Der Star der Strick-Szene

19. September 2014 07:28; Akt: 19.09.2014 09:14 Print

«Viele Männer stricken heute wegen mir»

von Gabriel Brönnimann - Stephen West umgarnt mit anarchischem Charme und knallbunten Designs die ganze Welt. Auch junge Schweizerinnen und Schweizer greifen dank ihm zur Stricknadel. Lesen Sie hier das Interview.

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Seine Schals sind auf der ganzen Welt beliebt: Stephen West lebt von seinen Strick-Designs. Der 25-jährige Amerikaner zog vor vier Jahren nach Amsterdam, um Tanz-Choreographie zu studieren. Bald war er hauptsächlich mit seinen ausgefallenen Designs beschäftigt. Mit riesigem Erfolg: Auf Ravelry.com, und auf seiner Website Westknits.com, verkauft er seine Strickmuster. Sie sind ab 6 US-Dollar zu haben und verkaufen sich tausendfach. West konnte bald von seiner Kunst leben. Das Tanzstudium gab er auf - er strickt acht bis zehn Stunden am Tag. Ihm ist es egal, was die Leute von ihm denken - er strickt Kleider, die ihm gefallen. Und der Erfolg gibt ihm Recht: Pro Jahr veröffentlicht er über 50 Strickmuster. Keiner hat mehr Fans als er auf den einschlägigen Portalen. Seine Strickmuster sind nicht allzu schwierig zu stricken. Doch in Aufbau und Form sind sie ausgefallen. Als Model, sagt er, nehme er am liebsten sich selbst: «Damit habe ich am wenigsten Aufwand, und ich kann tun, was ich will.» Ein weiterer Schal aus Stephen Wests beachtlicher Kollektion. Seine neuen Kreationen gefallen nicht allen, sagt er - doch das sei ihm egal: «Ich habe immer einfach das gemacht, was ich gerade mag.» Ein Exzentriker - der mit seinen bisherigen Strickmusterverkäufen Millionen verdiente. Stephen West hat mehrere Bücher veröffentlicht, gibt regelmässig Strickkurse und hält Vorträge. Fans hat er auf der ganzen Welt: Auch Schweizerinnen und Schweizer stricken seine Designs. Berühmt für knallige Farben: In Schweizer Strickläden kommt es oft vor, dass Kundinnen und Kunden mit Strickmustern von Stephen West nach der idealen, wollig-weichen Ware suchen. West designt viele verschiedene: Mützen, Schals, Handschuhe, Socken - und vieles mehr. An grossen Strick-Events fühle er sich wie ein Rockstar, sagt er: Fans wollen jeweils Autogramme. Warm durch den Winter: Mützen von Stephen West. Stricken von Kopf bis Fuss: Die Welt von Stephen West. Auch Models machen in seinen Sachen eine gute Figur. Längst haben auch grosse Mode-Labels Strickwaren wiederentdeckt.

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Herr West, Schweizer Fans reisen nach Hamburg für ein Autogramm von Ihnen. Wie fühlt sich das an?
Stephen West*: Ich liebe es! So etwas passiert nur bei Strick-Events, die Mehrheit kennt mich aus dem Internet. Man fühlt sich plötzlich wie ein Rockstar.

Sie sind Amerikaner, leben und arbeiten in Amsterdam. Wie wurden Sie zum Rockstar der Strick-Szene?
Vor vier Jahren zog ich nach Amsterdam, um Tanz-Choreographie an der School for New Dance Development zu studieren – eine der besten Schulen, die wurde mir von meiner Tanzlehrerin Kirstie Simson empfohlen. Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens – Amsterdam ist wunderschön und ein sehr entspannter Ort. Ich bin 25 Jahre alt – mit 16 fing ich an zu stricken. Das hatte ich meiner High School zu verdanken: Die boten einen Kurs an. Ich war der Junge mit den Stricknadeln, in jeder Pause.

Und wann haben Sie gemerkt: Das ist das, was ich tun will?
Das war ein Prozess, der schon begann, während ich in Illinois Tanz studierte: Die Besitzerin eines Strickladens brachte mir viel bei und ermutigte mich, mein erstes Strickmuster zu entwerfen. Dieses veröffentlichte ich gratis auf Ravelry.com – und da haben es Dutzende gleich nachgestrickt. Danach veröffentlichte ich weitere Designs, und bald kauften Hunderte meine Muster und veröffentlichten Fotos ihrer Arbeiten. Das ging einfach so weiter – bis es die grössere Leidenschaft war als das Tanzen. Mit der Uni habe ich aufgehört und meine eigene Firma Westknits gegründet.

Als Sie damit anfingen: Hätten Sie je gedacht, dass Sie damit derart erfolgreich sein würden?
Nein. Ich habe das nicht angefangen, um davon zu leben. Ich tat es zu meiner Unterhaltung – und deshalb, weil ich Kleidung und Accessoires designen wollte, die ich nirgends in Läden finden konnte. Ich habe grosses Glück: Ich mache, was ich will und kann davon leben.

Sie verkaufen Ihre Strickmuster online. Wie viele Leute downloaden ein erfolgreiches Design?
Beliebte Strickmuster verkaufen sich 8'000- bis über 10'000-mal. Meine Gratismuster erreichen Downloadzahlen von über 80'000. Ich produziere 50 bis 75 Designs pro Jahr. Die meisten Sachen verkaufe ich auf Ravelry oder auf Westknits.com. Wenn ich kann und nicht mit Reisen oder Strick-Unterricht beschäftigt bin, stricke ich acht bis zehn Stunden pro Tag.

Acht Stunden täglich? Was ist am Stricken so toll?
Dem Stricken ist es egal, wer du bist: Ob man gerade glücklich oder traurig ist, es passt immer, Stricken ist wie eine Gratis-Psychotherapie. Wobei: Wenn man so viel Wolle kauft wie ich, wird es schweineteuer.

Wie würden Sie den typischen Stricker beschreiben?
Stricker sind sehr intelligente Menschen – und dazu frech, schlau – und auch ein bisschen eigenartig. Und sie sind unabhängig, das gefällt mir.

Ist das Internet mitverantwortlich für den Strick-Boom?
Definitiv. Nie zuvor gab es so einen Reichtum an Designs und Inspirationsquellen. Informationen werden so schnell geteilt – man sieht die Fotos eines fertig gestrickten Musters innert einer Woche, oder sogar noch am selben Tag, wenn man so besessen ist wie ich. Man sieht natürlich auch viele langweilige Sachen, immer das Gleiche – es gibt noch viel Raum für immer neue Sachen.

Wird die Strick-Community nach wie vor grösser?
Die wird stetig grösser – ich sehe das an all den Events und Kursen und in den Läden. Das ist gegen oben offen.

Es gibt unterdessen auch viele strickende Männer. Ist da nicht trotzdem noch ein Stigma damit verbunden?
Ach, das ist doch kein Thema mehr. Falls irgendjemand ein Problem damit hat, wenn er einen Mann stricken sieht, dann sollte er einfach mehr aus dem Haus gehen: Es gibt Tausende von uns. Und es werden immer mehr. Viele Männer stricken wegen mir: Ich erhalte regelmässig Mails von Leuten, die mir sagen, dass ihre Söhne mit Stricken angefangen haben, weil sie meine Sachen auf Youtube oder sonstwo im Internet gesehen haben. Ausserdem: Ich bin ja mehr ein «Unisex»-Stricker: Meine Designs sind für alle.

Sie haben nie Probleme, weil irgendeiner sagt: «Stricken ist schwul»? Sie machen ja kein Geheimnis um Ihre sexuelle Ausrichtung.
Dem Stricken ist es vollkommen egal, ob du ein Mann oder eine Frau bist, oder irgendwas dazwischen. Dem Stricken ist es völlig wurst, wer du bist, oder wie du aussiehst. Viele meiner Freunde sitzen gerne zusammen in gemütlicher Runde und machen geniale Pullover, statt sich irgendwelchen wertenden Fremden in Clubs auszusetzen. Das heisst nicht, dass ich nicht an Partys anzutreffen bin – Stricken ist mir einfach wichtiger. Falls jemand sagt, ein gestrickter Schal sei schwul – nun, das ist einfach extrem peinlich für den, der das sagt. So einer sieht im Winter wohl einfach gerne aus wie ein frierender Idiot – ohne Schal.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ljubve am 19.09.2014 11:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausgefallen

    aber dies Mal was positives...! Ist doch schön und tröstlich dass es Menschen gibt die ihre Kreativität konstruktiv und erfolgreich nützen können. Für mich ist das gelungene und keine vorgetäuschte Kunst. Super!

  • Bernerin am 19.09.2014 13:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Handarbeiten

    Mein Hobby ist stricken, häckeln, sticken und nähen. Dabei werde ich von meinen Kollegen belächelt als altmodisch. Ich finde solche Handarbeit wird nie aus der Mode kommen. Denn selbstgemacht ist immer noch am besten!

  • Knitting Witch am 19.09.2014 13:50 Report Diesen Beitrag melden

    Kaffe Fassett, Hatnut und Co.

    Ich stricke gerne und viel. Suche viele Modelle auf Raverly. Daher kenne ich einige seiner Designs. Auf Twitter ist er sehr aktiv. Strickende Männer die als Designer erfolg haben gibts ja immer wieder. Man nehme Kaffe Fassett oder die Jungs von Strikkedukker oder Hatnut. Jeder so wie es ihm gefällt. So lange mir mein Mann meine Wolle nicht stibitzt ist alles i.O. :-)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hauri am 20.09.2014 13:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geschmackssache

    Nicht mein Stil aber ich finde cool das er das tut was er will.

  • Knitting Witch am 19.09.2014 13:50 Report Diesen Beitrag melden

    Kaffe Fassett, Hatnut und Co.

    Ich stricke gerne und viel. Suche viele Modelle auf Raverly. Daher kenne ich einige seiner Designs. Auf Twitter ist er sehr aktiv. Strickende Männer die als Designer erfolg haben gibts ja immer wieder. Man nehme Kaffe Fassett oder die Jungs von Strikkedukker oder Hatnut. Jeder so wie es ihm gefällt. So lange mir mein Mann meine Wolle nicht stibitzt ist alles i.O. :-)

  • Bernerin am 19.09.2014 13:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Handarbeiten

    Mein Hobby ist stricken, häckeln, sticken und nähen. Dabei werde ich von meinen Kollegen belächelt als altmodisch. Ich finde solche Handarbeit wird nie aus der Mode kommen. Denn selbstgemacht ist immer noch am besten!

  • Bruder Motzi am 19.09.2014 12:44 Report Diesen Beitrag melden

    Wegen irgend jemanden zur...

    Stricknadel greifen? Nein danke, ich entscheide selbst: NEIN.

  • Ljubve am 19.09.2014 11:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausgefallen

    aber dies Mal was positives...! Ist doch schön und tröstlich dass es Menschen gibt die ihre Kreativität konstruktiv und erfolgreich nützen können. Für mich ist das gelungene und keine vorgetäuschte Kunst. Super!