Jugendarbeitslosigkeit

16. Dezember 2013 21:13; Akt: 16.12.2013 22:04 Print

«Viele Junge haben unrealistische Wünsche»

von Marco Lüssi - 10 Prozent der 15- bis 24-Jährigen in der Schweiz sind arbeitslos. Berufsbildungs-Fachfrau Nicole Bussmann erklärt im Interview, woran Junge bei der Jobsuche scheitern.

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Ein junger Erwachsener beim Gespräch im Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum Aargau in Suhr. (Bild: Keystone/Gaëtan Bally)

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Frau Bussmann, bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist jeder Zehnte ohne Job. Wie erklären Sie diese hohe Zahl?
Nicole Bussmann: Bei den Lehrabgängern haben es vor allem die KV-Absolventen schwer. Viele stehen nach dem Lehrabschluss auf der Strasse, weil für eine Anstellung mehrjährige Berufserfahrung gefordert wird. Und anders als Lehrstellensuchende haben die Betroffenen oft niemanden, der ihnen hilft. Um trotz des Mangels an offenen KV-Stellen etwas zu finden, müssen sie sich sehr gut verkaufen. Das gelingt vielen nur mit professioneller Hilfe.

Und wo hapert es bei den Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden?
Grundsätzlich gibt es in der Schweiz genügend offene Lehrstellen. Das Problem ist nur, dass es sich nicht um jene Ausbildungsplätze handelt, die sich die Jungen wünschen. Und die Jugendlichen von heute sind sich gewohnt, dass ihre Wünsche erfüllt werden. Sie halten deshalb oft auch dann an ihren Träumen fest, wenn sie völlig unrealistisch sind.

Heisst das, die Jugendlichen sind selbst schuld, wenn sie keinen Job finden?
Nein, denn es ist natürlich die Aufgabe ihres Umfelds, sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie Träumen nachhängen, die sich nicht verwirklichen lassen. Diese Aufgabe nehmen Lehrer und Eltern aber nicht immer wahr. Besonders gut zeigt sich dies bei den Sek-C-Schülern, die es generell bei der Lehrstellensuche nicht einfach haben. Hier ist auffällig, dass von der Palette der 30 bis 40 Attestausbildungen, die für solche Jugendliche angeboten werden, immer nur die vier, fünf gleichen gefragt sind – jene, mit denen die Jungen ein gewisses Prestige verbinden.

Welche Berufe sind dies?
Bei den jungen Frauen mit Sek-C-Abschluss sind dies beispielsweise Jobs im Detailhandel – aber vor allem solche im Lifestyle-Bereich. Sie wollen Kleider, Schuhe, Sportartikel oder Elektronik verkaufen. Fleischverkäuferinnen dagegen werden immer gesucht – aber niemand will sich dazu ausbilden lassen. Generell wollen Sek-C-Schüler Jobs, bei denen sie sich die Hände nicht schmutzig machen müssen und in denen sie keine unregelmässigen Arbeitszeiten haben. Ausnahmen gibt es nur, wenn solche Jobs dennoch Prestige versprechen.

Zum Beispiel?
Junge Männer machen sich die Hände gern schmutzig, wenn der Schmutz von einem Auto stammt. Ausbildungen als Automobilassistent oder Reifenpraktiker sind daher gefragt. Bei Frauen ist die Ausbildung zur Assistentin Gesundheit und Soziales beliebt – die unregelmässigen Arbeitszeiten nehmen sie in Kauf, weil der weisse Kittel, den sie in diesem Job tragen, ein gewisses Prestige verspricht. Generell fällt bei den Sek-C-Schülern auf, dass sie sich traditionell verhalten: Frauen bevorzugen «Frauenberufe», Männer nur «Männerberufe». Dabei hätten Männer in einem «Frauenjob» im Pflegebereich gute Chancen. Diese nutzen sie aber nicht.

Bei 20 Minuten haben sich Jugendliche gemeldet, die 200 bis 300 Bewerbungen geschrieben haben und noch immer arbeitslos sind. Wie ist dies möglich?
Wenn dies der Fall ist, dann stimmt etwas mit der Form der Bewerbung nicht. Dann handelte es sich wohl um einen lieblosen Massenversand. Dabei ist weniger mehr: Lieber nur 30 Bewerbungen, dann aber solche mit einem überzeugenden Dossier und einem massgeschneiderten Motivationsschreiben. Dieses muss man für jede einzelne Bewerbung individuell schreiben. Leider haben aber auch viele Berufsberater zu wenig praktische Wirtschaftserfahrung – und lassen deshalb ungeeignete Bewerbungen durchgehen.

Viele ausländische Jugendliche sagen, sie hätten wegen ihres fremdländischen Namens Mühe, eine Stelle zu finden.
Es mag sein, dass Jugendliche diesen Eindruck haben, aber gemäss meiner Erfahrung trifft dies nicht zu. Firmen sind in dieser Hinsicht sehr offen, beispielsweise auch für Jugendliche aus Afrika oder Ostländern. Dass jemand wegen seiner Herkunft abgelehnt wird, kommt nur vor, wenn eine Firma auf einen gewissen Mitarbeitermix achtet, beispielsweise, wenn sie von einer gewissen Ausländergruppe bereits sehr viele Personen angestellt hat.

Tut die Wirtschaft genug dafür, Jungen den Berufseinstieg zu ermöglichen?
Ich glaube schon. Die KMU und Grossfirmen, mit denen wir zusammenarbeiten, erlebe ich als sehr offen. Dieselbe Offenheit und Ehrlichkeit müssen aber auch die Jungen aufbringen. Die Firmenverantwortlichen spüren es, wenn sich jemand nur bei ihnen bewirbt, weil er eben Bewerbungen schreiben muss.

Was raten Sie einem Jungen, der verzweifelt eine Stelle sucht?
Gerade wer nicht mit Bestnoten auftrumpfen kann, kann mit Engagement und Herzblut überzeugen. Es stimmt, es braucht viel, um nur schon an ein Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Doch wer wirklich will und dabei auch die Schlüsselkompetenzen wie zum Beispiel Freundlichkeit und Pünktlichkeit befolgt, wird etwas finden. Kurzfristig muss man sich dafür vielleicht von seinem Traumberuf verabschieden, doch nicht für immer – unser Bildungssystem erlaubt es, dass man sich seine Wünsche mittel- oder längerfristig doch noch erfüllen kann. Man benötigt dazu einen Plan B und eine gesunde Portion Durchhaltewillen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • kyo92 am 16.12.2013 23:55 Report Diesen Beitrag melden

    wir haben "unrealistische Wünsche"?!

    Ich habe mein traum Beruf mit Malerin gefunden und das ist nicht unrealistisch. Ich bin seit mehr als einen Jahr aus der Ausbildung und schlage mich Temporär durch, aber ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine Festanstellung, habe selber schon sehr viele bewerbungen verschickt, ist alles komplet drin. Doch der meiste absagegrund "zu wenig erfahrung". Wie soll ich den Erfahrung sammeln, wenn ich keine stelle finde. Weniger schreiben geht auch nicht, weil dann das RAV mit spertagen kommt. Gebt uns jungen doch einen Chance, für was machen wir den einen Ausbildung?!

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  • Lehrling ab Sommer 14 am 16.12.2013 22:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahr

    Ich habe dieses Jahr nur vier Bewerbungen versendet und dafür alle Bewerbungen bis ins letzte Detail genau geplant. Da ich im 10. Schuljahr bin konnte ich natürlich auch schon einiges an Erfahrung in meinem Traumberuf sammeln. Vor dem Eignungstest habe ich dann noch einmal eine Schnupperlehre absolviert und mich in der Mathematik sehr gut vorbereitet und nun kann ich stolz sagen das ich eine Lehrstelle als Uhrmacher gefunden habe :)

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  • Der Boss am 17.12.2013 00:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abgelenkt und faul

    Ist nicht verwunderlich... Man lädt die Jungen die in einer engeren Auswahl sind zum Probearbeiten ein. Was tun sie? Si hangen die ganze Zeit am Handy, kaum vibriert es, schauen sie auf den Bildschirm.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ex Realer am 17.12.2013 16:34 Report Diesen Beitrag melden

    Swisscom MA

    Wenn man seinen Wunschberuf nicht aufgibt, findet man auch eine entsprechende Stelle. Ich für meinen Teil habe lediglich die Realschule absolviert, anschliessend das 10. Schuljahr. Während diesem habe ich bei einer Kleinstfirma eine Lehrstelle als Informatiker gefunden. Jetzt 3 Jahre nach meinem Lehrabschluss arbeite ich in der SAP-Abteilung in einem der renommierten Unternehmen der Schweiz und verdiene dabei wirklich nicht schlecht. (ca. 6500 Fr. Brutto). Also immer weiter suchen, das wird schon.

  • Hans Peter am 17.12.2013 15:21 Report Diesen Beitrag melden

    Lehre unnötig

    Für was eine Lehrer machen, mann kann ja ein Praktikum machen und später die Lehr überspringen und direkt in die höheren Fachprüfungen einsteigen. Warum jeden Tag Abfalleimer leeren und Znüni holen. Und man verdient wenigstens noch mehr als in der Lehre.

  • dave88 am 17.12.2013 15:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    selbständig

    ich habe auch nur eine "anlehre" habe mich aber danach nach ca 3 jahren suchen und zwischenjobs selbständig gemacht. jetzt bin ich schon gut 3 jahre selbständig und läuft immer besser... viele wagen den schritt nicht, aber ist besser als zuhause hocken und nichts finden...

    • 807687 am 18.12.2013 08:23 Report Diesen Beitrag melden

      dem kann ich nur zustimmen!

      Selbständig machen, da kann dich keiner rausschmeissen. Ich habe den Schritt gewagt und beschäftige nicht nur mich sondern auch noch meine(n) invalide(n) Ehepartner(in) plus eine weitere junge Person mit besonderen Bedürfnissen. Jeder von uns arbeitet auf eigene Rechnung und hat es selber in der Hand, wieviel er arbeiten kann und wieviel er dabei verdient. Zusammen sind wir ein unschlagbares Team, das sich zum Ziel gesetzt hat, dass der Kunde nicht nur zufrieden den Laden verlässt, sondern glücklich.

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  • Hans Müller am 17.12.2013 15:12 Report Diesen Beitrag melden

    Beruferfahrung gesammelt und gegangen

    Ich habe es jetzt so gemacht, Berufserfahrung gesammelt und gekündet. Jetzt konzentriere ich mich nur noch auf Schulungen. Vielleicht komme ich irgendwann wieder zurück. Alles andere hat keinen Wert.

  • Fausto De Pretis am 17.12.2013 14:58 Report Diesen Beitrag melden

    Die wirklichen Gründe

    "Zu wenig Erfahrung" und "überqualifiziert" sind typischen Verlegenheitsbegründungen, welche die Arbeitgeber vorschieben, um den wirklichen Beweggrund für die Absage nicht zu nennen (nämlich meist, dass das Bewerbungsdossier und/oder die Persönlichkeit des Bewerbers nicht überzeugt haben, oder dass der Bewerber zu alt ist). Andererseits ist es für Jugendliche natürlich angenehmer, die Begründung "zu wenig Erfahrung" für bare Münze zu nehmen und im eigenen Umfeld zu erzählen, man finde aus diesem Grund keine Stelle, als die möglichen wirklichen Gründe tiefer zu suchen.

    • Ex HR Spezi am 17.12.2013 16:14 Report Diesen Beitrag melden

      Wird gemacht - ist aber falsch

      Habe schon -zig Auszubildende eingestellt. Bei Absagen habe ich immer den wahren Grund angegeben und oft den Jugendlichen noch Ratschläge gegeben. Hauptgründe - ausser fachliche - für Absagen waren selbst für Jugendliche oft ein unmögliches Outfit und ein schlechtes Erscheinungsbild samt mangelnder Hygiene. Dann die Sprache, resp. Ausdrucksweise (selbst bei Schweizern) und last but not least das Schreiben. Miserable orthographische Kenntnisse sind heute in vielen Berufen nicht mehr akzeptabel. Klingelnde Handys, SMS bei Gesprächen und dann noch draufschauen, runden das Bild ab.

    • Kevin am 17.12.2013 18:13 Report Diesen Beitrag melden

      Könnte so sein!

      Das dachte ich auch schon mehrmals als ich eine Absage erhalten habe. Es heisst einfach; wir haben jemanden der besser auf unser Anforderungsprofil passt. Auch nach mehreren Aufforderungen nach dem Grund heisst es nur zu wenig Berufserfahrung oder du hasst keine Erfahrung mit SAP-Programmen. SAP-Programme sind doch bubi. Ob es die Wahrheit ist erfährt man schlussendlich nie. Bei mir könnte es noch an einer Lücke im Lebenslauf liegen, am Lehrbetrieb oder dass ich eine 50%Stelle suche. Habe halt ein paar Probleme im Leben aber trotzdem gebe ich nicht auf.

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