Politik greift ein

08. Juli 2019 10:33; Akt: 08.07.2019 10:33 Print

«Verspätungen nehmen zu, weil SBB am Limit ist»

Mehr Ersatzzüge, mehr Lokführer: Wegen vieler Zugverspätungen will die Politik die SBB in die Pflicht nehmen. Aber auch die Bahn selbst wird aktiv.

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Zugausfälle, massive Verspätungen, ausgelassene Haltestellen: Die Pünktlichkeit der SBB liess in den letzten Wochen zu wünschen übrig. Auf den Hauptachsen kamen im Juni teils bis zu 40 Prozent der Züge nicht rechtzeitig an – das zeigt die Auswertung der privaten Plattform puenktlichkeit.ch. Jetzt will die Politik eingreifen. Für SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher ist das ÖV-Netz ausgereizt und anfällig. «Aber dass die SBB bei Verspätungen gewisse Zughalte einfach auslässt oder Ersatzzüge ausfallen, weil keine Lokführer auf Pikett sind, ist schlicht inakzeptabel.» Graf-Litscher will die Verspätungen in der Verkehrskommission thematisieren und pocht auf Antworten von der SBB. Für sie ist klar: «Es braucht Möglichkeiten, dass im Störungsfall mehr Ersatzzüge, Ausweichrouten und Lokführer zur Verfügung stehen.» Laut Graf-Litscher ist der Bund mitschuldig, weil von der Bahn stets mehr Effizienz verlange. «So agiert die SBB dauernd am Limit und kann es sich gar nicht leisten, Personal auf Pikett in der Hinterhand zu haben.» Für SVP-Nationalrat Manfred Bühler ist der Handlungsbedarf da, aber nicht akut. «Im internationalen Vergleich haben wir ein äusserst erfolgreiches und pünktliches ÖV-System. Über geringfügige Verspätungen von 3 bis 5 Minuten zu jammern, ist ein Luxusproblem.» Wegen der Komplexität des ÖV-Systems seien Anpassungen nicht einfach umzusetzen, so Bühler. «Erhöht man auf Strecken die Zeitreserve der Züge, gibt es dafür weniger Verbindungen. Heisst, man kann nicht gleich viele Passagiere befördern. Und Züge beliebig zu verlängern, geht aufgrund der Bahnhof-Infrastrukturen nicht.» Auch die SBB wird nun aktiv und setzt die «Expertengruppe Pünktlichkeit» ein. Sie prüft Möglichkeiten, um Verspätungen zu vermeiden. Der Tenor: Der Bahnbetrieb brauche wieder etwas mehr Luft und eine bessere Stabilität – auch wenn dies allenfalls zulasten der maximalen Leistung gehe. Laut SBB-Sprecher Reto Schärli wird die Expertengruppe am 14. August ihre Vorschläge präsentieren. Er erklärt zudem die kritisierten Verspätungen im letzten Monat. Der Vorfall am 27. Juni, als unter anderem eine verbogene Schiene bei Bern zu einem Chaos führte und rund 315000 Kunden von Verspätungen betroffen waren, seien «zum Glück Einzelfälle und auch für die SBB inakzeptabel». Dass auf der Strecke Basel-Zürich im Juni 40 Prozent der Züge verspätet waren, darauf habe man nur bedingten Einfluss: «Diese kamen aus Deutschland schon klar verspätet an», so Schärli. SBB-Sprecher Schärli betont, einen störungsfreien Bahnbetrieb gebe es nicht: «Unsere Fachleute müssen täglich rund 500 Störungen bewältigen. Sie tun alles dafür, die Auswirkungen auf die Kunden zu minimieren.»

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Zugausfälle, massive Verspätungen, ausgelassene Haltestellen: Die SBB hat in den letzten Wochen Tausende Passagiere verärgert, die Pünktlichkeit liess zu wünschen übrig. Auf den Hauptachsen (Zürich-Bern, Basel-Zürich) kamen im Juni teils bis zu 40 Prozent der Züge nicht rechtzeitig an – heisst in der Praxis: mindestens drei Minuten zu spät. Das zeigt die Auswertung der privaten Plattform puenktlichkeit.ch für die SonntagsZeitung.

Jetzt will die Politik eingreifen. SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher betont, das ÖV-Netz sei ausgereizt, das System daher sehr anfällig. «Aber dass die SBB bei Verspätungen gewisse Zughalte einfach auslässt oder Ersatzzüge ausfallen, weil keine Lokführer auf Pikett sind, ist schlicht inakzeptabel», so die Präsidentin der Verkehrskommission zu 20 Minuten.

Sie will das Thema in der Kommission aufgreifen und pocht auf Antworten von der SBB und dem Bundesamt für Verkehr. Sie wolle wissen, warum es zu so vielen Verspätungen komme und wie man diese zu beheben gedenke. Für Graf-Litscher ist klar: «Es braucht Möglichkeiten, dass im Störungsfall mehr Ersatzzüge, Ausweichrouten und Lokführer zur Verfügung stehen.»

«Bund trägt Mitschuld»

Laut ihr trägt der Bund eine Mitschuld, weil er von der Bahn stets mehr Effizienz verlange. «So agiert die SBB dauernd am Limit und kann es sich gar nicht leisten, Personal auf Pikett in der Hinterhand zu haben.» Das zeige sich auch vor Ort bei der Betreuung von betroffenen Kunden, betonen Graf-Litscher wie auch Pro Bahn Schweiz (siehe Interview).

Für SVP-Nationalrat Manfred Bühler besteht zwar Handlungsbedarf, akut sei er aber nicht. Wegen des rasanten Bevölkerungswachstums habe es gerade auf den Hauptachsen immer mehr Passagiere, das bringe das ÖV-Netz an die Grenzen. Aber: «Im internationalen Vergleich haben wir ein äusserst erfolgreiches und pünktliches ÖV-System. Über geringfügige Verspätungen von 3 bis 5 Minuten zu jammern, ist ein Luxusproblem.»

Die Politik habe in den letzten Jahren Milliarden für den ÖV-Ausbau gesprochen. «Jetzt muss die SBB diese Mittel auch effizient einsetzen», so Bühler, dann werde sich die Lage verbessern. Wegen der Komplexität des ÖV-Systems seien Anpassungen aber nicht einfach umzusetzen. «Erhöht man auf Strecken die Zeitreserve der Züge, gibt es dafür weniger Verbindungen. Heisst, man kann nicht gleich viele Passagiere befördern. Und Züge beliebig zu verlängern, geht aufgrund der Bahnhof-Infrastrukturen nicht.»

Mehr Luft im Bahnbetrieb

Für die SBB-Chefetage ist es denkbar, den Zügen im Fahrplan wieder etwas mehr Zeit einzuplanen und damit eine «Verspätungsmarge» einzuräumen, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Eine interne Expertengruppe prüft derzeit Möglichkeiten, um Verspätungen zu vermeiden. Der Tenor: Der Bahnbetrieb brauche wieder etwas mehr Luft und eine bessere Stabilität – auch wenn dies allenfalls zulasten der maximalen Leistung gehe.

Laut SBB-Sprecher Reto Schärli wird die Expertengruppe am 14. August ihre Vorschläge präsentieren. Er erklärt zudem die kritisierten Verspätungen im letzten Monat. Der Vorfall am 27. Juni, als unter anderem eine verbogene Schiene bei Bern zu einem Chaos führte und rund 315’000 Kunden von Verspätungen betroffen waren, seien in dieser Grössenordnung «zum Glück Einzelfälle und auch für die SBB inakzeptabel».

Dass auf der Strecke Basel-Zürich im Juni 40 Prozent der Züge verspätet waren, darauf habe man nur bedingten Einfluss gehabt: «Diese kamen aus Deutschland schon klar verspätet an», so Schärli. Auf den stark ausgelasteten Strecken wie Zürich-Bern hätten Störungen schnell grosse Auswirkungen. «Fakt ist, dass unsere Fachleute täglich rund 500 Störungen bewältigen müssen. Sie tun alles dafür, die Auswirkungen auf die Kunden zu minimieren. Aber einen störungsfreien Bahnbetrieb gibt es nicht», betont Schärli.

(rol)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Abgezockter Pendler am 08.07.2019 10:39 Report Diesen Beitrag melden

    Politik greift ein

    ..weil Geschäftsleitung komplett unfähig und inkompetent ist, was die letzten paar Jahre immer mehr ersichtlich wurde.

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  • The Spectator am 08.07.2019 10:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ach neee

    In den letzten Wochen ist gut, das geht seit Monaten schon so :D

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  • Marie am 08.07.2019 11:21 Report Diesen Beitrag melden

    JA zur Begrenzungsinitiative

    Aber die Wirtschaft will noch mehr Leute. Möglichst billig. Bis gar nichts mehr geht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Hopp am 09.07.2019 19:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SBB

    SBB muss wieder Besser werden diese Verspätungen müssen Reduzirt werden.

  • 1234 am 09.07.2019 12:56 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz verkommt zu Deutschland

    Das hört sich an wie eine ankündigung das die SBB bald genauso defekt ist wie die Deutsche Bahn. Und auch in allen andere Bereichen ist die Schweiz am abgeben. Wir sind in den nächsten Jahren genauso arm dran wie die restlichen EU Länder, ob wir drin sind oder nicht. Echt schade um die einst so schöne Schweiz.

    • Naivitaet wird bestraft am 09.07.2019 18:12 Report Diesen Beitrag melden

      Aber die Schweizer Stimmbuerger

      unterstuetzen das nach besten Kräften. Es gab mittlerweile Dutzende von Abstimmungen, bei denen die Notbremse haette gezogen werden koennen. Und was geschieht?

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  • Valravn am 09.07.2019 12:25 Report Diesen Beitrag melden

    Von wegen!

    Alleine betrachtet sind 3-5min Verspätung kein Weltuntergang, aber oft reichts für die Anschlüsse nicht: Entweder war es von Anfang an knapp, oder der Anschlusszug kann nicht warten. Am schlimmsten ist das Gedrücke beim Aussteigen; Wer nicht schon 10min vorher vor dem Ausgang steht, braucht nochmals 5min bis man aus dem Zug kommt. Manchmal ist die Infrastruktur auch super: 2min zum Umsteigen, von Gleis 3 zu 9- in LU muss man den ganzen Perron herunterrennen um überhaupt zu den anderen Gleisen zu kommen. Dazu kommt die Zugausstattung: Touris mit den Riesenkoffer haben keinen Platz zum Verstauen

  • binotini am 09.07.2019 11:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lohn

    Um die ganze Sitvation zu verbessern sollte sich die SBB gedanken machen über das Wohl des Arbeitnehmers. Die Umstände und er Lohn sind für viele Lokfüher nicht mehr attrakitv um auf dem Beruf zu bleiben.

  • ÖV am 09.07.2019 11:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Laden

    Ist das ein Sauladen hir die SBB Täglich störungen.