Umgangsformen

03. Dezember 2018 19:00; Akt: 09.05.2019 15:49 Print

«Wer Nähe zulässt, gilt schnell als unmännlich»

Umarmungen und Zärtlichkeiten zwischen Männern sind laut Experten weiterhin ein Tabu. Doch nicht alle fürchten sich davor, ihre Freunde in den Arm zu nehmen.

Bringen wir Männer auf der Strasse dazu, ihren Kollegen zu umarmen? (Video: Jan Dino Kellenberger/Noah Zygmont)
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Ein kurzes Drücken und der obligate Schlag auf den Rippenbogen geht gerade noch. Aber wehe, die Umarmung dauert länger als eine Sekunde. Dann werden Männer nervös. Das behauptet Daniel Bekcic, der Leiter Politik von Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen.

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«Wenn zu viel Nähe entsteht, schicken Jugendliche heute gleich ein ‹no homo› hinterher, um sich zu versichern, dass sie wegen der Berührung nicht als homosexuell – und in ihrer Wahrnehmung damit als unmännlich – gelten», so Bekcic. Das zeige ein problematisches Verständnis von Männlichkeit, das man überwinden müsse, denn Umarmungen könnten viele Probleme lösen (20 Minuten berichtete).

«Erhalte keine negativen Reaktionen»

Einer, der absolut keine Berührungsängste hat, ist der ehemalige Bachelor – und damit ein Aushängeschild der heterosexuellen Männlichkeit – Janosch Nietlispach. «Ich nehme all meine Freunde oder Familienmitglieder in den Arm und gebe ihnen auch mal einen ‹hug›. Sobald ich eine Person mag und sie mir positive Energie gibt, gebe ich das gern in dieser Form zurück.» Er sei generell eine sehr offene Person und habe viel Liebe zu verteilen.

Janosch findet aber nicht, dass jeder Mann so viel Nähe zulassen müsse wie er: «Jeder sollte für sich selber entscheiden, welche Umgangsform ihm am ehesten entspricht. Jeder hat seine eigene Art.» Er selber fühle sich sehr wohl damit und habe nie negative Reaktionen erhalten.

Der Co-Präsident der Jungen SVP des Kantons Bern, Nils Fiechter, sieht das ganz anders: «Ein Männerdachverband, der sich Sorgen um Zärtlichkeiten statt um Bier und rotes Fleisch macht, vertritt die Männer nicht.» Er fügt hinzu: «Spass beiseite, ich gebe meinen Freunden die Hand und würde sie niemals einfach so umarmen. Das entspricht nicht unseren Umgangsformen in der Schweiz und muss deshalb nicht erzwungen werden.» Falls zu wenig Zärtlichkeit unter Männern tatsächlich ein Problem für die Gesellschaft wäre, würde sich das automatisch korrigieren. «Wenn jemand seine Freunde gern so begrüsst, ist das seine Sache. Ich selbst würde das aber nicht wollen.»

Gegensätzliche Strömungen

Gabriella Schmid, Soziologin am Institut für Gender und Diversity der Fachhochschule Ostschweiz, bestätigt, dass die Angst davor, als homosexuell zu gelten, in gewissen Milieus noch immer weit verbreitet ist. «Momentan gibt es zwei gegensätzliche Strömungen: einerseits die liberalen, meist städtischen Kreise, in denen die Geschlechterbilder vielfältiger werden und die Rollenbilder weniger eng sind als früher. Gleichzeitig gibt es in konservativen Kreisen eine Retraditionalisierung. Dort dominiert das Bild des Mannes, der keine Schwäche zeigt.» Ein Mann, der Gefühle oder Nähe zulasse, gelte dort schnell mal als unmännlich und homosexuell.

Auch in besonders religiösen und bibeltreuen Gruppierungen sei Homophobie häufig. «Es braucht in unsere Gesellschaft noch einiges an Aufklärung, bis Homosexualität enttabuisiert und entstigmatisiert wird», sagt Schmid.

«Freundschaften verändern sich momentan sowieso»

Der Freundschaftsforscher Steve Stiehler von der Fachhochschule St. Gallen warnt davor, mit der Forderung nach mehr Zärtlichkeit unter Männern einen neuen gesellschaftlichen Druck aufzubauen: «Sicherlich tut es Freundschaften gut, wenn sie körperliche und emotionale Nähe beinhalten. Eine Freundschaft, die das nicht enthält, ist aber sicherlich nicht per se schlechter. Freundschaften sind subjektiv und vielschichtig.» Es sei gefährlich, distanziertere Männerfreundschaften abzuwerten, so Stiehler.

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • snickers am 03.12.2018 19:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Männlichkeit

    Viele Männer wissen leider einfach nicht mehr was Männlichkeit bedeutet, wassehr schade ist. Ein Mann zu sein bedeutet NICHT das tollste Auto zu besitzen, am meisten zu Saufen, rumpöblen oder ein Muskelprotz zu sein. Für mich als Frau ist nicht Männlicher als Selbstbewusstsein, führsorge, tolerant, zu seinen entscheidung zu stehen, gefühle zeigen etc. Leider gibt es von dieser sorte Mensch zu wenig sowohl bei den Männer wie auch bei den Frauen.

  • Fritz am 03.12.2018 20:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arme Welt

    Warum muss heutzutage alles Hinterfragt werden, dass soll doch jeder halten wie er möchte. Alles adere wäre eh nicht Ehrlich, aber heute sind viele Menschen nicht mehr ehrlich zu sich selber und passen sich dem Zeitgeist an. Der übrigens immer kränker und kränker wird.

  • Bingo Pallino am 03.12.2018 20:11 Report Diesen Beitrag melden

    Tut gut

    Ich komme aus einer Familie in der dies nie so oft praktiziert wurde. Vor 20 Jahren ging ich zum ersten mal in die USA und war zu Gast bei einer "hugging family". Also einer Familie die das "Umarmen" als normal und gut ansah. Es war ein neues und erhebendes Gefühl! Männer sollten sich wie Frauen auch umarmen. Das geht unter guten Freunden ohne Probleme. Mit Fremden vermutlich eher nicht... Aber trotzdem, probiert es aus, es tut nicht weh, im Gegenteil! Man fühlt sich einfach gut und es ist sicher keine Schande. :-)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dumby am 03.12.2018 21:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Come on

    Nähe ist gut! Das ist doch zu 90% ein Oberflächliches Getue um Nähe vorzutäuschen.

  • sempre fidelis am 03.12.2018 21:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Würde jedem guttun

    Eine Umarmung tut auch den harten Jungs gut. Doch eine umarmung unter Jungs ist eine Geste der unterstützung und läuft in der Regel immer gleich. Kürzes drücken und drei Schläge auf das linke Schulterblatt. Ich ZB brauche ein strikten Abstand zu meinem Gegenüber und kann es nicht ausstehen wenn mir Einer zu nah kommt, denn dies kann durchaus als provokativ empfunden werden.

  • Dave74 am 03.12.2018 21:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Künstlich hochschaukeln

    Ich verstehe nur Schwafel, Schwafel. Obwohl ich eher Distanz zu körperlichem Kontakt nehme, werde ich einen vermeintlich verschollenen, genesenen oder z.B. traurigen Kumpel, egal ob Mann oder Frau umarmen und begrüssen, beglückwünschen oder trösten. Übertriebene Begrüssungszeremonien liegen mir sonst nicht und in meinem Umfeld wird das normalerweise kurz angesprochen und respektiert. Küsschen. Jetzt in der Naseputzzeit gar einfach "Hallo".

  • SP am 03.12.2018 20:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na und ?

    Ich bin so z.t italienisch aufgewachsen, Mutti kommt aus Kerzers ;-) Ich umarmte und küsste rechts und links, meine Cousins und Cousinen. Auch mein bester Kumpel, wir umarmen uns immer wenn wir uns sehen. Wenn ich deswegen in gewissen Kreisen als unmännlich gelte, ist mir dies sowas von Egal !

  • Sersery am 03.12.2018 20:48 Report Diesen Beitrag melden

    Jedem das Seine

    Kommt auf den Kulturkreis an. Bei uns ist es ein Zeichen der Brüderlichkeit. Komme aus der Türkei.