Homosexuelle Migranten

13. April 2015 10:19; Akt: 13.04.2015 11:02 Print

«Vater hätte lieber Krebs als einen schwulen Sohn»

Wie leben türkische oder kosovarische Schwule in der Schweiz? Zwei Männer erzählen.

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Weil der Libanese Nasser El-A. schwul ist, wurde er von Mitgliedern seiner Familie misshandelt und entführt. (Bild: Keystone/Benrd von Jutrczenka)

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Die Geschichte des heute 18-jährigen Libanesen Nasser El-A. schlug hohe Wellen. Nasser wollte so sein, wie er ist: schwul. Seine konservative Familie konnte das aber nicht akzeptieren. Sie betrachtet Homosexualität als Sünde und Schande für die ganze Familie. Deshalb misshandelten und entführten sein Vater und zwei Onkel den damals minderjährigen Jungen im Dezember 2012 für zwei Tage. Die Männer wollten ihn in Libanon mit einem Mädchen zwangsverheiraten. Erst an der bulgarisch-rumänischen Grenze wurden sie gestoppt.

Schätzungen zufolge sind 4 bis 10 Prozent der Schweizer Bevölkerung schwul, bisexuell oder lesbisch. Unter ihnen sind auch Einwanderer, die wie Nasser aus konservativen Familien stammen. 20 Minuten hat sich mit zwei Homosexuellen aus dem Kosovo und der Türkei unterhalten.

Erkan Yalcin*, 34: «Mein Vater hätte lieber Krebs als einen schwulen Sohn»

Erkan Yalcin lebt in der Region Zürich und ist im Gesundheitswesen tätig. «Ich spürte bereits im Kindergarten, dass ich anders bin», so Yalcin. So richtig schwierig wurde es dann in der Pubertät: «Ich hatte Angst, was meine türkischen Kollegen sagen könnten, wenn sie es merken würden», so der 34-Jährige. «Würden sie mich ausgrenzen oder gar schlagen?» Auch habe er sich in dieser Zeit für seine Gefühle geschämt. «Die Sexualität allein ist schon intim», so Yalcin. «Wenn dann noch etwas anderes hinzukommt oder schiefläuft, dreht man durch.» Deshalb habe er sich zurückgezogen und in einer eigenen Welt gelebt.

Um den ständigen Fragen seiner Mutter nach einer Freundin und dem damit verbundenen Stress zu entgehen, reiste der damals 19-Jährige für einen sechsmonatigen Sprachaufenthalt nach Kanada. «Am Tag meiner Heimkehr in die Schweiz habe ich es dann meiner Mutter erzählt», so Yalcin. «Sie war so traurig und hat geweint.» Auch habe sie ihm gesagt: «Wenn das dein Vater hört, wird es sein Herz brechen.» Am nächsten Tag habe dieser erst geschrien und dann auch geweint: «Er sagte mir, es wäre für ihn viel einfacher gewesen, ein Bein zu verlieren oder Krebs zu bekommen, als zu hören, dass sein Sohn schwul sei», so Yalcin.

Zwar habe es über zehn Jahre gedauert, schlussendlich hätten seine Eltern akzeptiert, dass ihr Sohn homosexuell ist. «Ich hatte Glück», so Yalcin. «Nun kann ich meinen Freund auch mit nach Hause nehmen.» Nur weil es aber seine Eltern wissen, würde er es nicht gleich allen zeigen: «Tante, Onkel und andere sollen es nicht erfahren.» Deshalb würde er mit seinem Freund auch niemals Händchen haltend in der Türkei spazieren gehen. «In der Schweiz kann ich das überall tun», so Yalcin. «Aber auch hier schauen die Menschen uns manchmal fassungslos an oder Kinder zeigen mit dem Finger auf uns. Auch hier gibt es Schwulenhasser.»

Don Alijaj*, 24: «Im Kosovo haben Schwule kaum Möglichkeiten, Gleichgesinnte zu treffen»

«Mit 16 spürte ich, dass ich anders bin», erzählt der Kosovare Don Alijaj, der in der Region Basel lebt. «Ich begann, anderen Jungs hinterherzuschauen und sie attraktiv zu finden.» Irgendwann einmal habe er aus Neugier Pornos mit Homosexuellen angeschaut und gemerkt, dass sie ihn erregten. Daraufhin habe er begonnen, auf verschiedenen Seiten zu chatten und kam so mehr und mehr in Kontakt mit homosexuellen Männern. «Ich wollte für mich selber herausfinden, wie ich empfinde», so Alijaj. «Deshalb habe ich mich mit einer Internet-Bekanntschaft getroffen.»

Da es sich aber für ihn so falsch anfühlte, hörte er mit diesen Treffen auf und begann wieder Frauen zu daten. Bis ihn dann seine Freundin vor die Wahl stellte: «Entweder heiratest du mich oder wir trennen uns.» Alijaj trennte sich von ihr: «Die Enttäuschung war so gross, dass ich nie wieder Frauen treffen wollte.» Durch diese neue Situation sei seine Neigung plötzlich wieder präsenter gewesen. «Ich will nicht sagen, dass ich meine Gefühle während der Zeit mit ihr ganz vergessen habe», so Alijaj. «Nur wollte ich sie nicht zulassen, weil ich sie damals als falsch und krank empfand.» Laut Alijaj habe es lange gedauert, bis er sich selber so annehmen konnte, wie er ist.

Alijaj hat sich aber noch nicht geoutet: «Ich traue mich nicht, weil ich Angst vor der Reaktion meiner Eltern habe.» Er ist sich sicher, dass sie ihn verstossen würden. «Das Gesicht der Familie zu bewahren, ist das A und O bei uns. Ich möchte meiner Familie keine Schande bereiten.» Unter seinen Landsleuten gebe es zwar viele Homosexuelle – kaum einer habe sich aber geoutet, so Alijaj weiter.

Trotzdem sei es für homosexuelle Kosovaren in der Schweiz einfacher als in der Heimat: «Im Kosovo haben Schwule kaum Möglichkeiten, Gleichgesinnte zu treffen. Dort werden Schwule als ekelhaft empfunden und man ist sich sicher, dass sie alle Aids haben.» In der Schweiz hingegen treffe er auf Gay-Partys viele seiner Landsleute, die homosexuell sind. «Sie müssen das auch vor ihrer Familie verheimlichen.» Viele von ihnen würden deshalb eine «zurückgebliebene» Frau aus dem Kosovo heiraten und in die Schweiz bringen. «Die Frauen sitzen dann ahnungslos zu Hause, während der Mann seine Sexualität frei ausleben kann.» Mit wem er seine Zukunft verbringt, ist noch nicht klar: «Männer geben mir Befriedigung», so Alijaj. Damit er seinen Eltern aber die lang ersehnten Enkel schenken könne, müsse er wohl eine Frau heiraten.

* Namen der Redaktion bekannt

(qll)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nico am 13.04.2015 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    Ha - Gay

    Ich bin selber schwul und ich finde in der Schweiz haben wir es supper. Ich halte zwar nich mit meinem Freund Händchen in der Öffentlichkeit, da ich nicht von jedem angeschaut werden muss aber im meinem Umfeld, sei es privat oder geschäftlich bin ich super akzeptiert. Ich hatte nie eine schlechte Erfahrung gemacht. Und ich finde es ist völlig gerechtfertigt, wenn es Menschen gibt, die mit Homosexualität nicht umgehen können oder es "komisch" finden. Ich finde vieles auch komisch und heisse auch nicht gleich alles für gut. Also muss auch nicht jeder schwule gut finden.

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  • Peter B. am 13.04.2015 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Evolutions-Starter-Paket Mann/Frau

    Man sollte zwar nie vergessen, dass das Starter-Kit für die Zivilisation die Beziehung zwischen Mann und Frau ist. Und Homosexualität ist ein Sonderfall, den es aber zu akzeptieren gilt. Klar hätte ich lieber einen hetero-Sohn oder Tochter, man will ja mal richtige Enkel, und keine Adoptiv-Enkel oder künstlich im Labor erzeugten. Aber dies wäre trotzdem kein Grund mein Kind weniger zu lieben.

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  • lauretta am 13.04.2015 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    wie lieblos.

    grosse worte, ich wette, wenn dieser mann krebs bekäme, hätte er seinen homo sohn noch so gerne zurück.... arme seele, mit so einem rückständigen vater. hat doch nichts mit liebe zu tun. ich liebe mein kind, egal wie es ist. egal was die anderen denken. er hat recht, dass er sich zurück zieht. es ist sein leben, nicht das seiner eltern. das sollte er aus dieser geschichte lernen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Samira am 13.04.2015 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Türkinnnnn

    Bitte steht zu eure Neigung und bleibt euch selber treu! Ich kann absolut verstehen das ihr Angst habt euch zu outen und Angst habt vor Reaktionen eurer Familien aber wie lang Kann man sich verstecken und sich anders geben als man ist.

  • Momo am 13.04.2015 13:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glücklichsein

    Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie mal mindestens jemanden finden den sie von Herzen lieben, vertrauen und bei dem sie sich fallen lassen können und der sie liebt, einfach weil sie sie sind. Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle Ausrichtung, Herkunft....mir ist das so egal, Hauptsache ist, dass sie glücklich sind. Ich könnte es mir auch nie verzeihen, wenn sie mit einem "Problem" nicht zu mir kommen, weil sie vor meiner Reaktion Angst haben. Dann hätte ich in meinen Augen in der Erziehung komplett versagt.

  • Bi-Scorpio am 13.04.2015 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Ich finde es ist wirklich sehr, sehr...

    traurig, von diesen Jungen, was sie erlebt haben von ihren Eltern, Väter, etc. Ich selbst habe das selber später auch erfahren von meinen Eltern, als ich mich geoutet hat. War traurig, etc.

  • Silvia am 13.04.2015 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Menschen leben lassen, wie sie es wollen

    Das ist furchtbar, dass im 21. jahrhundert es immer noch sehr viele Menschen gibt, die Probleme haben im Vorhandensein von in diesen Fällen Schwulen, mit dem einzigen Unterschied, dass sie Gleichgeschlechtliche bevorzugen oder lieben. Wir haben nur gute Erfahrungen gemacht und verstehen die nicht, die das immer wieder zum Thema machen müssen und meinen, dass da etwas nicht stimmen würde. Man muss endlich lernen, die Menschen so leben zu lassen, wie sie es wollen.

  • Nino am 13.04.2015 13:38 Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Ich finde es sehr schade, dass die Homosexualität nicht so akzeptiert wird, wie die Heterosexualität. Hat sich vielleicht jemand überlegt, dass dies ein Spiel der Natur ist um vielleicht eine Überbevölkerung zu verhindern ist? Ich weiss es nicht, könnte es mir aber durchaus vorstellen. Die Natur denkt an alles. Meiner Meinung nach wurde den Homophoben unserer Gesellschaft als Kind bereits immer erklärt dass Homosexualität nicht normal ist. Würden wir unseren Kindern erklären dass gleichgeschlechtliche Paare durchaus normal sind, hätten wir die ganzen Disskussionen hier nicht. Es "wäre" normal.