Video gegen Gewalt in der Erziehung

17. November 2018 20:31; Akt: 17.11.2018 20:31 Print

«Unser Papi leert ein Glas Wasser auf uns»

Mehrere Kinder erzählen in einem viralen Facebook-Video des Kinderschutzes Schweiz, wie ihre Eltern sie bestrafen, wenn sie etwas falsch machen. Der Film soll aufrütteln.

Mehrere Kinder erzählen in einem Video des Kinderschutzes Schweiz, wie ihre Eltern sie bestrafen, wenn sie etwas falsch machen. (Quelle: Kinderschutz Schweiz)

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«Wenn sie wütend ist, schreit sie manchmal, und ich dann auch», sagt ein kleines Mädchen. Und zwei Jungs über ihren Vater: «Er nimmt ein Glas, füllt es mit Wasser und leert es über uns aus.» Und ein Mädchen: «Sie nehmen mich manchmal an den Haaren.» In einem kurzen Film aus der neuen Kampagne «Ideen von starken Kindern für starke Eltern – Es gibt immer eine Alternative zur Gewalt» der Organisation Kinderschutz Schweiz erzählen Kinder, wie ihre Eltern reagieren, wenn sie nicht gehorchen oder etwas angestellt haben.

Durch das Video wird klar, dass auch heute noch Eltern in stressigen Situationen auf psychische oder physische Bestrafungen als Erziehungsmittel zurückgreifen. Dies belegt auch die neueste Studie der Universität Freiburg. Daraus geht hervor, dass von den über 1,2 Millionen Schweizer Kindern zwischen 1 und 15 mehr als 550'000 schon körperliche Strafen erlebt haben.

«Eltern wollen ein Gefühl der Genugtuung erlangen»

Auslöser für die elterliche Bestrafung seien meist alltägliche Situationen, erklärt Xenia Schlegel, Geschäftsleiterin Kinderschutz Schweiz. «Probleme im Geschäft, Spannungen in der Beziehung, finanzielle Sorgen, Stress und Krankheit – die Liste der Sorgen und Nöte ist lang. Und dann noch ein Kind, das nicht macht, was man will.»

Laut Dominik Schöbi, Leiter der Klinischen Familienpsychologie an der Universität Freiburg, bestrafen Eltern ihre Kinder in erster Linie, weil sie bei ihnen ein Fehlverhalten feststellen. «Sie wollen dem Kind zeigen, dass sein Verhalten falsch ist, und es veranlassen, dieses zu ändern.» Oft diene die Bestrafung aber auch einfach dazu, die eigenen negativen Gefühle zu bewältigen und ein Gefühl der Genugtuung zu erlangen. «Vor allem in solchen Situationen kommt leider oft Gewalt ins Spiel.»

Wenn Kinder psychisch oder physisch bestraft werden, lernen sie vor allem zwei Dinge, so Schöbi: «Erstens, dass die Welt – bis in die Familie und die engsten Beziehungen hinein – potenziell gefährlich ist. Unberechenbar und nicht vollständig vertrauenswürdig.» Dies habe zur Folge, dass das Kind ein niedriges Selbstwertgefühl habe, schlechte Schulnoten nach Hause bringe oder später im Beruf weniger erfolgreich sei. Zudem könne die Bestrafung zu Beziehungsproblemen im Erwachsenenalter führen. Auch das Risiko für psychische Störungen sei höher. «Zweitens lernen die Kinder, dass es in Ordnung ist, in problematischen Situationen anderen psychische und physische Schmerzen zu bereiten», erklärt Schöbi. «Zusammengenommen können diese Aspekte dann auch dazu führen, dass solche Kinder später selbst wahrscheinlicher Gewalt gegenüber anderen anwenden, aber möglicherweise auch selbst eher Opfer von Gewalt werden.»

Video über 170'000-mal angeschaut

Das Video bewegt. Auf der Facebookseite von Kinderschutz Schweiz wurde es in knapp einem Monat bereits über 173'000-mal aufgerufen. Insgesamt sei es bereits über eine halbe Million Mal auf den verschiedenen Social Media-Kanälen angeschaut worden. «Wir erhalten sehr viele positive Rückmeldung von Erwachsenen, die als Kinder geschlagen wurden oder unter psychischer Gewalt durch ihre Eltern gelitten haben. Ihre Geschichten und ihr Dank für das Aufgreifen des Themas berühren mich sehr», sagt Schlegel. «Umgekehrt erhalten wir Mails von Müttern und Vätern, die sagen: ‹Es ginge halt nicht anders.›.»

Mit der Kampagne habe man genau diese vorherrschende soziale Norm «Es muss halt manchmal sein» ansprechen wollen – ohne diese zu verurteilen oder zu kriminalisieren. Schlegel: «Es ist Zeit für einen nachhaltigen Wertewandel in der Schweiz. Kinder brauchen keine Schläge und Herabsetzungen, um tolle Erwachsene zu werden.»

Politik stehe in der Verantwortung

Der Film berührt auch SP-Nationalrätin Yvonne Feri: «Die Augen und die Mimik der Kinder im Film sagen mehr als tausend Worte. Es macht mich traurig, dass auch heute noch in der Schweiz jedes zweite Kind von Gewalt in der Erziehung betroffen ist.» Als ehemals alleinerziehende und berufstätige Mutter zweier Töchter liege ihr das Thema Erziehung besonders am Herzen: «Auch ich bin im Alltag oft an meine Grenzen gestossen und kenne die täglichen Herausforderungen von Eltern nur allzu gut. In schwierigen Zeiten hat es mir sehr geholfen, mich zu bewegen.»

(qll)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Grisuu am 17.11.2018 20:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Echt jetzt??

    Das ist also heut zu Tage Gewalt in der Erziehung? An den Ohren ziehen und laut werden? Was war den das was ich als Kind zur Bestrafung bekommen hab? Meine Güte.

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  • simon kolb am 17.11.2018 20:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    echt jetzt

    hallo erziehung ist sache der fder eltern und nicht der medien!

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  • FRL-Myke am 17.11.2018 20:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es geht anders

    Ohne physische oder psychische Gewalt heisst nicht automatisch antiautoritär. Kinder brauchen natürlich Grenzen und Regeln aber ohne Gewalt. Es geht immer anders, bedeutet halt mehr Aufwand der sich aber lohnt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Diana am 19.11.2018 14:51 Report Diesen Beitrag melden

    Wie eine Sirene

    Meine Mutter schrie mich immer an wenn ich die Hausaufgaben nicht auf Anhieb verstand, es tat mir in den Ohren schrecklich weh, sodass ich sie mir zuhalten musste. Hab mir gewünscht, einfach eine "Flättere" zu erhalten und dann ist gut.

  • Päscu am 19.11.2018 14:40 Report Diesen Beitrag melden

    Bei manchen Kindern ist es nötig

    Meine Eltern mussten bei mir und meinem Bruder wahrscheinlich zwischen Ritalin und hart Handanlegen entscheiden. Haare reissen und Gürtel waren bei uns an der Tagesordnung, wobei es nie aus dem nichts kam. Wir wurden immer gewarnt, mehrmals, und forderten es trotzdem heraus. Diese harte und nötige Erziehung von uns beiden hat die Liebe und den Respekt zu unseren Eltern nie geschmälert, eher das Gegenteil war der Fall. Meine Eltern sind bis heute die besten Menschen die ich je kennenlernen durfte.

  • Kurt am 19.11.2018 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    Jeder weisse es besser

    Wenn jeder seine Kinder so erziehen würde, wie er die des Nachbars gerne täte, wären alle Kinder gut erzogen:-)

  • baba am 19.11.2018 12:58 Report Diesen Beitrag melden

    Lösungen bitte

    Ich bin absolut gegen Gewalt egal ob an Kindern oder Erwachsenen. Aber wo fängt Gewalt an? Schon bei einer lauteren Stimme? Wie soll man den einem Kleinkind sonst beibringen wenn was ernst ist? Wenn ich lieb mit ihm spreche nimmt es mein Nein so hin wie wenn ich ihm sage du bist aber ein lieber. Und manchmal kommt man nervlich einfach an seine Grenzen als Erwachsener. Statt immer nur zu kritisieren sollten mal vernünftige Lösungen gezeigt werden die auch wirklich funktionieren bei einem total Verweigerer....

  • Wulline am 19.11.2018 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    Glas Wasser

    Das geht mir ein wenig zu weit, Eltern sind auch nur Menschen. Was tut dem Kind ein Glas Wasser denn?