Sektenexperte

25. Februar 2019 16:47; Akt: 25.02.2019 18:29 Print

«Uriella wurde geliebt und gefürchtet»

Kurz nach ihrem 90. Geburtstag ist Uriella gestorben. Sektenexperte Georg Schmid kannte das geistige Oberhaupt der Sekte Fiat Lux persönlich.

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Die Schweizer Sektenführerin Uriella ist tot. Sie ist mit 90 Jahren am Sonntagnachmittag gestorben. Die Traueranzeige. Mit bürgerlichem Namen hiess Uriella Erika Bertschinger-Eicke. Sie ist die Gründerin der Sekte Fiat Lux. Der Name «Uriella» soll wohl auf den Engel Uriel anspielen. Im Gedankengut der Sekte sind aber nicht nur christliche Themen vertreten. Auch Elemente des Ufo-Glaubens spielen eine wichtige Rolle. Die Sektenmitglieder tragen in Nachahmung ihrer Chefin ausnahmslos weisse Kleider. Weiss, die Farbe der Unschuld: Doch des Öfteren musste sich Uriella in Deutschland und in der Schweiz vor Gericht verantworten. Am 6. Mai 1996 fand sich Uriella vor Gericht – wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung in zwei Fällen. 1988 starb laut Anklage eine an Mittelohrentzündung erkrankte, schwangere Frau an einer Hirnhautentzündung. Eine zweite, die einen entzündeten Finger hatte, soll ebenfalls aufgrund unterbliebener ärztlicher Hilfe gestorben sein. Uriella wurde allerdings freigesprochen. Am 7. September 1998 muss sich die selbsternannte Geistheilerin erneut vor Gericht verantworten – diesmal wegen Steuerhinterziehung. Sie wird zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt. Am 3. April 2000 trat sie im Häbse-Theater in Basel zusammen mit Mike Shiva auf. Dazu stiessen sie bei einem «Esoterik-Apéro» an. Am 14. April 2000 trat sie in der Sendung «Arena» zum Thema «Sekten – Macht und Ohnmacht» auf. Dort erzählte sie, dass sie nach einem Sturz vom Pferd 1973 «erleuchtet» worden sei. Seither empfange sie als Uriella Botschaften von Jesus und der Mutter Gottes. Dafür falle sie regelmässig in Trance. Gesundheitlich sei es Uriella schon seit Jahren schlecht gegangen. Seit neun Jahren sei sie von der Hüfte abwärts gelähmt und bettlägerig gewesen. Verheiratet war Uriella mit Eberhard Bertschinger Eicke, der sich selbst «Icordo» nennt. Am 23. Februar 2000 hatte Icordo einen ikonischen Auftritt bei «Viktors Spätprogramm» als «Mr. Tomato». Hier sind Uriella und ihr Mann Icordo 1994 in ihrem Haus in Egg ZH zu sehen. Die Sekte Fiat Lux wurde in Egg gegründet. Dort begann sie auch mit ihren Geistheilungen. Mit solchen Flyern warben Uriella und Icordo 1999 für die Gemeindewahl. Bekannt war Uriella auch aufgrund ihrer Weltuntergangstheorien. So sagte sie voraus, dass im August 1998 ein wichtiges Regierungsoberhaupt ermordet werden würde. Danach komme es zum Weltbörsencrash, der die Weltwirtschaft und alle Computer lahmlegen solle, und schliesslich folge der Einmarsch der Russen in Deutschland. Drei Monate später werde ein Meteorit in die Nordsee fallen. Es werde nicht gelingen, den Meteoriten mit Atomwaffen von seiner Bahn abzulenken, da Engel den Himmelskörper mit magnetischen Kraftstrahlen steuern würden. Der Aufprall führe zu einer mehreren hundert Meter hohen Flutwelle, die sich ausbreite und Kalifornien mit Los Angeles und Hollywood zerstören würde. Dies ist nur eines von vielen Weltuntergangsszenarien, die sie voraussagte. Eines bleibt aber bei allen gleich: Die Anhänger von Fiat Lux sollen vor dem Weltuntergang von Ausserirdischen in Raumschiffen gerettet werden.

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Im Alter von 90. Jahren ist Uriella am Sonntagnachmittag gestorben. Dies berichtet der «Südkurier». Sektenexperte Georg Schmid zeigt sich wenig überrascht: «Uriella war seit Jahren krank.» Er kannte das geistige Oberhaupt der Sekte Fiat Lux: «Persönlich empfand ich Uriella immer als tragische Figur. Ich hatte das Gefühl, dass sie irgendwie auf der Flucht war. Flucht aus der Realität hinein in ihren Traum. Manche Ängste jagten sie: vor den nahen Katastrophen, vor falschem Essen, vor Medikamenten und so weiter.»

Schmid ist bewusst, dass Uriella für die Fiat-Lux-Anhänger die Rettung in Person darstellt: «Für die Fiat-Lux-Mitglieder war sie jedoch die Lichtgestalt in unserer apokalyptisch gedeuteten Gegenwart. Sie versprach den Übergang aus dieser gegenwärtigen dunklen Welt in die gereinigte, neue Welt.» Uriella habe als Heilerin und als Sprachrohr Gottes unendliches Vertrauen genossen. Schmid: «Für Aussenstehende, die sie lose kennenlernten, war sie eine harmlose Märchenfee, oft auch eine mit Augen zwinkernde Lachnummer, geschmückt wie ein Christbaum.»

Erst durch eine intensive Beschäftigung mit Uriellas Person hätten sich die Schattenseiten ihrer Bewegung gezeigt: «Uriella wurde nicht nur geliebt, sondern auch gefürchtet.» Sie habe ihre Gemeinschaft fest im Griff gehabt. So seien ihre Essensvorschriften und andere Regeln göttliches Gebot gewesen.

«Alles hängt nun von Icordo ab»

Welche Bedeutung Uriellas Tod für die Fiat-Lux-Anhänger habe, hänge davon ab, wie die Gemeinschaft auf diesen Tod vorbereitet worden sei. «Falls man intern immer noch mit einer Heilung
rechnete, dann ist jetzt die Ernüchterung gross», erklärt Schmid. «Falls man aber schon seit einiger Zeit überzeugt ist, dass Uriella in die reine Welt Amora vorausgeht und ihre Getreuen bald mitnimmt, dann wird sich die kleine Gemeinschaft noch einige Zeit erhalten.»

Ob die Fiat-Lux-Gemeinschaft erhalten bleibe, hänge stark von Icordo, dem Ehemann von Uriella, ab. «Er ist jetzt die alles bestimmende Autorität», erklärt Schmid, «ich vermute, dass es Icordo gelingen wird, die kleine Gemeinschaft durch diese Krise des Abschieds hindurchzuführen und die Hoffnung auf die neue, lichtvolle Welt aufrechtzuerhalten».

Laut Schmid schare sich die Gemeinschaft jetzt im Hinblick auf die Beerdigung von Uriella vermutlich intensiver um Icordo: «Man bestätigt sich gegenseitig und feiert den Abschied von Uriella als weiteren, gottgewollten Schrift auf dem Weg in die neue Welt. Uriella hat sich nach Ansicht der Eingeweihten nie getäuscht. Also ist auch ihr Tod kein Unglück, sondern vom Himmel so vorgesehen.»

(qll)