Beziehung und Kulturkreis

16. Januar 2020 11:23; Akt: 16.01.2020 11:23 Print

«Unterschiede können interessant sein»

In der Schweiz lebende Personen führen immer weniger kulturell durchmischte Beziehungen. Leser sagen, was sie an gemischtnationalen Beziehungen mögen oder nicht.

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Saai P. sagt: «Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, meine Eltern sind aus Thailand. Mein Freund Aviv ist halb Jemenit, halb Schweizer. Wir passen prima zusammen, auch weil wir beide nicht gläubig, dafür weltoffen sind.» «Doch zu Beginn war es hart, wegen unserer unterschiedlichen ethnischen Hintergründe. Wir hatten oft Differenzen, weil wir die Dinge immer aus der eigenen Perspektive interpretierten», so P. (Symbolbild) «Doch die Reibungen haben uns letztlich gutgetan. Wir lernten im Dialog, dem anderen genau zuzuhören und dadurch den Blickwinkel des Gegenübers zu verstehen», sagt P. (Symbolbild) Aline H. sagt: «Ich bin seit vier Jahren mit meinem Freund zusammen. Er ist Kosovare. Uns ist die Herkunft egal, solange wir uns gegenseitig respektieren und lieben.» «Natürlich gibt es immer mal wieder Dinge, die wir kulturbedingt anders sehen. Aber genau das ist interessant und öffnet die Augen für Neues. So lernte ich von meinem Freund, wie wichtig Familie ist, was ich zuvor einfach als selbstverständlich hinnahm», so H. (Symbolbild) «Doch leider ist seine Familie nicht mit mir einverstanden, da ich nicht aus seinem Kulturkreis stamme. Das ist für meinen Freund schwierig», sagt H. (Symbolbild) L. A. sagt: «Ich bin Süditaliener, ebenso die Eltern meiner Freundin. Wegen unserer Erziehung sind wir uns kulturell und mental sehr ähnlich, natürlich mit viel Schweizerischem darin. Ich fühle mich mit ihr verbunden». (Symbolbild) «Von der Esskultur über Beziehungsvorstellungen bis hin zur Zukunfts- und Familienplanung stimmt alles. Vor dieser Beziehung hatte ich Freundinnen mit anderem Migrationshintergrund», so A. (Symbolbild) «Da gab es deutlich mehr Unstimmigkeiten, beispielsweise bei der Zukunfts- und Familienplanung. Ich bin grundsätzlich offen, aber ich denke, dass Beziehungen mit gleichem kulturellen Hintergrund besser funktionieren», so A. (Symbolbild) Unter 40-Jährige sind gegenüber Vielfalt so offen wie nie. Das zeigen Zahlen des Bundes. Ihre Partner suchen sie aber immer öfter im gleichen Kulturkreis. (Symbolbild)

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Die jüngeren Generationen seien zwar so tolerant wie keine zuvor, doch diese Offenheit ende bei der Paarfindung und der Heirat. Zu diesem Schluss kommt Dirk Baier, der an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) forscht. Er hat Jugendliche daraufhin befragt, ob und wieso sie unter sich bleiben wollen. 20 Minuten sprach mit Lesern über das Thema.

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L. A. (27): «Ähnliche Vorstellungen vom Leben»

L. A.* (27) ist seit vier Jahren in einer glücklichen Beziehung mit seiner Freundin (26). Seine Eltern sind aus Süditalien eingewandert. Auch seine Freundin hat süditalienische Wurzeln, allerdings besitzt sie den Schweizer Pass. «Obwohl meine Freundin Schweizerin ist, gaben ihr ihre Eltern in der Erziehung Werte mit, die mit meinen übereinstimmen. Unsere Kultur und Mentalität ist praktisch identisch, natürlich auch mit sehr viel Schweizerischem darin.»

So fühlt er sich mit ihr in fast allen Lebensbelangen verbunden: Von der Esskultur über Beziehungsvorstellungen bis hin zur Zukunfts- und Familienplanung sei alles stimmig.

Dies sei in früheren Beziehungen nicht immer so gewesen, so A. «Ich hatte einige Exfreundinnen mit anderem Migrationshintergrund, und da kam es zu viel mehr Unstimmigkeiten.» Differenzen habe es da etwa bei Vorstellungen zu Kindererziehung gegeben. «Eine frühere Partnerin hatte es völlig normal gefunden, dass sie auch später, wenn wir Kinder hätten, für ein Jahr oder so allein ins Ausland geht. Meine Einstellung dazu hat nicht gezählt», sagt er.

Für A. wiederum ist es wichtig, dass eine Beziehung auf gegenseitiger Rücksichtnahme aufbaue. Aufgrund früherer Beziehungserfahrungen sagt er: «Ich bin grundsätzlich offen für alles, aber ich denke, dass das Zusammenleben mit gleichem kulturellem Hintergrund viel besser funktioniert.»

Aline H. (22): «Unterschiede sind interessant»

Aline H. (22) ist Schweizerin und führt seit vier Jahren eine Beziehung mit ihrem aus Kosovo stammenden Freund (27). Sie sagt: «Uns ist die Herkunft egal, solange wir uns gegenseitig respektieren und lieben.»

Natürlich gebe es immer mal wieder auch Dinge, die sie aufgrund ihres unterschiedlichen Kulturkreises anders sähen. «Aber genau das kann interessant sein und einem die Augen für Neues öffnen.» So habe sie von ihrem Freund gelernt, wie wichtig Familie sei, was sie früher immer als selbstverständlich hingenommen habe.

Leider sei aber die Familie ihres Freundes anderer Ansicht, was ihre Beziehung anbelange. «Seine Familie ist nicht mit mir einverstanden, da ich nicht aus seinem Kulturkreis stamme», sagt H. Deshalb wolle seine Familie nichts mit ihr zu tun haben.

«Das ist natürlich auch für meinen Freund schwierig.» Ihre Familie sei anders strukturiert als seine und pflege einen anderen Umgang miteinander. «Mein Freund schätzt das wiederum auch, dass er bei uns einfach willkommen ist.»

Saai P. (22): «Das erste Jahr war hart»

Saai P. (22) ist in der Schweiz aufgewachsen. Ihre Familie stammt aus Thailand. Sie ist seit eineinhalb Jahren mit ihrem Freund Aviv zusammen. Dieser ist zur Hälfte Jemenit, zur Hälfte Schweizer. P. sagt, sie würden eine glückliche und respektvolle Beziehung führen. «Wir passen prima zusammen, auch weil wir beide nicht gläubig, dafür weltoffen sind.»

Allerdings sei das erste halbe Jahr Beziehung sehr hart gewesen: «Da wir beide mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen aufgewachsen sind, hat jeder seinen eigenen Rucksack.» Zu Beginn hätten sie oft Differenzen gehabt, weil sie Dinge nur immer aus der eigenen Perspektive betrachtet hätten.

«Aufgrund meiner kulturellen Erziehung konnte ich beispielsweise zu Beginn keinerlei Hilfe annehmen», so P. Sie habe immer abgelehnt, wenn ihr Freund sie bei etwas habe unterstützen wollen. «Doch die Differenzen haben uns letztlich gutgetan. Wir lernten im Dialog, dem anderen genau zuzuhören und dadurch den Blickwinkel des Gegenübers zu verstehen.»

Grundsätzlich seien Beziehungen wahrscheinlich immer schwieriger, wenn die Partner aus unterschiedlichen Kulturen kommen, so P. «Das Wichtigste ist, dass man nicht aufgibt bei Differenzen, miteinander redet. Dann kann es auch ein Vorteil sein.»

*Name der Redaktion bekannt

(ihr)