Andreas Thiel

06. Januar 2016 14:00; Akt: 06.01.2016 14:00 Print

«Vielleicht ist Somuncu zu platt für die Schweizer»

Der deutsche Satiriker Serdar Somuncu hat in Arosa für einen Skandal gesorgt. Auch der Schweizer Kabarettist Andreas Thiel eckt immer wieder an. Das sagt er zum Eklat am Humor-Festival.

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Herr Thiel, der Auftritt von Serdar Somuncu am Humor-Festival Arosa hat zu einem kleinen Skandal geführt. Laut Direktor Frank Baumann hat ein Drittel der Zuschauer das Zelt während der Show verlassen. Können Sie das nachvollziehen?
So wie der Künstler das Recht hat, zu sagen, was er will, darf der Zuschauer das Zelt verlassen, wenn ihm eine Show nicht gefällt. Das gilt auch für das Arosa Humor-Festival.

Wieso, glauben Sie, konnte das Publikum mit den Aussagen des deutschen Satirikers nicht umgehen?
Keine Ahnung, vielleicht versteht man seinen Humor hier nicht, vielleicht ist er gar nicht lustig, vielleicht ist er zu platt für das hiesige Publikum, vielleicht zu intelligent, ich weiss es nicht.

Was halten Sie persönlich von Serdar Somuncus Art, Satire zu betreiben?
Na ja, mich interessiert das auch nicht besonders, was er macht, aber ich bin kein Massstab, denn vermutlich gibt es noch weit mehr Menschen, die nicht interessiert, was ich dazu sage.

Hat er aus Ihrer Sicht in Arosa mit seinem Humor eine Grenze verletzt?
Jeder Künstler hat seine eigenen Grenzen und auch jeder Zuschauer. Das Ziel des Satirikers ist es letzten Endes, das Publikum zu unterhalten, auch wenn er – im Gegensatz zu anderen Komikern vielleicht – dieses auch noch zum Nachdenken anregen will. Wenn der Komiker mit seinem Stil ein Publikum findet, dann passt die Sache ja. Und wenn eine Show misslingt, dann denkt sich das Publikum halt: «Das ist ein schlechter Komiker», und der Komiker denkt: «Das war ein schlechtes Publikum.»

Sie selbst sind mit Ihrem Humor auch schon mehrmals angeeckt. Ist das für einen Satiriker eine Bestätigung oder kratzt das am eigenen Ego?
Man kann es nie allen recht machen. Ich wäre auch lieber ein lustiger Zirkusclown, der alle glücklich macht, aber wenn ich einen Witz über Zebras reisse, dann lande ich am Ende immer beim Palästinakonflikt oder so. Solange man ein Publikum hat, kann man auftreten. Wenn das Publikum das nicht sehen will, was man macht, dann erübrigt sich die Frage, ob es gut ist oder schlecht – es interessiert dann halt einfach keinen.

Somuncu wirft dem SRF Zensur vor. Glauben Sie, der Sender hat sich bewusst gegen die Ausstrahlung seines Auftritts entschieden, um sich so Probleme zu ersparen?
Die deutschen Komiker sind halt etwas deutscher als wir Schweizer. Sie sind aggressiver, auch beim Verhandeln. Deutsche Künstler machen es gern zur Bedingung, dass sie in der Fernsehshow vorkommen. Das SRF geht aber keine Verpflichtungen ein, zahlt pauschal für die Senderechte und trifft dann eine Auswahl. Es ist bloss ein kleiner Ausschnitt des Festivals, der am Fernsehen gezeigt wird. Ich bin ja weiss Gott kein Freund unseres staatlichen Monopolfernsehens, aber die Redaktion muss halt eine Auswahl treffen, und die passt nie allen, auch mir nicht immer.

Ihr Auftritt hat es hingegen ins Programm des SRF geschafft. Wieso?
Wir Schweizer Künstler machen es gar nicht erst zur Bedingung, einen Platz in der Fernsehsendung zu haben. Wir gehen gern ans Festival, versuchen, das Publikum zu unterhalten, freuen uns, wenn wir auch noch am Fernsehen gezeigt werden, und sind vielleicht etwas enttäuscht, wenn wir es nicht in die Fernsehshow geschafft haben, und dann denken wir vielleicht auch «Zensur!», schimpfen beim ersten Bier vielleicht noch übers Staatsfernsehen, und beim zweiten Bier freuen wir uns dann aber schon wieder über die schöne Festivalatmosphäre in Arosa.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pesche Loose am 06.01.2016 05:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Satiriker

    Richtige Antwort dazu, mehr gibts da auch nicht zu sagen.

  • Funky am 06.01.2016 06:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hahaha...

    Dass sowas in der Schweiz nicht gut ankommt, das hätte ich Somuncu schon vorab sagen können. Das Interview mit Thiel finde ich gelungen.

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  • Peter Ineichen am 06.01.2016 06:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unverständlich

    Ich kann nicht verstehen, weshalb Satiriker zu einen Humor-Festival eingeladen werden. Das sind doch zwei ganz verschiedene Sachen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mike G. am 07.01.2016 22:49 Report Diesen Beitrag melden

    Ehrlichkeit

    Bei der Masse an begeisterten Fans der Ausschafffungs- und Durchsetzungsinitiative scheint Somuncu leider recht zu haben. Steht mind. zu Eurer Gesinnung statt sie noch schön zureden!

  • Integrationswilliger am 07.01.2016 15:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hm, jetzt weiß ich,

    warum Goethes Götz von "Berlichingen" und "Faust" an Schweizer Schulen nicht gelesen werden. Sind zu "unanständig"! Aber vielleicht ist er ja in der Schweiz auch nicht bekannt. Dann nützt meine Erkenntnis allerdings gar auch nichts.

    • s.horn am 07.01.2016 17:19 Report Diesen Beitrag melden

      Ja klar.

      Wir haben schweizer Schriftsteller, deshalb brauchen wir nicht Euren Goethe lesen. Unsere Kultur.

    • Integrationswilliger am 07.01.2016 17:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Das versteh ich

      Dann aber auch konsequent sein und den Schiller rausnehmen. Der war in seiner Wortwahl auch nicht zimperlich (siehe "Räuber") und außerdem nie in der Schweiz- im Gegensatz zu seinem Dichterkumpel Goethe.

    • Ried Winkel am 07.01.2016 18:05 Report Diesen Beitrag melden

      s.horn

      Als in den 40er Jahren das Schauspielhaus Zürich mit Therese Giehse, Brechts "Mutter Courage" aufführte,waren die Frontisten- und Nationalistenzeitungen voll mit Leserbriefen,die sich beklagten,dass dieses "jüdische Ensemble" die Kultur der Schweiz nicht achte und keine Ahnung habe, was für "richtige"Schweizer Heimatdichter die die Tradition und wahren Werte der Schweiz verkörpern,vorhanden seien.Es beginnt schon wieder....

    • Integrationswilliger am 07.01.2016 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Es beginnt nicht wieder

      Es ist latent immer vorhanden. Das weiss ich aus eigener familiärer Erfahrung.

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  • Sven Niklas am 07.01.2016 15:12 Report Diesen Beitrag melden

    Ich fand es lustig

    Schweizer können keine Kritik in keinen Form vertragen und schon lange nicht die Wahrheit.

    • Martin am 07.01.2016 19:21 Report Diesen Beitrag melden

      @Sven Niklas

      Wenn nun ein Schweizer die Aussage von dir über eine beliebige Religion oder ein anderes Land schreiben würde, hätte er bereits eine Klage am Hals. Vielleicht auch ein Grund weshalb wir das nicht lustig finden.

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  • werner schneider am 07.01.2016 13:22 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist Satire?

    Das Gschiss wegen diesem bedeutungslosen "Satiriker". Unanständige Ausdrücke sind eben in der Schweiz noch nicht satirisch.

    • Dölf am 07.01.2016 17:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ Werner Schneider

      Schlag nach bei Kurt Tucholsky, dann weißt du es. Aber ändere vorher dein Pseudonym, sonst kriegst du Ärger mit dem Original.

    • Orbiter am 07.01.2016 20:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @werner schneider

      Über 600 Kommentare und daher natürlich völlig bedeutungslos. Da die sogenannte "political correctness" bei uns ja so verpönt ist, hat er doch eigentlich einen Volltreffer gelandet.

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  • Integrationswilliger am 07.01.2016 12:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin beeindruckt

    Wann und wo hat jemals ein kurzfristiger Satirebeitrag eine solche Debatte ausgelöst. Somuncu hat sein Ziel erreicht, sogar übertroffen.