Körperfixierte Jugend

10. Mai 2012 08:52; Akt: 10.05.2012 11:54 Print

«Wäre Barbie echt - sie könnte nicht überleben»

von Jessica Pfister - Teenager sind oft unglücklich in ihrem Körper und eifern unrealistischen Schönheitsidealen nach. Mit dem Projekt Bodytalk versuchen Kantone, diesen Trend zu brechen. Ein Einblick.

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Die Achtklässlerinnen der Sek E und G im thurgauischen Diessenhofen sind sichtlich nervös. Sie rutschen auf ihren Stühlen hin und her, schlagen die Beine übereinander und kichern verlegen. Noch wissen sie nicht genau, was sie in den nächsten 90 Minuten erwartet. «Ich glaube, wir reden über Schönheit und so», sagt eines der Mädchen, die alle zwischen 14 und 15 Jahren alt sind.

Doch so richtig reden mag am Anfang niemand, als sich Bodytalk-Kursleiterin Judith Hinderling in die Mitte des Kreises stellt und sagt: «Macht euch ein Bild von mir und sagt mir dann, worauf ihr geschaut habt.» Es bleibt ruhig. «Kommt schon! Nichts, was ihr sagt, ist falsch», ermuntert die 39-jährige Biologin und Lehrerin die Teenager. «Auf das Gesicht», sagt ein Mädchen, sie errötet, lacht und lässt dabei ihre Zahnspange aufblitzen. «Auf die Körperhaltung», schlägt eine Klassenkameradin vor. Was die meisten wohl wirklich denken, wagt nur die Projektverantwortliche Brigitte Rysen auszusprechen: «Ich schaue darauf, was sie anhat.» Die Mädchen nicken zustimmend.

Der Idealmann: Gross und selbstbewusst

Wesentlich lauter geht es derweil im Nebenzimmer zu und her. Dort beschäftigen sich die Jungs mit demselben Thema - getrennt von den Mädchen, damit sie diese nicht dominieren. Nachdem sie sich einen Film über die angesagtesten männlichen Models angeschaut haben, fordert sie Workshopleiter Nicolas Nägeli auf, den idealen Mann zu beschreiben. Die rund 20 Schüler – vom schmächtigen Jungen mit kindlichem Gesicht über den blonden Schönling mit angesagten V-Shirt bis zum etwas korpulenten jungen Mann mit Bartwuchs – lassen sich nicht zweimal bitten.

«Gross muss er sein und kräftig», sagt einer aus der Runde. 1,85 Meter seien ideal. «So ein V-Körper, weisst du.» Ausserdem selbstbewusst und reich. «Eine schöne Frau sollte er auch haben», ergänzt ein anderer Junge. «Und einen grossen Penis.» Grosses Gelächter im Raum. Sie taufen den idealen Mann Pippo – nach dem Rufnamen des italienischen Fussballidols Fillipo Inzaghi. Was auffällt: Kaum ein Attribut zum Charakter von Pippo. Immerhin etwas: Humorvoll soll der perfekte Mann sein.

«Enormer Druck auf Teenager»

Die – durch Mode-, Nahrungsmittelindustrie und Medien vermittelten - Schönheitsnormen von superschlanken Frauen und muskulösen Männern sollen im Projekt Bodytalk kritisch hinterfragt werden. Ziel ist, das Selbstbewusstsein der Jugendlichen zwischen 13 und 20 Jahren zu stärken und sie darüber aufzuklären, dass das ständige Nachdenken über die Figur, das Gewicht und das Essen keine Probleme löst, sondern das Leben lustlos macht. «Die enge Definition von Schönheit in unserer Gesellschaft übt einen enormen Druck auf die Teenager aus», sagt Projektleiterin Brigitte Rychen vom Verein Prävention Essstörungen Praxisnah.

Dieser Druck könne nicht nur zu einem geringen Selbstwertgefühl führen, sondern auch Essstörungen wie Mager- oder Esssucht auslösen. In den Gruppenworkshops wolle man die Jugendlichen dabei unterstützen, sich wohler zu fühlen in und mit dem «realen Körper». Dass dies bitter nötig ist, zeigt eine neue Studie, wonach sich die jungen Schweizer Mädchen zunehmend zu dick fühlen und auch die Jungs immer öfters unzufrieden sind mit ihrem Körper.

«Will Kumpel ja nicht heiraten»

Die hohen Ansprüche an den eigenen Körper zeigen sich auch im Bodytalk-Kurs in Diessenhofen deutlich – gerade bei den jungen Männern. Als diese Kärtchen mit Fragen zu Gewicht und Körperbild vorlesen und beantworten müssen, lautet eine der Fragen: «Bin ich mit meinem Körperbild zufrieden?». «Nein», sagt der betreffende Junge wie aus der Pistole geschossen. Er finde sich zu schmal. Deshalb trainiere er jetzt Thai-Boxen. Ein Six-Pack wolle er zwar nicht haben, aber ein paar Muskeln wären schon gut. «Warum glaubt ihr denn, ist das Aussehen heute so wichtig?», fragt der 22-Jährige Kursleiter und Student Nicolas Nägeli in die Runde. «Weil die Mädchen das gut finden», antwortet ein Schüler.

In der nächsten Übung soll jeder auf ein Blatt die Werte notieren, die er bei seinen Freunden besonders schätzt. Danach müssen sie angeben, wie viele Werte davon das Aussehen betreffen. Das Ergebnis ist eindeutig: Kaum jemand schaut bei seinen Freunden auf das Äussere. Was sie daraus schliessen, will Nägeli wissen: «Dass Aussehen eben doch nicht so wichtig ist», sagt ein Schüler. Doch ein anderer widerspricht: «Der ideale Mann ist auch nicht der ideale Kumpel – den will ich ja auch nicht heiraten.» Seine Klassenkollegen grölen.

Schmale Barbie, muskulöser Ken

Um Idealbilder dreht sich die Diskussion auch bei den Mädchen – allerdings in Form von Barbiepuppen. Fast jedes der Mädchen hatte selbst auch eine Barbie oder einen Ken zu Hause. Warum, will die Kursleiterin wissen? «Weil man der Barbie so schön die Haare schneiden konnte.» Nicht wegen des grossen Busens und den langen Beinen? «Nein.» Ein Vergleich mit der Barbie mache auch überhaupt keinen Sinn, sagt die Kursleiterin. So sei ihr Oberkörper so schmal und kurz, dass gar nicht alle Organe reinpassen würden. Und was fällt bei Barbies Freund Ken auf? «Der neue Ken hat viel mehr Muskeln als der alte», stellen die Mädchen fest. «Und eine Frisur wie Justin Bieber», ergänzt ein Mädchen und flüstert ihrer Sitznachbarin zu: «Der alte Ken gefällt mir viel besser.»

Im Unterschied zu den Jungs gibt kein Mädchen offen zu, dass es mit seiner Figur Probleme hat. So antwortet ein Mädchen auf die Frage, ob man über das eigene Gewicht Bescheid wissen sollte, klar mit Nein. «Ich stehe nie auf die Waage.» Ob sie sich denn wohl fühle, so wie sie sei: «Ja, absolut.» Das mag in ihrem Fall stimmen. Doch dass sonst keines der Mädchen über Essensprobleme spricht, ist wohl kein Zufall. «Es ist natürlich cooler zu sagen, dass man kein Problem mit dem Essen und seiner Figur hat – auch wenn das oftmals nicht stimmt», sagt Rychen.

Etwas fällt dennoch auf: Obwohl die Mädchen ihre Figur in Ordnung finden und ihnen Topmodels als zu mager erscheinen, kennen sie sich mit Ernährung und Abnehmen viel besser aus als die gleichaltrigen Jungs. So wissen sie beispielsweise, dass langsamer essen schneller satt macht und das Gehirn 20 Minuten braucht um zu registrieren, dass man gegessen hat. Und während die Jungs auf die Frage: «Hörst du manchmal auf zu essen, obwohl du nicht satt bist?», unisono mit einem lauten Nein antworten, hiess es bei den Mädchen: «Ja, wenn ich gerade etwas anderes zu tun habe.»

«Cool, so offen zu reden»

Projektleiterin Rychen ist sich bewusst, dass sie und ihr Team in einer Doppelstunde Bodytalk keine Wunder vollbringen und allfällige Essstörungen diagnostizieren können. Um die Jugendlichen über den Kurs hinaus zu sensibilisieren, verteilen die Kursleiter den Schülern deshalb eine kurze Infobroschüre im Kreditkartenformat. Dort sind einerseits Fakten rund um das Thema Essen, Körper und Gefühle aufgelistet, andererseits sind die wichtigsten Essstörungen erklärt und Adressen für Hilfestellungen angeführt.

Ob sich betroffene Jugendliche aufgrund des Workshops bei den Anlaufstellen melden, wurde noch nicht evaluiert – zumindest kurzfristig hat der Kurs aber Eindruck gemacht. «Es war cool, so offen über alles reden zu können», sagen die Jungs. Auch bei den Mädchen ist die Resonanz auf den Workshop durchwegs positiv. Einig sind sie sich auch darüber, was sie am meisten beeindruckt hat: «Dass unsere Freundinnen uns wegen des Charakters mögen und nicht wegen des Aussehens.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rafael am 10.05.2012 10:35 Report Diesen Beitrag melden

    Barbie

    Ist Barbie wirklich das Problem? Oder eher die Mager-Models welche 2% der Menschheit repräsentieren (wobei 98% davon nicht absichtlich so dürr sind)? Wie schaut es mit den Photoshop-Stars aus? Kein Problem?

  • B-Real am 10.05.2012 09:00 Report Diesen Beitrag melden

    Wir müssen uns nichts vormachen

    Was ist mit Valeria Lukyanova, Sie lebt ja auch?!!

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  • weberli am 11.05.2012 05:59 Report Diesen Beitrag melden

    blödsinn..

    das "problem" gab es schon vor 20 jahren. darum einheitsuniformen ala japan oder china und das grösste "problem" ist erledigt. die schulw soll sich auf das konzentrieren wofür sie da ist....zum lernen. das andere sollen die eltern endlich wieder machen !

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Die neusten Leser-Kommentare

  • weberli am 11.05.2012 05:59 Report Diesen Beitrag melden

    blödsinn..

    das "problem" gab es schon vor 20 jahren. darum einheitsuniformen ala japan oder china und das grösste "problem" ist erledigt. die schulw soll sich auf das konzentrieren wofür sie da ist....zum lernen. das andere sollen die eltern endlich wieder machen !

    • Josha Kuhn am 11.05.2012 14:05 Report Diesen Beitrag melden

      kein Blödsinn

      Leider muss ich da widersprechen...!!! Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir... also super mal etwas sinnvolles wie Ernährung, Körper, etc. zu behandeln... Wenn Mädchen heute im Kindergarten (das ist tatsächlich so) aufhören zu essen, weil sie sich zu dick finden, mit Tops und Miniröcken umherlaufen, weil das die Laufstegmodells so tun, muss ich sagen, die Welt ist dem Abgrund nahe!! Zu wenig Nahrung schadet dem Körper und Frauen wolle ja nicht nur als Gebrauchsobjekt behandelt werden, also sollten sie auch was dagegen tun!!

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  • Stef L. am 10.05.2012 18:50 Report Diesen Beitrag melden

    Dürrr....brrrrrr...

    Wer abnehmen will sollte auf Süsses ganz verzichten, denn der Körper geht erst an die Fettreserven, wenn der Zucker verheizt ist. Aber bitte nicht zuviel liebe Frauen! Wer steht steht schon drauf, wenn man bei Frau sämtliche Knochen sehen kann? Ich auf keinen Fall. Lieber 10kg "zuviel" als 10kg zuwenig. Wirklich!

  • Fiona am 10.05.2012 17:16 Report Diesen Beitrag melden

    vor 10 Jahren

    Der Druck auf Jugendliche ist heute bestimmt nicht schlimmer als in meiner Generation vor 10 Jahren... Auch wir hatten unsere Vorbilder. Wer nicht da rein passte, wurde gemobbt, gehänselt, ja sogar verprügelt! Aber heute spricht man über diese Themen, da man durch die Medien (Models ect.) kaum mehr an ihnen vorbei kommt. Vortschritt! Zu meiner Zeit wurden Essstörungen, Mobbing ect. Tod geschwiegen und unter den Teppich gekehrt...

  • s.o. am 10.05.2012 15:40 Report Diesen Beitrag melden

    Somalierin

    Waere Barbie echt, dann waere sie Somalierin. Die sehen naemlich so aus. duenn und lange Arme und Beine. Auch wenn sie in Europa wohnen. Die sind so gebaut.

  • R. H. am 10.05.2012 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Finde ich super!

    Es ist wichtig, die Kinder und Jugendlichen während ihrer Schulzeit optimal aufs Leben vorzubereiten. Den eigenen Körper zu akzeptieren ist grundlegend. Zu wissen, was gesund und ungesund ist, gehört zum Allgemeinwissen. Da sich viele Eltern keine Zeit nehmen sich mit ihrem Nachwuchs ernsthaft zu beschäftigen, bleiben solche Themen vermehrt an der Schule hängen. Es wäre Fortschrittlich, wenn andere Schulen folgen.

    • nurmalso am 11.05.2012 13:45 Report Diesen Beitrag melden

      Fortschrittlich?

      Wenn die Lehrer die Kinder erziehen, wer bringt ihnen dann so rückständige Dinge wie Mathematik, Sprachen und Naturwissenschaften bei?

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