die SVP hält die Vernehmlassung für unnötig. Was ist ihre Meinung dazu?
Sie scheinen keinen blassen Dunst von den Verbrechen, die an uns begangen wurden, zu haben. Den «administrativ versorgten» Menschen wurde bisher keine Seite in einem historischen Buch gewidmet. Scheitert der Gesetzesentwurf, werden die Tatsachen weiter unter den Tisch gekehrt.

Was meinen Sie - sollen die Betroffenen finanziell entschädigt werden? Diskutieren Sie mit.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Walti Emmisberger am 24.02.2013 17:10 Report Diesen Beitrag melden

    Ich begegnete schon einigen Betroffenen

    Die Folgen für die meisten Betroffenen sind verheerend. Für sie war ihre Kindheit und Jugend ein totaler körperlicher und psychischer Terror. Viele sind heute so stark traumatisiert, dass sie immer noch glauben alles falsch zu machen und alles Missgeschick und Elend sei ihre Schuld. Ich begegnete schon einigen Betroffenen, oder sie waren zu Besuch bei mir zu Hause. War es ein Verdingkind oder ein Heimkind, es war ihr Gesichtsausdruck und ihre Haltung. Ich sah schon bei der ersten Begegnung wie zerbrochen sie sind.

  • David S. am 21.02.2013 21:40 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz

    Zu realisieren, dass es bis vor etwas mehr als 30 Jahren, selbst in der Schweiz, noch möglich war Menschen ohne Gerichtsprozess auf unbestimmte Dauer ein zu sperren und "um zu eriziehen", macht mich doch sehr nachdenklich. Wir müssen uns an solche Dinge erinnern und sicherstellen, dass wir NIE wieder etwas solches machen können.

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  • User01 am 22.02.2013 13:23 Report Diesen Beitrag melden

    das gleiche geschieht heuete mit der IV

    jetzt wollen wir wieder gut machen was wir damals angerichtet haben. Heute macht man das gleiche mit IV-Rentnern, man nimmt ihnen die Rente und lässt sie vom Sozialamt leben am untersten Ende an welcher sie mehr und mehr gedemütigt werden. Was ist in 10 Jahren? Wollen wir dann auch mit Geld das wieder gut machen? Bitte einmal weiter denken und auch die heutige Zeit berücksichtigen. Denn diese Gesellschaft sollte sich schämen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Walti Emmisberger am 24.02.2013 17:10 Report Diesen Beitrag melden

    Ich begegnete schon einigen Betroffenen

    Die Folgen für die meisten Betroffenen sind verheerend. Für sie war ihre Kindheit und Jugend ein totaler körperlicher und psychischer Terror. Viele sind heute so stark traumatisiert, dass sie immer noch glauben alles falsch zu machen und alles Missgeschick und Elend sei ihre Schuld. Ich begegnete schon einigen Betroffenen, oder sie waren zu Besuch bei mir zu Hause. War es ein Verdingkind oder ein Heimkind, es war ihr Gesichtsausdruck und ihre Haltung. Ich sah schon bei der ersten Begegnung wie zerbrochen sie sind.

  • Martha am 24.02.2013 12:57 Report Diesen Beitrag melden

    Kindeskinder

    Längst hätten die Betroffenen entschädigt werden müssen. Längst hätte ein Fonds eingerichtet werden müssen. "Die Kinder der Landstrasse" wurden aufgearbeitet. Die Verdingkinder und die Versorgten speist man ab mit einer lächerlichen Entschuldigung. Die Politik wird dieses Thema nicht mehr unter den Teppich kehren können. Ich hoffe, dass noch viele Kindeskinder, wie ich, stetig weiter kämpfen.

  • Networker am 24.02.2013 12:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aufarbeitung

    Da wurde in unserem Land wirklich einiges verdrängt. Es gehört aufgearbeitet. Fehler müssen zugegeben und eine Entschuldigung ausgesprochen werden. Die Betroffenen und ihre Angehörigen haben sich lange geschämt, darüber zu reden. Gut, dass sie es nun tun. Und wir sollten nicht weghören...

  • Hugi Hugentobler am 24.02.2013 10:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich habe Unrecht erfahren - ich möchte Geld!!

    Und dann gibt es auch noch diese Menschen, welche sich zur besagten Zeit an die damaligen Gesetze gehalten haben, ihrer allenfalls schon damals unterbezahlten Arbeit nachgegangen sind, mit bescheidenen Beiträgen unser Sozialsystem unterstützt habe, ihre Steuern bezahlt haben und heute auch nur von der AHV leben müssen ... und siehe da, diese schreien nicht nach Gerechtigkeit und einem Fond um noch etwas Profit aus der damaligen Situation zu pressen.

  • Sylvia am 24.02.2013 09:10 Report Diesen Beitrag melden

    Die Nachfolgen

    Die Verdingung meiner Mutter, welche seither an einer schweren psychischen Krankheit leidet, hat unsere ganze Familie zerstört. Die Menschenrechte dieser Menschen sind komplett ignoriert und mit Füssen getreten worden. Jeder Politiker, der sich gegen eine Entschädigung ausspricht, soll in einem Stall wohnen müssen und nur Essen erhalten, wenn er oder sie hart auf dem Feld gearbeitet hat. Von der Aussichtslosigkeit im Leben, ohne Chance auf Ausbildung, reden wir erst gar nicht.