Rückenschäden

30. August 2016 18:50; Akt: 30.08.2016 18:50 Print

«Viele Kinder sitzen nur noch herum»

von D. Pomper - Jeder zweite 11- bis 17-Jährige hat Rückenschmerzen – weil sich die Kinder und Jugendlichen zu wenig oder aber zu viel bewegen.

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Die Zahl der Schüler, die sich beim Arzt über Rückenschmerzen beklagen, nimmt zu. Die europaweit grösste Kinderstudie KiGGS des Robert Koch-Instituts mit 17’641 Kindern und Jugendlichen zeigt: Mehr als drei Viertel der 11- bis 17-Jährigen gaben an, in den letzten drei Monaten Schmerzen gehabt zu haben. Fast die Hälfte davon klagt dabei über Rückenschmerzen, berichtet die «Ärztezeitung».

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Bei einem Teil der Betroffenen ist laut der deutschen Stiftung Kindergesundheit organische Erkrankungen zu erwarten. Die häufigste Veränderung der Wirbelsäule bei Jugendlichen ist die Scheuermann-Krankheit. Bei der Verknöcherungsstörung krümmt sich die Wirbelsäule nach vorne, es entsteht ein runder Rücken. Die Krankheit tritt typischerweise zwischen 8 und 14 Jahren auf.

Bei jedem 200. Kind in Deutschland müsse ausserdem mit Skoliose, einer seitlichen Verkrümmung der Wirbelsäule, gerechnet werden.

Hanna Schnyder-Etienne ist seit 24 Jahren Schulärztin im Kanton Wallis. Mit «grosser Sorge» beobachtet sie die Zunahme von Rückenschmerzen sowie Haltungs- und Rückenschäden bei Kindern und Jugendlichen.


«Würden Fohlen nur noch am Boden herumliegen, wären wir alarmiert»

Grund dafür seien die veränderten gesellschaftlichen Umstände, im Wesentlichen die «Vercomputerisierung» der Welt. «Die Kinder und Jugendlichen sitzen zu häufig hinter dem Handy oder dem Computer und werden von den Eltern zu Schule chauffiert. Viele sitzen häufig nur noch herum. Würden wir eine Pferdeherde sehen, bei der die Fohlen nur noch am Boden herumlägen, wären wir alarmiert und überzeugt, dass die Tiere erkrankt sind», sagt Schnyder-Etienne und warnt: «Springen unsere Kinder nicht mehr herum, dann verpassen sie die Entwicklung des Bewegungsapparates, der Muskeln und des Gleichgewichtssinnes. Sie riskieren kurzsichtiger zu werden, weniger leistungsfähig zu sein und eine tiefere Knochendichte aufzuweisen.»

Kinder bis zwölf sollten sich zwei bis drei Stunden pro Tag bewegen, Schüler der Oberstufe mindestens 1.5 Stunden. Sie müssten sich bewegen, sich messen, die Natur erforschen. «Nur so kann man sich körperlich und seelisch gut entwickeln.»

Wirbelsäulenspezialist Markus Rühli beobachtet Rückenprobleme vor allem bei Kindern, die entweder zu wenig trainiert sind oder aber zu einseitig intensiv Sport betreiben: «Viele junge Mädchen und Buben sind sportlich äusserst ehrgeizig. Sind sie von einem Gleitwirbel betroffen, führt das zu Schmerzen.» Der Grossteil der kindlichen Rückenschmerzen sei aber kurz und harmlos und hänge mit dem Wachstum zusammen. «Die Muskulatur kann manchmal nicht mithalten, und es kommt zu Überlastungsphänomenen.» Auch machten Jungs einen krummen Rücken, um cool zu wirken.

Richtige Schultheke und zu Fuss zur Schule laufen

Marion Völger, Leiterin des Volksschulamtes des Kantons Zürich, bestätigt die wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen mit Rückenschmerzen und Haltungsschäden. «Deshalb geben wir offiziell Empfehlungen zum Schulthek ab.» Dieser sollte an beiden Schultern getragen werden, mit einem Rückenpolster ausgestattet sein und nicht mehr als ein Achtel des eigenen Körpergewichtes wiegen. Wichtig sei auch die Bewegung: «Die Schulwege sollten idealerweise zu Fuss absolviert werden», sagt Völger. Für den Turnunterricht würden zudem gezielt Rückenübungen empfohlen.

Rolf Temperli, Facharzt für Kinder und Jugendmedizin, plädiert für stufengerechten Turnunterricht, also den Fähigkeiten entsprechend: «Es nützt nichts, wenn körperlich schwächere Schüler drei Viertel der Zeit auf dem Bänkli verbringen oder schlicht überfordert sind.» Im Alltag würden wir unsere Muskulatur immer weniger belasten und trainieren. «Oft haben die Schmerzgeplagten eine schwache Rückenmuskulatur, sitzen stundenlang oder sind übergewichtig», sagt Temperli.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beni Benziger am 30.08.2016 19:36 Report Diesen Beitrag melden

    Äusserst selten

    So selten, dass ich bei der Umfrage gar nicht wusste, welches "Äusserst selten" ich nehmen soll.

  • Fran Cesca am 30.08.2016 19:53 Report Diesen Beitrag melden

    Raus in die Natur!

    Na klar, gestern haben wir über Hausaufgaben nach der Schule diskutiert, heute über Rückenschmerzen! Kinder sind nicht geboren, um stundenlang still an ihren Pulten zu sitzen um mit Papier und Bleistift beschäftigt zu sein. Schafft die Ufzgi ab und schickt die Kids raus in die Natur, wo sie frei spielen, herumtollen und spörtlen können. Dann verschwinden die verspannten Rücken-Muskelschmerzen und die Kids sind am nächsten Tag wieder fit und aufnahmefähig.

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  • rolf am 30.08.2016 19:37 Report Diesen Beitrag melden

    Klar

    Sitzmwn nur noch zu hause rum. Motorradfahren und sonstige ausflüge sind viel zu gefährlich und unökologisch. Das will man dem bürger mit darkonischen strafen austreiben, so dass man möglichst nur noch zu hause sitzt und tee trinkt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Niki am 31.08.2016 11:27 Report Diesen Beitrag melden

    Verständnis

    @Fran Cesca, da stimme ich überein mit ihnen. Das bedingt aber auch, dass sich die Gesellschaft durch das freie Spiel der Kinder (Räuber und Poli, Versteckis, herumtollen, etc.) nicht permanent gestört fühlt und die Kinder bei jedem lauten "Göiss" gleich bei der Gemeinde meldet...

  • Zero am 31.08.2016 10:12 Report Diesen Beitrag melden

    Rückenschmerzen

    Ich hatte früher oft Rückenschmerzen, wegen leichter Skoliose und untrainierte Rückenmuskulatur. Seit ich in der Lehre bin (KV) laufe ich jeden Morgen 2 km zum Bahnhof und vom Bahnhof zur Arbeit und 2 km wieder zurück, seit dem ich das mache habe ich viel weniger Schmerzen und meist nur einen "Druck" im Kreuz...

  • Kathy, Zug am 31.08.2016 09:14 Report Diesen Beitrag melden

    Die ewig gleiche Leier

    Zu wenig Bewegung, zu viel Bewegung. Ja, was nun ... ?Man lässt hier mal wieder alles offen, Hauptsache eine neue (völlig überflüssige) Studie wird in den Raum geworfen. Die gleichen Vorwürfe gab es schon vor Jahrzehnten, als noch keiner auch nur im Ansatz von Computer und Co. wusste.

    • Geier Franz am 31.08.2016 11:27 Report Diesen Beitrag melden

      Ewigi Leier

      Es war schon immer so, die gleiche Leier. Gamen, Video, Appen und Zappen macht süchtig. Macht passiv und träge.

    • Lena am 31.08.2016 11:31 Report Diesen Beitrag melden

      Beschäftigung

      Ja genau, hauptsache wir sind wieder beschäftigt...dann machen wir nicht schlimmeres...

    • Peter(TOO) am 31.08.2016 17:43 Report Diesen Beitrag melden

      @Kathy, Zug

      Ich habe meine Scheuermann-Diagnose seit 1970. Ich ging zu Fuss zur Schule, habe viel draussen gespielt und bin nicht in der Stadt aufgewachsen ...

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  • Maxim am 31.08.2016 08:21 Report Diesen Beitrag melden

    Übungen :-)

    Am besten, morgens 5 Min. früher aufstehen und ein paar Dehn- oder Aufwärmübungen machen.

  • Ein Arzt am 31.08.2016 06:52 Report Diesen Beitrag melden

    Verwirrend

    Bei der Bildergalerie hat man das Gefühl, M. Scheuermann und die Skoliose seien Folge vom Rumsitzen. Die Ätiologie der beiden Erkrankungen ist noch unbekannt! Das Sitzen verschlimmert die Beschwerden, verursacht aber nicht die Erkrankungen.

    • Peter(TOO) am 31.08.2016 17:53 Report Diesen Beitrag melden

      Betroffen

      Ich habe die M. Scheuermann-Diagnose seit 1970. Ich weiss nur, dass M. Sch. als Zivilisationskrankheit eingestuft wird. Die Theorie, dass M. Sch. durch Fehlhaltung erzeugt wird, habe ich auch erstmals vor 1-2 Jahren gelesen. Durch krummes sitzen sollen die Wirbelkannten, der noch weichen Knochen, einseitig belastet werden und deshalb ausbrechen/deformieren. Dies erklärt aber nicht die Kavitäten in der Wirbelfläche? Zudem sollte es später zu einem Stillstand kommen, war bei mir die letzten 45 Jahre aber nicht so, es schreitet weiter fort.

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