Kulturelle Elite

17. November 2015 10:43; Akt: 17.11.2015 10:43 Print

«Wer Erfolg haben will, muss ein Hipster sein»

von Ph. Flück - Jugendforscher Philipp Ikrath* hat ein Buch über Hipster geschrieben. Im Gespräch erklärt er, warum diese die Welt verändern werden.

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Philipp Ikrath hat das Buch «Hipster. Trendsetter und Neo-Spiesser» geschrieben. (Bild: Foto Wilke)

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Herr Ikrath, sind Sie ein Hipster?
Nein, dafür bin ich zu alt. Hipster sind typisch für den Zeitgeist der 2000er, ich gehöre noch zur Generation X.

Warum haben Sie dann ein wissenschaftliches Buch darüber geschrieben?
Mich hat die Frage interessiert, warum der Hipster, anders als andere jugendliche Subkulturen, so viel Hass und Häme abbekommt. Das Buch ist eigentlich nicht streng wissenschaftlich. Ich würde es eher als Essay bezeichnen: Es enthält viele Mutmassungen, Theorien und Gedankenspiele.

Im Titel des Buches bezeichnen Sie Hipster als Neo-Spiesser. Was hat es damit auf sich?
Der Hipster geht, ohne es zu wissen, konform mit dem herrschenden Zeitgeist und ist diesem total angepasst. Deswegen bezeichne ich ihn als Spiesser, wenn auch nicht als einen der herkömmlichen Sorte. Der herkömmliche Spiesser hat nämlich den Zeitgeist einer vergangenen Epoche widerspiegelt, während der Hipster den der Gegenwart verkörpert.

Was macht den Hipster überhaupt aus?
Ein Hipster ist jemand, der eine bestimmte Mentalität oder Geisteshaltung verkörpert. Diese besteht darin, dass die Welt sich in einem sich ständig veränderten Fluss befindet. Er ist ausserdem ein Produkt des Kapitalismus. Damit meine ich nicht den traditionellen, archaischen Kapitalismus, sondern den neuen Kapitalismus, der flexibel ist und sich den Wünschen seiner einzelnen Kunden anpasst. Deshalb ist auch der Hipster auf der höchsten Stufe flexibel. Zum Beispiel ändert er oft den Beruf.

Man könnte aber entgegnen, Hipster seien einfach unentschlossen.
Nein, da gibt es einen Unterschied: Der Hipster ist nicht unentschlossen, er verändert alles, weil er die Veränderung in seinem Leben begrüsst. Für den Hipster verändert sich alles nur zum Besseren. Dinge, die gleich bleiben, langweilen ihn hingegen.

Muss ein Hipster denn vollbärtig sein und eine Hornbrille tragen, wie er oft dargestellt wird?
Nein. Natürlich gibt es solche äusserlichen Merkmale wie lange Bärte oder Stofftaschen, die man mit Hipstern verbindet, doch Hipster können völlig unterschiedlich aussehen. Das Einzige, was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie in Städten leben, finanziell aus guten Verhältnissen kommen und ein hohes Bildungsniveau haben.

Wo steht der Hipster in der Politik?
Seiner Mentalität entsprechend ist ein Hipster politisch sehr offen. Besonders bei gesellschaftlichen Themen ist das der Fall. Zum Beispiel wird er wohl kaum etwas dagegen haben, wenn Homosexuelle eine Familie gründen wollen. Dies aber nicht, weil er toleranter wäre als andere Menschen, sondern weil er nach dem Motto lebt: leben und leben lassen.

Trotzdem hat der Begriff Hipster heute oft eine eher negative Konnotation.
Das stimmt. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass viele Leute nichts mit dem Hipster und seiner Mentalität anfangen können. Wer nämlich traditioneller denkt, hat Angst, unter die Räder des Hipsters und seiner Denkweise zu kommen.

Ist das eine berechtigte Angst?
Ja. Hipster sind daran, eine Welt zu erschaffen, die immer mehr ihrer Mentalität entspricht. Wer in Zukunft erfolgreich sein will, wird sich den Hipstern anpassen müssen.

Werden wir in Zukunft also Hipster-Politiker und Hipster-Banker haben?
Auf jeden Fall. Hipster werden sicher in einflussreiche Positionen kommen. Dies liegt nicht nur daran, dass sie besser gebildet sind als der Durchschnitt, sondern auch daran, dass sie den herrschenden Zeitgeist verkörpern. Bereits heute sieht man das: Es gibt schon viele Leute, die ihre eigenen Start-ups erschaffen wollen und sich nicht auf ein Projekt festsetzen wollen, sondern gleichzeitig mehrere Dinge am Laufen haben. Das ist typisch Hipster.

Im Zusammenhang mit Hipstern hört man oft, dass diese nicht dem Mainstream entsprechen wollen. Woher kommt diese Angst, Mainstream zu sein?
Das hängt damit zusammen, dass die Hipster eine Elite sind. Sie stehen für eine höhere Kultur. Der Hipster hört keine Hitparade, kleidet sich nicht im H&M und isst nicht im McDonald's. Das sind alles Dinge für die grosse Masse, von der sich der Hipster unbedingt abgrenzen will. Man kann sie mit den früheren kulturellen Eliten vergleichen, die etwa Händel oder Bach hörten, um sich vom Pöbel zu unterscheiden.

Das kann ziemlich überheblich wirken.
Das ist durchaus so. Aber eigentlich haben Hipster nur höhere Ansprüche als der Durchschnittsbürger.

*Philipp Ikrath ist Vorsitzender und wissenschaftlicher Leiter bei Juggendkulturforschung.de, ein Verein, der auf nicht-kommerzielle Jugendforschung spezialisiert ist. Er hat ausserdem das Buch «Hipster. Trendsetter und Neo-Spiesser» geschrieben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • stinknormal am 17.11.2015 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Warum wir Hipster nicht mögen

    Dass wir keine Hipster mögen hat nichts mit traditionellen oder bürgerlichen Denkweisen zu tun. Die Klischee-Hipster sind überheblich und belächeln "Normalos", obwohl sie sich selbst alle genau gleich kleiden und dieselben Selfies posten für die sie 100 Anläufe und 7 Filter brauchten. Sie stehen an Konzerten gelangweilt rum und kommentieren anschliessend auf Instagram, wie phänomenal es war. Kurz: Sie legen total viel Wert auf den Schein, aber mit Sein ist oft nichts. Sie sind Herdentiere, die meinen, total individuell zu sein.

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  • Gandalf am 17.11.2015 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    Verblendung und Schönrederei!

    Dieser beiden Sätze kann man auch ganz einfach ausdrücken: "Wer Erfolg haben will, muss ein Hipster sein", "Das Einzige, was sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie in Städten leben, finanziell aus guten Verhältnissen kommen und ein hohes Bildungsniveau haben." soll heissen: Wer in der heutigen Zeit Efolg haben will braucht reiche Eltern die einem die Uni finanzieren damit man später mal Efolg und Geld hat, oder einfacher gesagt wer einmal zur Elite gehört wird wohl auch in Zukunft dazu gehören!

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  • T. Birke am 17.11.2015 10:48 Report Diesen Beitrag melden

    Da die Trends schnell wechseln

    ist das Buch leider zu spät erschienen. Hipster sind out. Rokus sind in.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gwunderi am 18.11.2015 17:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hipster

    Was ist/tut ein Hipster? Würde mich interessieren woher/wieso dieser Name? Danke für die Aufklärung......

  • Susifertig am 18.11.2015 08:08 Report Diesen Beitrag melden

    Guter Essay, aber...

    Auf höchster Stufe flexibel? Wohl eher inkonsequent! Flexibilität wird oft mit Inkonsequenz verwechselt, Zeitgeist eben. Hipster sind Beschleuniger. Das zeigt sich in den Dingen die sie langweilen. Was sie nicht beschleunigen + intellektualisieren können ist nichts, doch um zu verändern anstatt anzupassen, müssten sie in die Entschleunigung. Etwas das für sie einem Stilstand gleichkommt. Verlangsamung ist ihr Albtraum darum leben sie in Städten und nicht auf dem Land wo man mit dem Tempo der Natur geht. Im Eifer vergessen sie sogar dass wir alle die Masse sind ergo, auch sie zur Masse gehören.

  • max miller am 18.11.2015 07:47 Report Diesen Beitrag melden

    Hipsterie

    Die Hipster sind wohl so dermassen individuell, dass sie sogar einen VW-Golf fahren =))

  • Zeit_Genosse am 17.11.2015 22:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kurzdefinition

    Ein Hipster ist jemand der kein Hipster sein möchte.

  • Klose am 17.11.2015 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso?

    Was bringt uns das? Ohne Fakten und Beispielen kann ich auch behaupten, was ich will. Dieser Jugendforscher forscht nach überflüssigem Zeug. Er sollte lieber herausfinden, wie die Jugend von Heute später AHV bekommt oder irgend so was.