Illegaler Organhandel

22. August 2019 11:36; Akt: 22.08.2019 13:31 Print

«Verkauf mir deine Niere – mein Opa braucht sie»

von Désirée Pomper - Seine Niere zu verkaufen, ist verboten. Doch im Netz profitieren dubiose Figuren von der Not armer Menschen.

Betrüger bieten Hunderttausende Dollar für eine Niere an. Davor aber verlangen sie eine Registrierungsgebühr. (Video: Gilles Brönnimann / Murat Temel)Publikation mit Genehmigung des Interviewten.
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Ein iPhone 4 und ein iPad 2 gegen eine Niere: Diesen Deal ging der 25-jährige Chinese Wang Shangkun als Teenager ein. Doch nun leidet er an einem Nierenversagen und ist ein Pflegefall. Ohne regelmässige Dialyse würde er sterben. Wangs Niere wurde laut Medienberichten auf dem Schwarzmarkt von den Zwischenhändlern an einen Patienten für umgerechnet 28'000 Franken verkauft. Wang selber erhielt 2800 Euro.

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«Verkauf mir deine Niere - mein Opa braucht sie»

Der junge Chinese ist bei weitem nicht der Einzige, der in sozialen Netzwerken seine Nieren anbietet. Zwei, drei Klicks genügen und ich stosse auf Tausende junge, spendenwillige Menschen aus aller Welt. Die Nachrichten sind kurz: Name, Geschlecht, Alter, Blutgruppe, Nichtraucherstatus und Telefonnummer.

Auch Marco Antonio aus Peru will eine Niere verkaufen und sucht Kontakt zu einem Nierenhändler. «Ich brauche dringend Geld. Meine Mutter ist todkrank. Ich habe niemanden mehr in meinem Leben ausser meiner Mutter. Ich will sie nicht verlieren. Bitte helft mir», schreibt der 23-Jährige in einem Forum. Auch Joe (36) aus der philippinischen Hauptstadt Manila bietet auf Facebook eine Niere an. Wir chatten.

Joe: «Als Fahrer verdiene ich nicht genug»


Joe (36) aus Manila ist Taxifahrer.

20 Minuten: Hallo Joe, warum willst du deine Niere verkaufen?
Joe: Ich brauche Geld für meine Familie. Ich lebe in Manila. Meine finanzielle Situation ist schlecht.
20 Minuten: Hast du keine Angst vor den Folgen einer Nierenspende?
Joe: Doch.
20 Minuten: Was machst du beruflich?
Joe: Ich bin nur ein einfacher Taxifahrer … Damit verdiene ich nicht genug Geld. Darum muss ich hart arbeiten. Was ist dein Job?
20 Minunten: Ich bin Journalistin. Joe, bitte verkaufe deine Niere nicht. Damit gefährdest du deine Gesundheit.
Joe: Mach dir keine Sorgen. Ich arbeite hart für meine Familie, damit ich meine Niere nicht verkaufen muss. Bitte, kannst du mir Geld leihen? Mein Cousin ist gestorben. Bitte hilf mir.


Serie: Was für einen Wert hat mein Körper?

Teil 1: Ein Konfibrot für mein Blut
Teil 2: Wie viel zahlst du für mein langes Haar?
Teil 3: 1000 Euro für eine Eizellenspende in Spanien
Teil 4: Das illegale Geschäft dubioser Nierenhändler
Teil 5: «Für eine Stunde Sex gibt es 162 Franken»

Seine Niere zu verkaufen, ist auf der ganzen Welt ausser im Iran verboten. Dennoch werden aufgrund der grossen Nachfrage auf dem Schwarzmarkt Nieren gehandelt (siehe Infobox). Und auch Trittbrettfahrer nutzen die finanzielle Not Bedürftiger gnadenlos aus. Zum Beispiel Dr. Krishna, der auf Facebook mit hohen Summen willige Nierenspender anlockt. Er gibt sich als Arzt des Fortis Hospital in Delhi aus. Das Spital sei auf Nierentransplantation spezialisiert. Für meine Niere bekäme ich einen Maximalbetrag von 430'000 US Dollar, schreibt er per Whatsapp. Die Hälfte davon würde ich vor der Operation bekommen, den Rest danach.


430'000 Dollar für meine Niere? Screenshot: Whatsapp.

«Sie wären die erste Person aus der Schweiz. Viele kommen aus den USA, Kanada, Südafrika und Malaysia», schreibt Dr. Krishna. Wann ich denn zu kommen gedenke? Hier schon mal die Adresse: AA-299, Shaheed Udham Singh Marg, AA Block, Poorbi Shalimar Bag, Delhi, India. Dann verlangt Dr. Krishna eine Registrierungsgebühr von 180 Dollar.

Dr. David Kapoor, der in den sozialen Medien ebenfalls sehr präsent ist, bietet gar 800'000 Dollar für meine Niere und schickt mir sogleich ein Foto gestapelter Geldscheine.


Ein Geldberg als Beweisfoto. Screenshot: Whatsapp.

«Wir sind auf Nierentransplantationen spezialisiert. Bei uns sind Sie in guten Händen. Sie werden auch nach dem Verkauf Ihrer Niere gesund sein», schreibt er. Die Operation finde in Indien oder in den USA statt. Allerdings müsse ich mich zuerst als Nierenspender registrieren. Das koste mich 350 Euro. Am Telefon erklärt Dr. Kapoor, dass er die Niere für seinen kranken Grossvater brauche.

Die angebotenen Summen übersteigen bei weitem die Höhe der Preise auf dem Schwarzmarkt, die zwischen 2000 und 10'000 Dollar liegen. Es liegt auf der Hand, dass die vermeintlichen Ärzte einzig auf die Registrierungsgebühren abzielen und so die finanzielle Not der ohnehin schon in Armut geratenen Menschen ausnützen wollen. So einfach ist es dann also doch nicht, im Netz an echte Nierenhändler zu gelangen. Zum Glück.

Der Nierenhandel

Der Organhandel ist laut der Organisation Organs Watch ein Milliardengeschäft. Laut Experten erhalten Lebendspender für eine Niere in Rumänien oder Moldawien etwa 2700 Dollar, in Ägypten zwischen 2000 bis 5000 Franken, eine türkische Niere kostet etwa 10'000 Dollar. Der Käufer legt Schätzungen zufolge rund 100'000 Franken für ein Organ auf den Tisch. Die WHO schätzt, dass von den jährlich durchgeführten 65'000 Nierentransplantationen 5 bis 10 Prozent illegal sind.

Organs Watch beschreibt den typischen Empfänger als 48,1 Jahre alt, zum Beispiel wohnhaft in den USA, Saudiarabien, Israel und Australien, männlich und mit einem Jahreseinkommen von 53'000 Dollar. Der typische Spender kommt aus Indien, China, Moldawien und Brasilien, ist 28,9 Jahre alt, männlich und hat ein Jahreseinkommen von 480 Dollar.

Im Kampf gegen den Organhandel ist die Deklaration von Istanbul von 2008 wegweisend. Unter anderem wird gefordert, dass jedes Land durch Aufklärung dafür sorgen soll, dass genügend Organspenden vorhanden sind.

Die Nierenspende ist in der Schweiz legal.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Realist am 22.08.2019 12:12 Report Diesen Beitrag melden

    Tut es nicht!

    Der Mensch BRAUCHT beide Nieren. Es mag oft einigermassen gehen mit einer Niere. Wenn man super gesund und bewusst lebt. Aber fast alle haben im Alter Probleme. Wenn ihr spendet dann nur für jemanden den ihr kennt und der jünger ist. Denkt zweimal nach befor ihr es tut. In ein paar Jahren braucht ihr BEIDE Nieren.

    einklappen einklappen
  • Urs F. am 22.08.2019 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn der Handel verboten ist .....

    wer macht dann in der Schweiz und anderswo mit Nieren etc. das grosse Geschäft - und möchte das Geschäftsfeld mittels eines Spendeobligatoriums noch ausweiten - um noch mehr zu abzukassieren?

    einklappen einklappen
  • Linda am 22.08.2019 13:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einfach nur schrecklich

    Das ist noch der "harmlosere"Teil der Story. Noch schlimmer sind die ganzen Kinder und Jugendliche die wegen ihrer gesunden Organe spurlos verschwinden und verkauft werden. Ich glaube viele Menschen haben keine Ahnung wie düster die Abgründe unserer Gesellschaft eigentlich aussehen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • David am 22.08.2019 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Flüchtlingscamp

    Gut wird wieder mal über die tragische Thematik berichtet. Gibt auch auf Youtube viele Dokus (Arte,...) dazu. Es passiert auch oft, dass in der Nacht Kinder von Flüchtlingscamps entführt werden und ihnen eine Niere entnommen wird. Kinderorgane sind leider die wertvollsten. Mir tun auch die vielen Erwachsene leid, die es "freiwillig" tun, weil sie keinen anderen Weg sehen.

  • luna am 22.08.2019 19:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wenn schon kriminell...

    Ich kann die Angst, dass man mit Organspendeausweis eher sterben gelassen wird, nicht nachvollziehen. Zwar würde ich nicht ausschließen, dass das in Einzelfällen passieren kann. Aber ich glaube kaum, dass jemand, der so weit geht, Hemmungen hätte, einfach einen Spenderausweis zu fälschen.

  • Abdul Rahman am 22.08.2019 18:13 Report Diesen Beitrag melden

    ......

    Im Iran wo es legal ist werden die Nieren zumindest von Profis in echten Spitälern entfernt und im illegalem Handel werden die oft von Ärzten entfernt die ihre Zulassung verloren hatten und dann noch in einem Keller oder Lager unter unhygienischen Zuständen. Das ist ja das grosse Risiko dabei.

  • Dr. Krankenstein am 22.08.2019 17:37 Report Diesen Beitrag melden

    Krokodils-Tränen

    Immer dieser ständige Druck der Transplantations-Industrie auf Alle, unsere Organe zu spenden. Er verbreitet viel Angst unter der gesundheitsbewussten und selbstbestimmenden Bevölkerung und treibt viele "zur Sicherheit" - weil dann die Organe unbrauchbar sind - in den begleiteten oder heimlichen Freitod.

  • Scorpius am 22.08.2019 17:32 Report Diesen Beitrag melden

    Organspender haben ein Recht zu sterben

    Als Organspender lande ich nach einem schwerem Unfall auf dem Seziertisch und dann ist definitiv Feierabend, ansonsten vielleicht jahrelang an irgendwelchen Schläuchen. Es ist schliesslich in unserer Kultur ein lukratives Geschäft das Sterben unter irgendwelchen vorgelogenen ethischen Bedenken zu verlängern. Daher lieber Organe spenden.