Buch über Céline

21. Januar 2017 17:20; Akt: 24.01.2017 18:03 Print

«Vor dem Zusammenbruch war ihre glücklichste Zeit»

von T. Bircher - Claudia Pfleger hat die Lebensgeschichte ihrer Tochter in einem Buch verewigt. Céline (25) ist seit fast 10 Jahren schwerstbehindert – doch sie versteht alles.

Im Interview erzählt Claudia Pfleger, wieso sie ein Buch über ihre Tochter Céline geschrieben hat. (Video: Jan Derrer/tab)
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Sie möchte gern schön sein. Der Lidstrich ist ihr besonders wichtig. Die Kleider will sie selber aussuchen, sie müssen zusammenpassen, farblich assortiert. Céline Pfleger ist heute 25 Jahre alt. Eine junge Frau, deren Leben kaum etwas mit dem einer Gleichaltrigen zu tun hat. Sie kann nicht gehen, sie kann nicht sprechen, sie kann selbständig nicht genug essen, um damit überleben zu können. Mit einer Sonde wird sie deshalb künstlich ernährt. Sich die Haare bürsten, Puder auftragen oder sich die Bluse zuknöpfen – für Céline unmöglich. Ihre Hände sind verdreht, ihre Finger gekrümmt. Sie hat kaum Kontrolle über ihre Bewegungen.

«Meine Tochter hat das schlimmste Schicksal getroffen», sagt Claudia Pfleger (53). Sie sitzt auf einem hellen Sofa in ihrem Haus in Herblingen, Schaffhausen. In den Händen hält sie ein Buch: «Céline. Antibabypille – und plötzlich schwerstbehindert.»

«Mami, mir ist schlecht»

Auf dem Umschlag sind zwei Fotos abgebildet. Eine junge, hübsche Frau mit blonden Haaren und einer orangen Blume in der Hand. Sie trägt ein schwarzes Kleid und wirft den Blick über ihre Schulter. Ein verschmitztes Lächeln liegt auf ihren Lippen. Daneben ein Mädchen, das schlaff in einem Rollstuhl sitzt, braunes, mattes Haar, Brille. Ihre Lippen sind aufeinandergepresst, der Blick ist müde, traurig. Im Kragen ihres hellblauen Pullis steckt ein weisses Tuch, das bis über ihre Knie hängt.

Das ist beides Céline. Dazwischen liegt der 20. März 2008, der Morgen, an dem sie im Badezimmer zusammenbrach. «Sie hatte gerade ihre Zahnspange herausgenommen, als es ihr plötzlich komisch wurde», so Pfleger. «Sie sagte: ‹Mami, mir ist schlecht›. Ihre Beine taten ihr weh. Und dann ging es ratzfatz, sie fiel zu Boden und war bewusstlos.»

«Bruno hat ihr das Leben gerettet»

Pflegers Freund Bruno kam ins Bad gerannt. «Sie war nicht ansprechbar, sie atmete nicht mehr, doch ich hörte ihr Herz schlagen. Ich mass ihren Puls und beatmete sie. Immer wieder sagte ich: ‹Bitte, wach auf.› Aber sie reagierte nicht, ihre Augen verdrehten sich. Plötzlich merkte ich, dass auch ihr Puls weg war. Also begann ich mit der Herzmassage und sagte Claudia, sie müsse unbedingt den Notfall alarmieren. In sieben Minuten waren sie da.» Bruno spricht bedächtig und ruhig.

«Ich bekomme heute noch Gänsehaut», sagt Claudia Pfleger und blickt auf ihren Arm. Sie ist klein und dunkelhaarig, die Worte sprudeln nur so aus ihrem Mund heraus. Viele Sätze beendet sie kaum, weil sie bereits beim nächsten ist. Ihr Mitteilungsbedürfnis muss enorm sein. Sie steht vor dem Fenster, durch das sie vor neun Jahren die Ambulanz heranrasen sah. «Sie fuhren an unserem Haus vorbei, ich rannte nach draussen und winkte wie eine Wahnsinnige.» Sie springt auf und ab, ihre Stimme überschlägt sich während sie vorführt, wie sie damals voller Panik den Rettungskräften hinterhereilte, während ihre Tochter ohnmächtig auf dem Badezimmerboden lag. «Bruno hat ihr das Leben gerettet.»

Derselbe Lidstrich wie Audrey Hepburn

Das Buch, das nun auf dem hellen Sofa liegt, erzählt die Geschichte von Céline. Es hat Claudia Pfleger beim Verarbeiten der Geschehnisse geholfen und es soll junge Frauen warnen. «Es ist kein perfektes Buch, ich bin keine Schriftstellerin, nur eine Mutter, die beschreibt, wie das Leben ihrer gesunden Tochter zerstört wurde», sagt Pfleger. Die Leidensgeschichte, die an diesem Tag begann und bis heute anhält, hat sie auf den 313 Seiten festgehalten. Die Diagnose: Beidseitige Lungenembolie mit Herzstillstand. Die Erkenntnis: Céline wird nie mehr dieselbe sein. Die Ursache: Gemäss Ärzten wohl die Yasmin-Pille, die die damals 16-Jährige erst seit wenigen Wochen genommen hatte. «Sie hatte einen Freund, war verliebt. Ich glaube, die Zeit vor ihrem Zusammenbruch war die glücklichste in ihrem Leben.»

Céline sitzt erwartungsvoll im Elektrorollstuhl im Wohnhaus für körperlich behinderte Menschen in Schaffhausen. Um Célines Hals liegt ein Schäfchen als Kopfstütze. «Du bist aber toll geschminkt heute», sagt Pfleger zu ihrer Tochter und küsst sie auf die Wange. Ein schwarzer Lidstrich zieht sich oberhalb der Wimpern entlang. Genau wie bei Audrey Hepburn, die von einem grossen Poster an der Wand neben Célines Bett herunterblickt. «Sie ist ihr Vorbild in Sachen Schönheit», sagt Pfleger.

Ein gesunder Geist gefangen in einem kranken Körper

Jetzt ist Céline aufgeregt, ein keuchendes Geräusch entflieht ihrer Kehle. Sie möchte unbedingt etwas sagen. Sie reisst die Augen weit auf und faucht erneut. Doch kein Wort verlässt ihren Mund. Frustriert schliesst die 25-Jährige die Augen. Ihre angewinkelten Arme strecken sich langsam nach vorne, ihre Finger werden wie von Geisterhand verkrümmt. Ihre spastische Lähmung nimmt Überhand. «Alles ist gut, mein Schatz, schau mal, ich habe ein Geschenk für Karin mitgebracht, sie hat doch heute Geburtstag. Du kannst es ihr am Abend geben.» Pfleger dreht Célines Arme langsam zurück, ihre Bewegungen entspannen sich, sie blickt auf das Geschenk, das vor ihr auf dem Tisch des Rollstuhls liegt, und lächelt.

Ablenkung sei das einzige Mittel in solchen Momenten, sagt Pfleger später. «Es muss für sie fast unerträglich sein, etwas sagen zu wollen und einfach keinen Laut herauszubringen.» Ihr Verstand funktioniere einwandfrei, ein gesunder Geist gefangen in einem kranken Körper. Das mache die Sache noch trauriger – manchmal wünschte sie sich, ihre Tochter müsste nicht realisieren, was mit ihr geschehen ist.

Dankbar für die Hilfe

Operationen, Reha, Umzug in eine neue Klinik, Gespräche mit den Ärzten, ein Hoffnungsschimmer, die Enttäuschung, Organisation von Terminen, wieder ein Umzug: All das gehört zu Pflegers Alltag. «Ich bin ihre Mutter, ihr Beistand.» Was das bedeute, könne sich niemand vorstellen, der nicht dasselbe erlebt habe. Der langwierige Prozess, den Pfleger bis vor Bundesgericht weiterzog, laugte sie zusätzlich aus. Doch sie verlor. Die Firma Bayer, die die Yasmin-Pille herstellt, muss nichts bezahlen, entschieden die Richter. Pfleger versteht das Urteil nicht. «Aber irgendwann findet man sich damit ab, es nützt ja nichts.» Die Wut bleibe, die Frage «wieso genau meine Tochter?» auch. «Ich habe mich verändert, negativ. Die Leichtigkeit des Seins ist weg. Ein Tag ohne Sorgen gibt es nicht mehr. Ich lebe in meiner kleinen Welt.»

Wenn sie denn einmal mit Freunden unterwegs sei, lache und aus sich herauskomme, erfahre sie oftmals später, dass fremde Leute über sie lästerten: «Der geht es ja gut, die ist ja fröhlich, so schlimm kann es gar nicht sein.» Das schmerze sie, aber auch damit habe sie gelernt zu leben. «Was nützt es meiner Tochter, wenn ich ständig traurig bin?»

Dankbarkeit empfindet Pfleger trotzdem hie und da. 2015 organisierten zwei Schaffhauser ein Rockkonzert, um für Céline Geld für einen Elektrorollstuhl zu sammeln. Dabei kamen rund 13'000 Franken zusammen. Der Stuhl selbst kostete über 42'000 Franken – doch die IV bezahlte nur einen Teilbetrag. Céline lernt derzeit, mit dem Elektrorollstuhl zu fahren.

«Wie das Leben meiner Tochter zerstört wurde»

Ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende

Für Céline waren die vielen Wechsel von Klinik zu Klinik strapaziös. «Sie ist völlig hilflos.» Die Angst vor der Veränderung begleite sie jeden Tag. Im Wohnhaus in Schaffhausen fühlt sich Céline wohl. «Aber wenn das Personal wechselt, wenn sie neue Betreuer bekommt, ist oft die Unsicherheit wieder da. Das ist eine riesige Vertrauenssache, die Leute waschen sie – auch im Intimbereich.» Kommunizieren kann Céline nur mit den Augen, mit kleinen Gesten und dem Kopf.

«Leute sagen manchmal, es wäre besser, sie hätte sterben können», sagt Pfleger. Als Mutter könne sie das nicht beurteilen. Sie sei froh, dass sie ihre Tochter noch habe, auch wenn das egoistisch sei. Aber manchmal denke sie auch, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Und ein Ende ist nicht in Sicht, auch keine Verbesserung oder Veränderung. «Céline bleibt, wie sie ist. Sie sieht nur noch drei Meter weit. Es kommt vom Hirn, an den Augen kann man nichts machen.» Sie habe lange gehofft, dass ihre Tochter einst wieder sprechen könne. «Die Logopädin sagte mir aber kürzlich, die Chance dafür sei etwa so gross, wie dass sie im jetzigen Zustand noch Klavier spielen lernt.»

Eine Pflegerin kommt ins Zimmer und zwinkert Céline zu. «Es ist Zeit für dein Bad.» Claudia Pfleger nähert sich ihrer Tochter, küsst sie erneut auf die Wangen und die Stirn. «Du siehst wunderschön aus heute, mein Schatz. Bis Morgen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • ViolaViolett am 21.01.2017 17:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sprachlos

    Hab keine Worte, bin fassungslos und könnte nur heulen, nachdem ich diesen Bericht gelesen habe. Das tut mir so leid und ich wünsche trotzallem alles Gute und viel Kraft. Ich kann das Urteil, die Richter und die Firma Bayer einfach nicht verstehen.

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  • Dave am 21.01.2017 17:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krass!

    Ist das echt schon 10 jahre her?!

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  • Don Logan am 21.01.2017 19:11 Report Diesen Beitrag melden

    kein Verständnis

    Ein Mädchen mit so einer Behinderung muss von der IV voll umgänglich entschädigt werden. Früher konnte sich jeder mit Lügen und Halbwahrheiten eine IV erschleichen. Heute wird gespart, wo man kann. Aber fürs Militär- und Asylwesen ist immer Geld vorhanden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Zeus187 am 22.01.2017 09:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich..

    Ich kann mit meinem Hass auf die Pharmamafia nicht umgehen... Wünsche Céline und Ihrer Familie alles gute...

  • Bruno am 22.01.2017 07:31 Report Diesen Beitrag melden

    Trotz allem

    Ich wünsche Celine und ihrer Mutter, dass sie trotz dieses Schicksals immer wieder gückliche Momente haben für die sich das leben trotzdem lohnt.

  • Frau Iseli am 22.01.2017 07:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und die Männer?

    Ändert zwar nichts am Schicksal der Armen Céline und wird auch in der Zukunft nichts ändern. Aber warum ist Verhütung immer Frauensache? Die Männer können höchstens ein Kondom verwenden, aber: Pille-für die Frau, Spirale-für die Frau, Spermizide-für die Frau, Diaphragma-für die Frau, Nuvaring-für die Frau, und so weiter und so fort. Warum müssen nur die Frauen ein solches Risiko auf sich nehmen? Ich höre bereits seit Jahrzenten, man hätte ein Verhütungsmittel für den Mann gefunden, leider habe diese aber zu viele Nebenwirkungen. Aber all die schweren Nebenwirkungen bei der Pille sind dann ok?

    • Vitos am 22.01.2017 07:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Frau Iseli

      Das finde ich auch ungmaublich. es ist überhaubt nicht fair. und das sag ich als mann! ich verstehe jede frau die sich nicht diesem risiko aussetzen möchte! es gibt mittlerweile so gute kondome, und wenn beide mittmachen kann man das spielerisch einbauen, ohne unterbruch, und ohne gefühlsverlust... ich finde es ist der frau in jedemfall selbst überlassen, ob sie die pille nehmen soll oder nicht. ich wünsche männerseits mehr verstäntniss! sieht nur diese schreckliche geschichte... und das ist bestimmt kein einzelfall!

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  • Frau Iseli am 22.01.2017 06:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld für die Behandlung

    Die Mutter sagt im Interview, sie habe das Buch nicht geschrieben, um damit Geld zu verdienen. Auch wenn sies nur fürs Geld getan hätte, die Familie kann ja auch nicht unendlich Geld für den Platz im Heim herzaubern! Bei der Klage gegen Bayer (mit weiss ich nicht wie vielen Millionen/Milliarden Umsatz) ging es ja darum, vom Konzern Geld für die lebenslange Behandlung von Celine zu erhalten. Aber der Konzern verfügt ja leider über die besten Anwälte, die jede Klage abschmettern, obwohl die Ärzte ja sagen, die Pille sei der einzige Risikofaktor gewesen. Für mich der Grund, Bayer zu boykottieren!

    • mesh am 22.01.2017 09:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Frau Iseli

      .... forschen Sie einmal die Gesichte von der Firma Bayer - dann beantworten sich einige Fragen von selber und die Geschichte ist tragischer, wie man denkt.

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  • Yuna am 22.01.2017 05:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es wäre besser gewesen, wenn...

    Ich werde jetzt wohl mächtig Hasskommentare erhalten, aber bin ich die Einzige die denkt, dass es für alle Beteiligten - inkl. Celine - besser gewesen wäre, wenn sie nicht überlebt hätte? Bitte nicht falsch verstehen, ihr Schicksal ist einfach so traurig und selbst die Mutter sagt, dass es ein gesunder Geist in einem schwerstbehinderten Körper ist. Ihre Eltern leiden und Celine auch, das ist doch kein Leben mehr. Und es liegt noch ein so langer Leidensweg vor ihnen.

    • Anna am 22.01.2017 06:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Yuna

      Nein, ich gebe Ihnen recht! So hart es sein mag, aber hätte ich die Wahl, wäre ich lieber 10mal gestorben als so Leben zu müssen...

    • Peter Schmidt am 22.01.2017 07:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Yuna

      Dies ist extrem schwierig aus der Ferne einzuschätzen. Dass fürs Umfeld ein Tod einfacher zu verkraften ist, scheint aber klar.

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