Schweizer Botschafterin

11. Dezember 2019 12:59; Akt: 11.12.2019 12:59 Print

«Wenn ich zur Hizbollah gehe, trage ich Kopftuch»

von Zora Schaad - Monika Schmutz Kirgöz ist Botschafterin im Libanon. Im Interview spricht sie über die Hizbollah, den Feminismus, die Revolution und das Botschafterleben.

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Seit zwei Jahren ist Monika Schmutz Kirgöz Botschafterin im Libanon. Hier ist sie auf Truppenbesuch an der syrischen Grenze. SP-Nationalrat Fabian Molina besuchte den Libanon im November 2019. Er sprach mit libanesischen Politikern, Unternehmern, der Botschafterin und verschiedenen Aktivisten – unter anderem über die anhaltenden Proteste und den Unmut in der Bevölkerung. Von den Protesten will sie sich mit eigenen Augen ein Bild machen. Ihr Bodyguard weicht nicht von ihrer Seite. It's a man's world: Die Schweizer Botschafterin an einem Lunch mit libanesischen Parlamentariern, Unternehmern und Botschaftsmitarbeitern. Oft ist sie die einzige Frau. Ein Nachteil sei das nicht: «Ich habe den Eindruck, dass der Zugang zu den Machtzirkeln als Frau einfacher ist.» Der Parlamentarier Anwar El Khalil, Präsident der Freundschaftsgruppe Schweiz-Libanon, flankiert von SP-Nationalrat Fabian Molina und Botschafterin Monika Schmutz Kirgöz. Die Schweizer Botschafterin setzt sich auch mit hohen Vertretern der Hisbollah, die in manchen Ländern als Terrororganisation gilt, an den Verhandlungstisch. «Es ist unsere Stärke, dass wir mit allen sprechen. Wenn ich zur Hisbollah gehe, trage ich lange Ärmel und Kopftuch. Das ist ein Zeichen des Respekts. Von Hermès gibt es ein paar sehr schöne Tücher», sagt sie lachend. Im August 2018 besuchte der damalige Bundespräsident Alain Berset den Libanon. Gemeinsam mit der Botschafterin besuchte er ein Flüchtlingscamp. Auf 4 Millionen Libanesen kommen 1,5 Millionen Flüchtlinge, vor allem aus Syrien und Palästina.

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Das Gespräch findet in der Botschaftsresidenz statt, die im 12. Stock eines modernen Hochhauses in der Hauptstadt Beirut liegt. Die Residenz erstreckt sich über zwei Etagen. Im oberen Stock wohnt Monika Schmutz Kirgöz mit ihrem jüngeren Sohn, ihrem Mann und zwei Katzen. Der untere Stock ist für offizielle Anlässe vorgesehen: Marmorböden, ein Flügel im Raum, Kunst an den Wänden. Auf dem Balkon serviert der Botschaftsgatte den Apéro – libanesisches Fingerfood mit Schweizer Fähnchen.

Frau Botschafterin, wie gestaltet sich Ihre Arbeit im Libanon, einem arabischen Land?
Der Libanon ist ein arabisches Land, aber ein Land mit 18 anerkannten Religionen. Hier ist die Funktion wichtiger als das Geschlecht. Ich fühle mich hier sehr ernst genommen, obwohl Frauen im Libanon immer noch weit weg sind von einer Gleichberechtigung. Die Libanesinnen können beispielsweise ihre Nationalität nicht an ihre Kinder weitergeben, ihre Kinder im Fall einer Scheidung nicht behalten.

Setzen Sie Ihre Weiblichkeit gezielt ein?
Ja, ich glaube schon. Ich habe den Eindruck, dass der Zugang zu den Machtzirkeln als Frau einfacher ist. Der Chef der Armee etwa freut sich immer ganz besonders, dass ihn eine Frau besucht. Hier wird ausserdem viel Wert auf das Auftreten gelegt. Ich achte darauf, immer anständig und religionsgerecht gekleidet zu sein. Wenn ich in die Viertel der Hizbollah gehe, trage ich lange Ärmel und Kopftuch. Das ist ein Zeichen des Respekts. Von Hermès gibt es ein paar sehr schöne (lacht). Und wenn ich Hizbollah-Führer zu mir nach Hause einlade, ist klar, dass ich keinen Alkohol auftische.

«In der Schweiz musste ich als Frau viel mehr kämpfen und ich erfuhr stärkere geschlechtsbedingte Benachteiligung als hier.»

Wie unterscheiden sich die Schweizer Männer von den libanesischen?
Ich lebe seit zwei Jahren hier und habe noch nie eine Situation erlebt, die ich in der Schweiz nicht auch hätte erleben können. Im Gegenteil: In der Schweiz musste ich als Frau viel mehr kämpfen und ich erfuhr stärkere geschlechtsbedingte Benachteiligung als hier. Was auch damit zusammenhängt, dass ich hier Botschafterin bin, in der Schweiz hingegen Studentin, Hotdog-Verkäuferin, Tochter, Mutter und Ehefrau war.

Das erstaunt mich.
Sehen Sie: Als ich geboren wurde, durften Frauen in der Schweiz noch nicht einmal abstimmen. Im Lauf meiner Karriere in einer Männerdomäne musste ich mich sehr oft behaupten, heute muss ich das kaum mehr. Klar, heute bin ich 51 und habe meinen Titel, das hilft. Ausserdem bin ich Mutter – und Mütter werden in der arabischen Welt einfach respektiert. Jeder Politiker, egal welcher Partei oder Religion, fragt mich zuerst nach meiner Familie. Ob ich einen Mann und Kinder habe, ob es den Kindern im Libanon gefalle. Vor dem Politischen spricht man immer über die Familie.

Gefällt es den Kindern hier?
Nur noch mein jüngerer Sohn ist hier, der ältere ist zurück in der Schweiz. Maximilian ist 16.

Wie ist es als Botschafterkind?
Maximilian spricht fünf Sprachen fliessend und hat ein unglaubliches politisches Gespür. Das hat auch mit meinen Destinationen zu tun, er hat in Israel und in der Türkei gelebt und wurde früh politisiert. In Beirut besucht er die französische Schule, in seiner Freizeit spielt er gern Fussball. Oder er kocht. Genau wie mein Mann ist er ein wahrer Held am Herd. Ganz im Gegenteil zu mir (lacht).

Die vielen Umzüge haben den Kindern nichts ausgemacht?
Doch, der Ältere hatte schon mal eine Krise und meinte, dass er seine Freunde wegen meiner Karriere verliere. Aber es ist schön, die Kinder haben bis heute Kontakt zu ihren Freunden von meinen früheren Einsatzorten.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Als Ausgleich zu meinen 16-Stunden-Arbeitstagen jogge und trekke ich fürs Leben gern. Den Libanon kann man auf 440 Kilometern wilden Wanderwegen zu Fuss durchqueren. Das habe ich gemacht.

So eine Karriere geht nur, wenn der Mann zu Hause auf die Kinder schaut, oder?
Mein Mann hat in jedem Land, ich dem ich stationiert war, auch einen Job gefunden. Er hat für Thinktanks gearbeitet oder unterrichtet, aber stets in einem Teilzeitpensum. Dadurch war er mehr zu Hause. Er hat die Kinder zur Schule gefahren und mit ihnen Hausaufgaben gemacht. Nicht ich.

Sind Sie eine Feministin?
Ja. Oh ja! Heute ist es zum Glück so, dass es immer mehr Leute gibt, die sagen: «There is nothing bad in being a feminist.»

Seit Oktober revoltieren Tausende Demonstranten unmittelbar vor der Botschaft gegen die Regierung und die Korruption. Wie nehmen Sie die Revolution wahr?
Diese Revolution wird angeführt von der Jugend, von den Frauen und von liberalen Schiiten, die bei der Hizbollah und anderen schiitischen Bewegungen keine Heimat finden. Die Bewegung geniesst in der ganzen Bevölkerung sehr viele Sympathien. Sogar der General der libanesischen Streitkräfte hat zu mir gesagt: «Meine Rolle ist es, die Demonstranten zu beschützen.» Wenn der Präsident ihm den Befehl geben würde, die Protestierenden zu attackieren, würde er wohl zurücktreten.

«Ein Drittel der Libanesen lebt unter der Armutsgrenze. Gerade den Jungen reicht es wirklich.»


Wovon haben die Leute denn am meisten die Nase voll?
Ein Drittel der Libanesen lebt unter der Armutsgrenze. Die Infrastruktur ist desolat, die Arbeitslosigkeit hoch. Also gibt es Parallelsysteme, das Wasser wird beispielsweise in Tankwagen zu den Häusern gebracht und alles läuft über Vitamin B. Lokale Leader sorgen dafür, dass die Grossmutter ins Spital kommt und der Sohn einen Platz an der Uni erhält. Gerade die Jungen haben davon die Nase voll.

Was treibt sie an?
Sie haben kaum Perspektiven. Es gibt 53 Universitäten im Libanon, 50'000 Studenten schliessen jährlich ihre Ausbildung ab und streiten sich dann um 3500 Jobs. Diese Jungen haben nichts zu verlieren. Die Zugeständnisse, die die Politiker gemacht haben, genügen ihnen nicht. «It’s too little, too late», sagen sie. Egal, wie es mit der Revolution weitergeht: Der Libanon wird danach nicht mehr dasselbe Land sein. Die Demonstranten werden nicht aufhören, bis sich etwas ändert.

Bis die Regierung ausgewechselt wird?
Ja, ich gehe davon aus, dass sie nicht nachgeben werden. Premierminister Saad Hariri ist nach zwei Wochen Demonstrationen zurückgetreten, weil er keinen Ausweg mehr sah. Für die Demonstrierenden war das nur der Anfang.

Christen, Sunniten, Schiiten, Junge, Alte, Familien – man hat den Eindruck, die Revolution vereint ganz viele unterschiedliche Menschen.
Das ist so. Ein Beispiel: Die meisten meiner Freundinnen sind Christinnen, die nie ihr Quartier verlassen – nun aber strömen sie alle auf den zentralen Märtyrerplatz, wo sich die Demonstranten treffen. Sie sind begeistert, auch von den schönen, muskulösen jungen Männern (lacht), den Sunniten und Schiiten, denen sie im Normalfall kaum begegnen. Sie entdecken erst jetzt ihr eigenes Land und ihre Mitbürger. Die Revolution vereint alle und es geht dabei auch darum, mit der blutigen Vergangenheit abzuschliessen.

Mit dem Bürgerkrieg (1975-1990) meinen Sie?
Ja, im Libanon gibt es keine Vergangenheitsbewältigung. Als Botschaft arbeiten wir stark auf diesem Thema. Wir sagen den Politikern, sie müssten sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen, sonst verstehen sie die Gegenwart nicht und können die Zukunft nicht planen.

Sprechen Sie die Politiker auch auf die Korruption an?
Puh, auf eine diplomatische Art versuche ich das. Aber es muss von ihnen aus kommen, ich bin kein Life Coach, der ihnen sagt, was sie falsch machen. Wenn ich gefragt werde, äussere ich meine Meinung durchaus.

Und abends bei einem Glas Arak, dem typischen Anisschnaps: Wird da Klartext gesprochen?
Es ist absurd, bei diesen Dinners behaupten alle immer gern, wie toll sie diese Revolution finden. Dabei sind sie ja Teil des Systems und profitieren von den kritischen Zuständen.

Das klingt schizophren ...
Ja, vermutlich bräuchte es einen Psychologen, um das zu erklären. Innerhalb des Systems verhalten sich alle plötzlich gleich.

«Ich habe den Politikern klargemacht, dass sie sich an die Gesetze halten müssen, wenn sie Schweizer Investitionen wollen.»


Können Sie Ihre Meinung auch mal anklingen lassen?
Im Kontakt mit den Offiziellen bleibe ich in meiner Rolle. Aber für mich ist klar, dass die Korruption dem Land schadet. Wenn die Misswirtschaft Schweizer Unternehmen betrifft, kann ich offener reden. Es gibt Schweizer Unternehmen, die Aufträge von Ministerien angenommen und dann zwölf Jahre auf ihr Geld warten mussten. Da bin ich von Pontius zu Pilatus gegangen und habe den Politikern klargemacht, dass sie sich an die Gesetze halten müssen, wenn sie Schweizer Investitionen wollen. Das hat gefruchtet.

Was sind weitere Erfolge?
Ich habe die Schweizerische Botschaft im Libanon integriert, also das Deza-Büro und die Botschaft zusammengeführt. Es ist meinem Team gelungen, die Schweiz als ernstzunehmende Partnerin in allen Bereichen – humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit, Menschenrechte, Migration, Politik, Kultur – zu positionieren. Ganz besonders gefreut habe ich mich über den gelungenen letztjährigen Besuch von Bundespräsident Alain Berset.

Die Hizbollah gilt in einigen Staaten als Terrororganisation, im Libanon ist sie Regierungspartei, und Sie müssen mit ihren Vertretern zusammenarbeiten.
Ja. Ich bin überzeugt, dass es mehr bringt, miteinander im Gespräch zu sein, als den Dialog zu vermeiden. Dass wir mit allen sprechen können, macht uns stark.

Veruntreute libanesische Gelder sollen auf Schweizer Konten lagern – Geld, das eigentlich dem Volk gehört.
Das ist hier ein grosses Thema. SP-Nationalrat Fabian Molina forderte den Bundesrat auf, sich des Themas anzunehmen. Die aktuelle libanesische Regierung hat aber kein Interesse, dazu ein Amtshilfebegehren zu stellen. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Die Demonstrationen finden unmittelbar vor der Schweizer Botschaft statt. Meistens ist es friedlich, aber es gab auch schon Tote. Haben Sie Angst?
Nein, ich habe keine Angst, aber oft ein mulmiges Gefühl. Ich bin verstärkt beunruhigt, wenn mein Sohn spät nach Hause kommt. Wir erhalten im Stundentakt Mitteilungen über Strassensperren, Demonstrationen, Ausschreitungen. Das erhöht die Verunsicherung. Unser Sicherheitsteam arbeitet ununterbrochen und wir haben das Sicherheitsdispositiv markant verstärkt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Libanon?
Ich wünschte mir, dass all die kreativen, friedlichen, intelligenten, politisch ausgereiften, religionsübergreifenden und feministischen Rufe der Strasse gehört und umgesetzt würden. Der Libanon ist ein wunderbares Land, mit einer eindrücklichen Kreativität und Produktivität und sehr gebildeten Menschen. Gestärkte staatliche Strukturen könnten Wunder bewirken.