Prämien-Schulden

17. November 2017 11:05; Akt: 17.11.2017 11:05 Print

«Wegen der Krankenkasse leben wir in Armut»

Über 30’000 Personen zahlen ihre Krankenkassenprämien nicht mehr. Betroffene erzählen von den Gründen und Folgen.

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Seit 2014 hat sich die Zahl der säumigen Prämienzahler mehr als vervierfacht. Waren es 2014 noch 7300 Fälle, befinden sich momentan 29800 Personen auf der schwarzen Liste. Auch nächstes Jahr steigen die Prämien um durchschnittlich 4 Prozent an. Viele Versicherte schlittern aufgrund der steigenden Kosten in die Schuldenfalle. M. T.s Krankenkasse bezahlte ihr plötzlich die dringend benötigten Medikamente gegen Depressionen nicht mehr – weil ihr Leiden nicht lebensgefährlich sei. Ein «kalter Entzug» war die Folge. «Den Krankenkassen ist es völlig egal, wie es uns geht, die kümmern sich nur um den Profit», sagt T. konsterniert. «Ohne Krankenkassenprämien wären wir nicht in den Schulden», sagt V., der Vater eines dreijährigen Sohnes. In diesem Jahr konnte er das Geld für die Prämien praktisch nie aufbringen. «Die Politik sollte dringend für eine Prämienreduktion sorgen», meint V. «Ich finde es einen Witz, dass Lehrlinge nicht niedrigere Prämien haben», sagt K. Während der Lehre verdiente sie rund 1000 Franken, da sie allerdings schon von zu Hause ausgezogen war, reichte das Geld hinten und vorne nicht. «Ich habe die Krankenkasse vernachlässigt und dafür meine Miete bezahlt und Lebensmittel gekauft.» Auch T. S. (28) würde eine staatliche Krankenkasse mit direkter Abrechnung über den Lohn befürworten. S. bezeichnet sich selber als «notorischen Spät- oder Nichtzahler» der Krankenkassenprämien. Ärztliche Konsultationen meide er daher grundsätzlich, Erkältungen, Infektionen oder Platzwunden kuriere er zu Hause aus.

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Neun Kantone führen eine schwarze Liste mit Personen, die ihre Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen. Seit 2014 hat sich die Zahl der säumigen Prämienzahler mehr als vervierfacht, wie die «Aargauer Zeitung» schreibt. Waren es 2014 noch 7300 Fälle, befinden sich momentan 29’800 Personen auf der schwarzen Liste. Auch nächstes Jahr steigen die Prämien um durchschnittlich 4 Prozent an. Viele Versicherte schlittern aufgrund der steigenden Kosten in die Schuldenfalle.

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Haben Sie auch schon die Krankenkassenprämien nicht bezahlt?

Wer einmal auf der schwarzen Liste steht, dem gewähren die Krankenkassen nur noch eine Notversorgung. Es werden also weder Medikamente noch ärztliche Versorgungsleistungen gezahlt, wenn die Situation nicht lebensbedrohlich ist. Betroffene haben 20 Minuten ihre Geschichte erzählt.

T. S.* (28), Rechtsangestellter: «Ich meide Arztbesuche»

Auch T. S. würde eine staatliche Krankenkasse mit direkter Abrechnung über den Lohn befürworten. S. bezeichnet sich selber als «notorischen Spät- oder Nichtzahler» der Krankenkassenprämien. Der studierte Rechtsangestellte wurde mit 26 von der Teuerung der Prämien, des Handy-Abos und der Steuern auf dem falschen Fuss erwischt und wurde betrieben. Obwohl er 100 Prozent berufstätig sei und weder Auto noch ÖV-Abonnement habe, komme er nicht zum Sparen. «Das ist sehr beschämend und zermürbend», sagt S. «Wer geht schon gerne bei der Familie betteln.» Ärztliche Konsultationen meide er daher grundsätzlich, Erkältungen, Infektionen oder Platzwunden kuriere er zu Hause aus. «Diese jährlichen Prämienaufschläge sind für mich darum nicht nachzuvollziehen», sagt S.

L. K.* (21), KV-Angestellte: «Ich habe Lebensmittel gekauft, anstatt Prämien zu zahlen»

«Ich finde es einen Witz, dass Lehrlinge nicht niedrigere Prämien haben», sagt K. Während der Lehre verdiente sie rund 1000 Franken, da sie allerdings schon von zu Hause ausgezogen war, reichte das Geld hinten und vorne nicht. «Ich habe die Krankenkasse vernachlässigt und dafür meine Miete bezahlt und Lebensmittel gekauft.» Sie will ihre Prämien eigentlich nicht schuldig bleiben, aber anders gehe es momentan nicht. «Bei mir liegt es nicht am Nichtwollen, sondern am Nichtkönnen», sagt sie.

M. T.* (56), Raumpflegerin: «Ich durchlebte einen kalten Entzug»

M. T.s Krankenkasse bezahlte ihr plötzlich die dringend benötigten Medikamente gegen Depressionen nicht mehr – weil ihr Leiden nicht lebensgefährlich sei. Ein «kalter Entzug» war die Folge. «Den Krankenkassen ist es völlig egal, wie es uns geht, die kümmern sich nur um den Profit», sagt T. konsterniert. Nachdem die Krankenkassenprämien 2016 für die Familie um mehrere Hundert Franken zunahmen, der Sohn volljährig wurde und darum die Prämienverbilligung und das Kindergeld für sie wegfiel, fing der Albtraum für M. T. an. «Wir sind wegen der Krankenkasse in die Schulden geschlittert», berichtet sie. Jahrelang habe sie brav ihre Steuern und Prämien bezahlt, aber sobald man in der Schweiz in Schwierigkeiten gerate, werde man alleingelassen. «Vor ein paar Jahren gehörten wir noch zum Mittelstand, jetzt leben wir in Armut», sagt T. Daher sei sie auch für die Einführung einer Einheitskasse.

P. V.* (33), Logistiker: «Wegen den Prämien ist unsere Familie verschuldet»

«Ohne Krankenkassenprämien wären wir nicht in den Schulden», sagt V., Vater eines dreijährigen Sohnes. In diesem Jahr konnte er das Geld für die Prämien praktisch nie aufbringen. Neben der teuren Miete und Steuern bliebe der Kleinfamilie am Monatsende nicht viel Geld übrig. «Ich fühle mich schlecht, aber man gewöhnt sich bekanntlich an alles», sagt V. Wenn der Bund die Prämienverbilligungen noch weiter kürze, werde es für ihn noch weniger möglich, die Prämien je wieder zu bezahlen. «Die Politik sollte dringend für eine Prämienreduktion sorgen», meint V.

*Namen der Redaktion bekannt

(dk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sven am 17.11.2017 11:15 Report Diesen Beitrag melden

    Einheitskrankenkasse

    Ich könnte wetten, dass die Abstimmung über eine Einheitskrankenkasse heute deutlich anders ausgehen würde...

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  • Qkuqer am 17.11.2017 11:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Teufelskreis

    Die die sich die KK nicht mehr leisten können gehen halt nicht zum Arzt dafür aber zur Arbeit und stecken andere an, die wiedrum zum Arzt gehen und somit die KKprämien erhöhen. Mein Vorschlag wäre ja eine Nonprofit-KK aber ja, dass würde ja bedeuten das die Reichen weniger reicher werden und der Mittelstand würde ja profitieren. Das geht doch nicht. Und dann bleiben ja noch die Gemälde für 450mio liegen...

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  • Don Juan am 17.11.2017 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Logisch

    Wird auch weiterhin nicht funktionieren wenn wir weiterhin alle dahergelaufenen mit offenen Armen empfangen und ihnen die Prämie bezahlen. Gleichzeitig sind es diese Leute welche sehr engagiert dafür schauen dass es jedes Jahr teurer wird.

Die neusten Leser-Kommentare

  • arnold gasser am 17.11.2017 20:14 Report Diesen Beitrag melden

    aber

    Aha, und diese Leute sollen jährlich noch ein paar hundert Franken Billag blechen...

  • Heinz (SG) am 17.11.2017 12:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich bitte um eine ehrliche Antwort

    Ich hatte vor ca 4 Jahren mit 51 Jahren einen Herzinfarkt, ausgelöst durch einen extrem hohen Bluthochdruck und einer schweren Herzmuskelentzündung und natürlich Jahrelangem Stress in der Firma. Hatte bei der Einlieferung 267 auf 214 Blutdruck und war bewusstlos. Habe mich bis heute nicht richtig erholt und der Blutdruck ist trotz schon stärkerer Blutdrucktablette immer im Bereich von 200 und 150. Ist sehr gefährlich. Es gäbe sehr gute Kurtherapien (Sandtherapie), aber die Krankenkassen zahlen nur zwischen 10-20 CHF im Tag, was ich als eine Frechheit bezeichne. Um noch zu den KK Prämien zu kommen. Privatversichert ist dermassen teuer (so würde die KK sehr viel zahlen), dass sich das ein Normalsterblicher nicht leisten kann. Warum hat es in Deutschland KK die ein rundum Angebot haben für verschwingliches Geld, das 5-6x billiger ist (nicht nur in D)? Verdienen sie in D 5-6x weniger, oder hat unser Abzockerstaat noch nicht genug davon? Ich habe Angst dass ich mal flach liege und möchte meine Enkelkinder noch lsnge geniessen dürfen. Kann ich als CH auch eine KK in D abschliessen und in Grenznähe (Konstanz) zum Arzt gehen? Machen Politiker vielleicht auch, so wie einkaufen, zweiteres schon gesehen. Ich bitte um eine ehrliche Antwort. Danke

  • Pack Man am 17.11.2017 12:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine persöhnliche Billanz

    Mir ist aufgefallen,dass seit dem Prämien Anstieg,in der Praxis beim Hausarzt,sowie auch in der Klinik,alles sehr schnell gehen muss und man/Frau innerhalb von 5-10 min.fertig ist.Es wäre lustig,wenns nicht so traurig ist,dass auch wenn man überpünktlich ist,trotzdem mit einer Wartezeit von einer Stunde rechnen kann und das immer.Was ich auch nicht verstehe,warum ich zweimal in die Röhre muss um Lunge u Bauch zu durchstrahlen.?!Diese CTs und MRs nehmen doch immer meinen ganzen Torso auf-warum teilen die Gastro u die Torax nicht?Also es wird immer teurer,aber dafür auch schlechter?!Na super!;/

  • R.z am 17.11.2017 12:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Glaube nicht alles

    Wer glaubt an eine Einheitskasse, wäre doch ein Abbau von Hochbezahlten Leuten, glauben wir doch nicht an das wer würde wohl freiwillig auf einen Chefsessel verzichten vorallem wenn der nich vergoldet ist. Wir dürfen nicht den Ärzten oder den Spitälern schuld geben oder denen die Erkranken sondern unseren systemen. Wieso werden staatliche istitutionen wegrationalisiert und private rendieren. Eigenverantwortung und weg mit den Schönheitsoperationen. Hier liese sich einiges einsparen. Wer etwas besonderes will soll dafür zahlen aber nicht ich zahle anderen besonderes.

  • Markus K. am 17.11.2017 12:11 Report Diesen Beitrag melden

    Krankenkasse sind manchmal auch schuld

    Ich habe immer wieder das Problem das meine Krankenkasse mir die Rückerstattungs-Belege nicht oder nur auf Aufforderung Auszahlen oft warte ich Monate darauf . Mein Arzt will sein Geld innert Zahlungsfrist haben. Bezahle ich mein Arzt nicht, Behandelt er mich erst wieder wen ich Zahle. Oft habe ich das Geld nicht um beides zu Zahlen

    • Larje am 17.11.2017 20:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Markus K.

      Evtl. doch mal KK wechseln?

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