Corona-Krise

20. März 2020 14:22; Akt: 20.03.2020 14:32 Print

«Virus führt zu einem kollektiven Misstrauen»

Angst und Verunsicherung sind in der Bevölkerung spürbar. Experten erklären, was es mit Menschen macht, wenn sie allen misstrauen.

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Leser Dominik Villoz hat diese Aufnahme auf dem Mittenberg in Chur gemacht. Der 22-Jährige war mit Freunden auf einem Spaziergang. «Ob es sich um absichtliches Social Distancing handelt, weiss ich nicht», sagt Villoz. Im Zug oder beim Einkaufen falle ihm aber auf, dass die Menschen Abstand halten. Das ist vorbildliches Verhalten: Die Menschen halten mehrere Meter Abstand und können sich so bei dem schönen Wetter trotzdem noch draussen treffen. Um die Anordnungen des Bundesrats umzusetzen, führt die Kantonspolizei Nidwalden nun Kontrollen im öffentlichen Raum durch. (Symbolbild) «Im Sinne der Verhältnismässigkeit» werde Social Distancing überprüft. (Symbolbild) So dürfen nicht mehr als 15 Personen versammelt sein, ansonsten wird die Gruppierung durch die Polizei aufgelöst. (Symbolbild) Wer sich dem widersetzt oder wer sich seiner «sozialen Verantwortung nicht bewusst» ist, muss gemäss Polizei mit Konsequenzen rechnen. Konkret heisst dies: «Im schlimmsten Fall könnte eine wiederholte Widersetzung polizeilicher Anordnungen zu einer Anzeige und einer Busse führen», wie Berchtold auf Anfrage erklärt. (Symbolbild) Ausserdem würden die Öffnungsverbote von Geschäften überprüft, teilt die Kapo Nidwalden mit. (Symbolbild) Falls ein Geschäft trotz Verbot geöffnet hat, folgt eine erste Mahnung. Beim Wiederholungsfall würde eine Anzeige gemäss der Covid-19-Verordnung 2 erstattet. (Symbolbild) Sie machen es richtig: Diese Aussendienstmitarbeiter halten auch in der Mittagspause nach dem Take-away beim Restaurant Eintracht in Oberdorf, NW, den geforderten Mindestabstand ein.

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«Jeder soll sich so verhalten, als hätte er sich mit dem Virus angesteckt und könnte weitere Menschen anstecken.» Diese Aussage hat Daniel Koch vom BAG an der Pressekonferenz vom Dienstag gemacht. Die Lage ist ernst, die Welle kommt und wir müssen alles daransetzen, sie zu verlangsamen, betonen die Verantwortlichen in den letzten Tagen wieder und wieder.

Trotzdem müssen viele Menschen nach wie vor aus dem Haus – zur Arbeit, um Einkäufe zu erledigen oder Verwandte zu unterstützen. Die Stimmung in der Öffentlichkeit ist angespannt: Wer hustet, erntete böse Blicke, Menschen wechseln die Strassenseite, um nicht an anderen vorbeilaufen zu müssen, wer den Abstand an der Kasse nicht einhält, wird gerüffelt.

«Unsicherheit, Angst und fehlende Informationen führen zu Misstrauen»

Dieses kollektive Misstrauen begründet der Zürcher Psychotherapeut Thomas Steiner so: «Misstrauen entsteht durch Unsicherheit, Ängste, den Mangel an verlässlichen Informationen und bereits bestehende Sorgen.» Aufgrund der Corona-Krise träfen für viele Menschen derzeit gleich mehrere dieser Faktoren zu, sagt Steiner: «Die Angst vor dem Virus selber, nicht zu wissen, wie es weitergeht, und die Unsicherheit, ob man in zwei Monaten seinen Job noch hat, belastet derzeit sehr viele Menschen.»

Das Misstrauen wirkt sich laut Steiner gleich doppelt negativ auf die Stimmung aus: «Es ist schädlich für die Psyche und die sozialen Kontakte der Person, die misstrauisch ist, und es gibt der Person, der das Misstrauen entgegengebracht wird, ein schlechtes Gefühl.»

«Befürchte einen Anstieg häuslicher Gewalt»

Interessant dabei sei, dass wir Menschen, die wir kennen, oft weniger Misstrauen entgegenbringen: «Wenn wir jemanden kennen, vertrauen wir ihm und bilden uns deshalb ein, er sei vom Virus nicht betroffen.» Das sei natürlich ein Irrglaube, sagt Steiner. «Trotzdem fällt es manchen schwer, das Social Distancing bei Freunden einzuhalten.» Das Fremde hingegen mache den Menschen seit jeher Angst: «Das Misstrauen gegenüber Menschen, die wir nicht kennen, ist eine Art Alltags-Fremdenfeindlichkeit gegenüber einer unsichtbaren Bedrohung», sagt Steiner. Denn auf den gleichen Gefühlen gründe auch die Fremdenfeindlichkeit.

Steiner befürchtet, dass die Spannungen zunehmen werden, je länger die Krise andauert: «Es gibt Menschen in unserer Gesellschaft, bei denen diese aussergewöhnliche Lage Ängste verstärkt, das Misstrauen kann in Feindseligkeit umschlagen.» Kommen auch noch Ausgangssperren dazu, ist laut Steiner etwa mit einem Anstieg der häuslichen Gewalt zu rechnen. «Wenn Menschen über einen längeren Zeitraum auf engem Raum zusammen sind, weil sie zu Hause bleiben, die Kinder betreuen und auch noch arbeiten müssen, ist das ein enormer Stress», sagt Steiner.

«Wir werden gestärkt aus der Krise herauskommen»

In der Krise sieht Steiner aber auch eine Chance: «Es wird einzelne Verlierer und Opfer geben. Ich hoffe aber, dass wir als Gesellschaft gestärkt aus dieser Situation herauskommen werden.» Anzeichen dafür sehe er schon heute: «Ich habe festgestellt, dass nicht alle Menschen misstrauisch sind. Es gibt viel Solidarität, Menschen helfen sich, lächeln sich auf der Strasse an oder grüssen sich. Das schafft Vertrauen und Verbundenheit, was in dieser schwierigen Zeit sehr wichtig ist.»

Auch Thomas Berger, Leiter der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern, sagt, dass die Menschheit aus der Krise etwas lernen kann: «Vielleicht ist das Wissen und die Erkenntnisse, dass wir nicht alles unter Kontrolle haben und dass die Welt nicht immer gleich weiterfunktioniert, wie wir das kennen, das, was wir in und aus dieser Krise lernen.»

«Weil Menschen ein Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle haben und weil wir Angst haben und uns ohnmächtig fühlen, wenn wir sie verlieren, versuchen wir gerade intensiv, die Kontrolle wiederherzustellen», sagt Berger. «Und wenn uns das dann hoffentlich möglichst bald gelungen ist, gehen wir auch gestärkt aus dieser Krise heraus. Auch weil wir dann noch mehr Vertrauen haben, auch schwierige Situationen gut meistern zu können.»

(dgr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simone am 20.03.2020 14:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viele ältere ignorieren alles

    Ganz viele Menschen arbeiten zu Hause, viele organisieren sich mit der Kinderbetreuung, alle Restaurants etc... wurden geschlossen, viele Läden sind zu, ÖV fährt runter... dies alles um Risikogruppen zu schützen.. warum schätzen das so wenig +65 jährige? Ich (nicht risiko) schränke mich extrem ein, aber von meinem Balkon aus sehe ich die älteren Leute vor dem Coop stehen, in Gruppen quatschen u.s.w. Wir sind ein kleineres Dorf und etliche Leute haben Hilfe angeboten, aber die wollen einfach keine Hilfe... das macht mich wütend....

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  • Peter am 20.03.2020 14:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lächeln hilft

    Sehr guter Artikel Ja jeder sollte in dieser Situation gegenüber dem andern Menschen ein Lächeln übrig haben. Nach dem Moto: Ein Lächeln ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen.

  • Sally Brown am 20.03.2020 14:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verkauf

    misstrauen? pha was für ein witz! in meinem kiosk stehen die leute fast aufeinander trotz hinweise!! Leute haltet euch BITTE an die regeln in den läden! auch wen es euch selber egal ist!! und zahlt mit karte!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Holly am 20.03.2020 22:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke Natur

    Unsere Ängste sind eben etwas sinnvolles und helfen uns, uns in einer Situation wie jetzt richtig zu verhalten. Wir alle sind Nachkommen von Überlebenden vieler Seuchen.

  • Urs Beringer am 20.03.2020 22:13 Report Diesen Beitrag melden

    Existenzsicherung

    Schön das der Schweizer Staat den Selbstständigen unter die Arme greift und die sich beim CH Staat grosszügig einen Kredit mit plus Zinsen bekommen und sich so schon von Anfang an Verschulden werden können ! Danke für gar nichts !

  • p.burri am 20.03.2020 22:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gefährder

    Alle sollen den die Vorgaben des Bundesrats einhalten. Weniger als 5 Personen in Gruppen und Abstand von 2m. Auf Bildern und in Videos sieht man immer wieder Polizisten welche sich dem widersetzen. Habt Mut und zeigt auch diese Menschen an. Filmt und fotografiert sie als Beweis denn sie gefährden Menschenleben.

  • Mary860 am 20.03.2020 22:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Solidarität

    Die ganze Situation ist für uns alle speziell und wir alle müssen uns an neue Dinge halten und darauf achten. Ich arbeite im Verkauf und wir setzten alles daran, dass die Hygienemassnahme eingehalten werden, die Regale gefüllt sind und die Kunden trotz Ausnahmesituation alles erhalten, was sie benötigen. Es trifft uns dann umso härter, wenn ein Teil der Kunden die Situation runterspielt und leider teils auch beleidigend wird. Heute wurden wir innert einer Stunde mehrfach als Idioten beschimpft und schlimmeres. Ich hoffe sehr, dass wir vermehrt Rücksicht nehmen und einander helfen, statt misstrauisch zu sein. Trotz allem und auch etwas Angst vor der Situation, werden wir die Stellung in den Geschäften halten und unser Bestes geben, den Kunden das zu bieten, was benötigt wird. Ein bisschen mehr Solidarität würde uns allen gut tun. Bleibt gesund, wir schaffen das!

  • Geissenpeter am 20.03.2020 21:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich glaube niemandem mehr

    in schönen Zeiten hat man Solidarität und Frieden hochgehalten. Jetzt in der Krise hält niemand was davon. Jeder schaut für sich. Ich wusste dass der Mensch zu egoistisch ist und dass die Schönwetterversprechen für die Katz sind.