Leben unter dem Existenzminimum

08. November 2019 07:40; Akt: 08.11.2019 07:40 Print

«Weiss, wie es ist, wenn nichts zum Essen da ist»

von Qendresa Llugiqi - Die zweifache Mutter Julia Nickel (37) weiss aus eigener Erfahrung, wie sich Hungern anfühlt. Mit einem Projekt möchte sie nun Armen in der Schweiz helfen.

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«Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Mädchen – drei und sieben Jahre alt – und lebe unter dem Existenzminimum», sagt Julia Nickel (37) aus Menziken AG zu 20 Minuten. «Ich weiss, wie es ist, wenn man die Küchenschränke öffnet und nichts zum Essen da ist – und auch kein Geld auf dem Konto, um Essen zu kaufen. Deshalb wollte ich die Weihnachtszeit nutzen, um den Ärmsten in unserer Gesellschaft unter die Arme zu greifen.»

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Die Studentin gründete 2017 das Projekt #adventskalenderumgekehrt auf Facebook. Freiwillige Helfer und auch sie bieten über die Plattform Hilfesuchenden Direkthilfe in Form eines Lebensmittelpakets mit mindestens 24 lange haltbaren Lebensmitteln an. «Im ersten Jahr haben wir 43 Pakete an armutsbetroffene Familien und Alleinstehende verschickt, im zweiten bereits 100 Pakete mehr. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Jahr noch mehr Pakete verteilt werden.» Einige Helfer seien sogar so grosszügig gewesen, dass sie noch mehr Lebensmittel oder gar Weihnachtsgeschenke für die Kinder obendrauf gepackt hätten.

Schwarze Schafe

Natürlich gebe es auch bei ihrem Projekt schwarze Schafe: «Es gab Hilfesuchende, die sich nicht nur bei uns angestellt hatten. So erhielten sie Hilfe aus verschiedenen Richtungen, während andere froh sein konnten, ein Paket zu erhalten», sagt Nickel. «Auch empfehlen wir, kein Bargeld zu schenken. Denn viele, die sich in der Armutsspirale befinden, können nicht mit Geld umgehen.»

Auch auf der Helferseite laufe es nicht immer einwandfrei: «Es gab Helfer, die nur Billigware oder weniger als 24 Produkte verschenkten. Oder solche, die in letzter Sekunde abgesprungen sind. Vermutlich wollten sie kein Geld ausgeben.» Bisher habe man den Hilfesuchenden dennoch ein Paket schicken können: «Letztes Jahr übernahm beispielsweise eine der Helferinnen in letzter Sekunde eine weitere Familie und ging für 300 Franken einkaufen. Mit dem Einkauf fuhr sie dann bei der betroffenen Familie vorbei. Sie können sich vorstellen, wie gross deren Freude war.»

Inhalt hat einen Wert von 120 bis 300 Franken

Auch dieses Jahr wiederholt Nickel das Projekt: «Seit dem 1. November nehmen wir über unsere Facebook-Gruppe Anfragen von Hilfesuchenden und Helfern an. Man kann dann aber über Beitrittsanfragen teilnehmen. Wir wollen Hoffnung schenken und entlasten.» Das Thema Armut in der Schweiz sollte nicht verschwiegen werden.

Nickel fungiert als Vermittlerin zwischen den Hilfesuchenden und den freiwilligen Helfern. «Ich leite nur die nötigsten Informationen weiter. Die Helfer übernehmen alle Kosten für die Lebensmittel, so auch das Porto für das Päckchen.» Der Inhalt der Pakete habe einen Wert von 120 bis 300 Franken, das Porto betrage meist rund 20 Franken. Obwohl sie selbst unter dem Existenzminimum lebe, spende sie selbst auch jedes Jahr ein Paket: «Ich wähle dann meistens eine alleinstehende Person. Leider kann ich mir nicht mehr leisten.» Die Pakete würden quer durch die Schweiz verschickt, so etwa ins Wallis, ins Tessin, nach Graubünden oder in das Fricktal.

Prominente Hilfe

Bei ihrem Projekt sei ihre Freundin Gabriela Langenegger aus Reinach BL eine grosse Hilfe: «Im Hintergrund läuft viel, damit das Projekt zustande kommt. Gabriela ist ein herzensguter Mensch, ohne den ich all das nicht stemmen könnte.» Die beiden hätten durch das Projekt zueinandergefunden. «Gabriela wollte damals als Helferin ein Paket spenden. Und nun ist sie zusammen mit mir das Herz des Projekts.»

Dieses Jahr erhält das Duo prominente Hilfe: Starköchin Meta Hiltebrand wird vier eigene Pakete verschicken. Ausserdem sponsert sie einen Fondueabend für rund zehn Familien in ihrem Restaurant Le Chef in Zürich. Nickel: «Wir können es kaum erwarten, mit dem Projekt loszulegen. Das wird eine zeitintensive, aber tolle Vorweihnachtszeit.»